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Kamp-Lintfort
Beim Knappenchor ist Schicht im Schacht

Kamp-Lintfort: Beim Knappenchor ist Schicht im Schacht
Schriftführer Heinz Oppermann, der Stellvertretende Vorsitzende Günther Riedel, und der dienstälteste Sänger Norbert Wuttke (von links) im Jahr 2013 vor dem Förderturm des Bergwerks "Friedrich Heinrich". FOTO: Klaus Dieker (Archiv)
Kamp-Lintfort. Nach mehr als 100 Jahren löst sich der Gesangsverein "Friedrich Heinrich" am Jahresende auf. Dem traditionsreichen Chor fehlt der Nachwuchs. Das Durchschnittsalter der Sänger liegt bei 79 Jahren. Von Peter Gottschlich

"Ade, Ade, Herzliebste mein . . . " Die fünfte Strophe des Steigerliedes intonieren die Sänger des Knappengesangsvereins "Friedrich Heinrich" bei jedem Auftritt - immer leise und wehmütig. "Einigen Zuhörern kommen dabei die Tränen", sagt Norbert Wuttke, der seit 63 Jahren im Verein singt. Tränen fließen jetzt beim dienstältesten Mitglied und den anderen Sängern, denn zum Jahresende löst sich der Knappengesangsverein auf.

Im Jahr 1912 war der Chor gegründet worden, "In Freud und Leid zum Lied bereit" sein Wahlspruch. Das ist vorbei. "Uns fehlen die Tenöre", berichtet Chorleiter Peter Stankowiak. "Wir können nur noch auftreten, wenn gleichzeitig alle da sind." Das ist in den vergangenen Jahren immer schwieriger geworden. Der Nachwuchs blieb aus, der Chor überalterte. "Das Durchschnittsalter liegt mittlerweile bei 79 Jahren", sagt der stellvertretende Vorsitzende Günther Riedel. "Unser ältestes aktives Mitglied ist 91. In den vergangenen Jahren sind mehrere Sänger verstorben." Selbst wenn alle gesund sind, singen nur noch 25 Knappen mit, davon eine Handvoll Tenöre. Als der traditionsreiche Chor Ende 2012 sein 100. Jubiläum feierte, waren es noch 30 gewesen. In der Hochphase in den 1960er Jahren hatte er 60 Sänger.

"Wir haben immer wieder versucht, jüngere Mitglieder zu gewinnen", erzählt Norbert Wuttke, der sich 1952 mit 15 Jahren dem Verein anschloss, als er auf dem Bergwerk "Friedrich Heinrich" Berglehrling wurde. "Wir haben den Verein auch für Nicht-Bergleute geöffnet. Aber in den vergangenen Jahrzehnten ist fast niemand mehr eingetreten. Das ist traurig. Aber mit diesem Problem kämpfen alle Männergesangsvereine. Früher hat man auf dem Bergwerk angefangen und wurde gefragt, ob man gerne im Knappengesangsverein singen würde. Dann ist man eingetreten."

Doch heute gibt es das nicht mehr. "Die Jugend hat seit langem andere Interessen", sagt Günther Riedel. "Bevor die Leute sagen, sie hätten uns schon einmal besser singen gehört, haben wir uns entschlossen, aufzuhören. Die Tradition des Liedgutes aus dem Bergbau wird verstummen. In 50 Jahren werden die Menschen nur noch das Steigerlied kennen."

"Glück auf, glück auf, der Steiger kommt": Dieses Lied haben die Männer des Knappengesangsvereins "Friedrich Heinrich" natürlich am 4. Dezember bei der Barbarafeier der Fördergemeinschaft für Bergmannstradition angestimmt. Zweimal werden sie es noch singen: Am 12. Dezember intonieren sie es bei einem Awo-Treffen, das um 14.30 Uhr in der Stadthalle beginnen wird. Und am 18. Dezember tragen sie es bei einem Gottesdienst vor, der um 19 Uhr in der Kapelle des St.-Bernhard-Hospitals gefeiert wird - zusammen mit dem Chor "Tritonus".

Drei Tage zuvor, am 15. Dezember, treffen sich die Sänger zu einer Versammlung, zu der Schriftführer Heinz Oppermann im Auftrag des Vorstandes eingeladen hat. Haupttagesordnungspunkt ist, "Ade, Ade, Herzliebste mein" zu sagen: die Auflösung des Vereins.

Quelle: RP
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