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Kamp-Lintfort
Das Leben nach dem Grubenunglück

Kamp-Lintfort: Das Leben nach dem Grubenunglück
Albrecht Kowalski hat seiner Tochter Susanne seine Geschichten erzählt. Die Kamp-Lintforterin hat sie aufgeschrieben. Daraus entstand das Buch "Er war kein Bergsteiger". Kowalski hatte die Schlagwetterexplosion auf Rossenray vor 50 Jahren miterlebt. FOTO: Christoph Reichwein
Kamp-Lintfort. Susanne Kowalsky hat die Geschichten ihres Vaters Albrecht Kowalski aufgeschrieben, der die Schlagwetterexplosion auf dem Bergwerk Rossenray vor 50 Jahren überlebte. Jetzt sind sie als Buch erhältlich. Von Peter Gottschlich

Kurz vor Weihnachten hatte Susanne Kowalsky die Idee, ein Buch über ihren Vater Albrecht Kowalsky zu schreiben. "Ich habe von der Zeche Auguste Victoria in Marl gehört, bei der im Dezember der Deckel zugemacht wurde", erzählt die langjährige Kamp-Lintforterin. "Jetzt gibt es nur noch das Bergwerk Prosper-Haniel in Bottrop, das in zweieinhalb Jahren schließt. Da habe ich gedacht, die Geschichten meines Vaters als Buch zu veröffentlichen."

So entstand das Buch "Er war kein Bergsteiger". Seit Anfang April wird es auf Bestellung gedruckt und ist im Buchhandel erhältlich. "In der ersten Klasse durften alle Kinder erzählen, welche Berufe ihre Väter haben", berichtet Susanne Kowalsky schmunzelnd, wie sie auf die Idee zum Titel kam. "Ich habe Bergsteiger gesagt. Als die Lehrerin nachgefragt hat, habe ich gesagt, Papa würde immer nach unten in den Berg fahren, wo er Steiger sei."

Basis des Buches sind Geschichten, die Albrecht Kowalsky seiner Tochter erzählte, um sie ab 2009 auf seine Internetseite zu setzen. "Im Laufe der Jahre wurden es immer mehr", erzählt die Autorin. Schließlich hatte Albrecht Kowalsky viel zu erzählen. Im September 1931 wurde er in Gladbeck geboren, als ältester von sieben Kindern. Seine Mutter kümmerte sich um Haus, Garten und Kinder, während sein Vater auf der Zeche Mathias Stinnes malochte. Dort fing Albrecht Kowalsky 1947 seine Lehre als Berglehrling an. Drei Jahre später lernte er an Rosenmontag Waltraud Kowalsky kennen. Sie arbeitete im Kindergarten der Zeche Graf Moltke. "Am Anfang durfte ich sie jeden Sonntag besuchen, um ins Kino oder Theater zu gehen", erinnert sich Albrecht Kowalsky. "Aber ich musste um 22 Uhr wieder zu Hause sein. Erst als wir eine eigene Wohnung fanden, konnten wir heiraten." Das war 1955, als er bereits für einen Unternehmer arbeite, der auf Schachtbau und Streckenvortrieb Untertage spezialisiert war.

1960 wechselte er zum Bergwerk Rossenray. "Dieses Bergwerk stellte eine Wohnung bereit und zahlte mehr Lohn als andere", sagt Albrecht Kowalsky. Auf Rossenray war er Sprengmeister. Er erlebte das Grubenunglück aus unmittelbarer Nähe mit, das sich am 16. Februar 1966, am Tag vor Altweiber, kurz vor 12 Uhr auf der 700-Meter-Sohle ereignete. "Mit rund 25 Bergleuten befanden wir uns in 800 Meter Entfernung von Explosionsstrecke, um Kohle zu fördern", erzählt er. "Plötzlich gab es einen fürchterlichen Knall, eine Explosion. Eine so furchtbare Explosion habe ich nie wieder in meinem Leben gehört. Alles war darauf abgestellt, möglichst schnell nach oben zu kommen. Wir passierten die Unglücksstelle im Flöz Präsident. Dort habe ich das erste Mal in meinem Leben Bergleute Untertage weinen sehen. Leute der Grubenwehr waren versammelt, die die ersten Toten geborgen hatten." Die Kumpel erfuhren von der Schlagwetterexplosion, also von einer Explosion eines unsichtbaren und geruchslosen Methangasgemisches. 16 Bergleute waren ums Leben gekommen. "Explosionssperren hatten verhindert, dass die Explosion zu uns durchgeschlagen hat", sagt Albrecht Kowalski.

"Wir waren ja nur 800 Meter entfernt. Als Ortsältester, also als Vorarbeiter, waren meine 25 Leute und ich mit zusätzlicher Verstärkung aus anderen Bereichen am nächsten Tag für die Aufräumarbeiten eingesetzt. Dabei haben wir noch einen toten Bergmann entdeckt. Die Ursache konnte nie 100-prozentig geklärt werden. Die Explosion soll durch einen Funken an einem Schaltkasten ausgelöst worden sein. Einige Bergleute haben direkt nach dem Unglück aufgehört." Albrecht Kowalsky gehörte nicht dazu. "Ich habe die Kameradschaft geschätzt", sagt er. "Die Bergleute halten zusammen."

Weil er als Erster längere Zeit am Unfallort war und die Explosion aus unmittelbarer Nähe erlebt hatte, war er später gefragter Gesprächspartner für Zeitungen, Radiosender und Fernsehsender, wenn diese über das Grubenunglück von 1966 berichten, das als größtes am linken Niederrhein gilt.

Das Buch "Er war kein Bergsteiger" ist ein "Book on Demand" und wird auf Anfrage gedruckt. Das dauert drei bis zehn Tagen. Es hat die ISBN 978-3-7375-9408-0, kostet 8,99 Euro und ist über den Buchhandel erhältlich.

Quelle: RP
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