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Serie Mein Viertel
Das Leben unter der Kirchturmspitze

Serie Mein Viertel: Das Leben unter der Kirchturmspitze
Pastor Stefan Maser zog 1997 mit seiner Familie nach Hoerstgen. Sie wollten auf dem Land leben. FOTO: Christoph Reichwein
Moers. Hoerstgen mit seinen 1000 Einwohner ist durch die evangelische Kirchengemeinde geprägt. Die Infrastruktur hat sich in den letzten Jahren verändert. Während Geschäfte aufgaben, verbesserte sich das kulturelle Angebot. Von Peter Gottschlich

Es gibt nur wenige Dörfer am unteren Niederrhein, in denen eine Kirchturmspitze so sehr im Mittelpunkt steht wie in Hoerstgen. "Jahrhundertlang waren die weltliche und die kirchliche Gemeinde fast eins gewesen", berichtet Pfarrer Stefan Maser. "Hoerstgen war freie Reichsherrlichkeit, also ein Miniaturstaat. Es gehörte den Herren von Milendonk. Fast alle Hoerstgener waren evangelisch, außer den jüdischen Einwohnern, die hier Schutz fanden." 1997 kam der gebürtige Rheydter nach Hoerstgen, zusammen mit seiner Frau Katja Maser sowie ihren Kindern Adrian, Lukas und Johanna. "Wir wollten auf dem Land leben", berichtet Katja Maser.

"Hier ist Grün, hier ist Platz, hier können die Kinder draußen spielen. Außerdem wollte mein Mann in einer Kleingemeinde arbeiten, in der es einfach unmittelbar zugeht, in der es den direkten Draht zu den Presbytern gibt. Hier muss eine Idee nicht erst durch mehrere Gremien laufen. Die Mitarbeiter und Presbyter besprechen sich. Dann läuft etwas Neues auch mal in zwei Wochen." Die Familie, die mittlerweile um zwei Mädchen auf sieben Personen gewachsen ist, ist naturverbunden. Im Garten, der sich hinter dem 180 Jahren Pastorat, ihrem Wohnhaus, erstreckt, laufen Ponys und zwei Hunde herum.

"Für mich hat das Leben drei Ebenen", sagt Stefan Maser. "Eine Ebene ist die Familie, eine die Gemeinde und eine die weltweite Ökumene, besonders die Verbindung zu Dios es Amor in Peru. In diesem Projekt werden Kinder eines Armenviertels in Lima unterstützt. Meine Frau hat zwei Jahre dort gearbeitet und das Projekt mit in die Gemeinde gebracht." Die weltliche und kirchliche Gemeinde sind heute nicht mehr ganz eins. "Das Dorf hat 1000 Einwohner, der Pfarrbezirk 1000 Evangelische", erzählt der Pfarrer. "Aber heute sind natürlich nicht mehr alle Hoerstgener evangelisch. Dafür gehören auch Evangelische außerhalb von Hoerstgen zum Pfarrbezirk, zum Beispiel in Kamperbrück oder auf dem Kamper Berg." Schließlich siedelten sich seit den 1990er-Jahren Neu-Hoerstgener an, vor allem in den Neubaugebieten Nepixfeld und Langerhof.

"Die Menschen sind zugezogen, die Geschäfte weg", sagt Stefan Maser. "Als wir vor 18 Jahren nach Hoerstgen kamen, gab es hier ein Hotel mit Restaurant, zwei Bäcker, zwei Bankfilialen, eine Metzgerei, ein Lebensmittelgeschäft und einen Friseur. Geblieben sind ein Bäcker und ein Friseur. Dazu gekommen ist eine Pizzeria. Die geschäftliche Infrastruktur hat sich verschlechtert, wie in vielen anderen Dörfern." Diese Verschlechterung war der Grund, vor vier Jahren eine Zukunftswerkstatt ins Leben zu rufen. In dieser trugen die Hoerstgener Ideen zusammen, welche kulturellen und sozialen Angebote im Dorf neu etabliert werden könnten. Drei Ideen wurden mit dem Engagement von Ehrenamtlichen umgesetzt.

So gibt es an jedem Freitagnachmittag ein Café im Haus der Freien evangelischen Gemeinde. Dort findet auch drei- oder viermal im Jahr ein Kulturcafé mit Musik oder Kleinkunst statt. Drittens wurde ein Seniorenmittagstisch ins Leben gerufen. Zu diesem kommen bis zu 20 Personen, um gemeinsam zu essen und sich zu unterhalten. Außerdem baute die Kirchengemeinde das Gemeindehaus um, in dem die Senioren jeden Dienstagmittag essen. Jetzt gibt es dort mehrere Räume, die zur gleichen Zeit von verschiedenen Gruppen genutzt werden können. Für die Kinder und Jugendlichen entstehen derzeit noch einige Räume, ähnlich wie bei der Freien Evangelischen Gemeinde, zu der ein guter Kontakt besteht.

In den letzten Jahrzehnten ist Hoerstgen in Musikkreisen durch seine barocke Orgel bekannt geworden. Sie gilt als älteste Königin der Instrumente in NRW, die am Originalort im weitgehenden Originalzustand erhalten ist. Sie wurde 1731 von der Werkstatt Thomas Weidtman errichtet. "Die Muziek Biennale ist regelmäßig bei uns zu Gast", erzählt Maser. "Für das Jahr 2016 hat auch das Kammermusikfestival Interesse angemeldet, ein Konzert in der Dorfkirche zu veranstalten.

Quelle: RP
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