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Serie Mein Viertel
Die Kolonie zwischen Gestern und Heute

Serie Mein Viertel: Die Kolonie zwischen Gestern und Heute
Bernhard Kames vom Verein Niederrhein in Kamp-Lintfort führt regelmäßig Besucher durch die Bergarbeiterkolonie im Schatten des Förderturms. Ihre Bauweise folgt dem Prinzip der "englischen Gartenstadt". Es gibt 25 verschiedene Bautypen. FOTO: Stoffel
Moers. Die Altsiedlung in Kamp-Lintfort gehört mit ihrer 76 Hektar großen Fläche zu den größten erhaltenen Arbeitersiedlungen in der Region. Bernhard Kames vom Verein Niederrhein geht mit Besuchern gerne auf Zeitreise durch die Kolonie.

Bernhard Kames kennt die Kolonie fast so gut wie seine Westentasche. Seit 2010 führt das Vorstandsmitglied des Vereins Niederrhein Besucher durch die Siedlung in Kamp-Lintfort, die die Zeche Friedrich Heinrich Anfang des 20. Jahrhunderts auf rund 76 Hektar für ihre Arbeiter aus dem Boden stampfen ließ. "Ich würde ja gerne sagen, dass es die größte erhaltene Arbeitersiedlung in Europa ist", sagt er schmunzelnd, doch: "Es fehlt mir leider der Beweis dafür." Der gemeinsame Spaziergang durch die Siedlung ist dennoch wie eine Zeitreise zurück in die Gründungsjahre des Bergwerks, als erste Koloniebewohner in die Zechenhäuser im Herzen der Stadt einzogen. Ein Erlebnis zwischen Gestern und Heute.

Bernhard Kames lebt selbst nicht in der Kolonie. Er wohnt mit seiner Familie in einem der früheren Steigerhäuser. "Mein Großvater Emil Theodor Kames, der auf der Zeche wie viele andere Männer Arbeit gefunden hatte und später Bürgermeister in Kamp-Lintfort war, wohnte aber in einem der Häuser an der Maxstraße." Kames erzählt gerne die Geschichte des Bergarbeiter-Quartiers im Schatten des Förderturms. 1906 war es, damals wurde in Paris die Aktiengesellschaft Friedrich Heinrich gegründet und der Bau der Anlage beschlossen. Um den Bergleuten Wohnraum zu bieten, startete einige Jahre später das große Bauprojekt zwischen Moerser-, Franz- und Ringstraße.

"An der Ebertstraße befindet sich der älteste noch erhaltene Teil der Kolonie, die sich durch eine Besonderheit auszeichnet: Alle Straßen sind krumm. Ihr Verlauf ist gebogen", betont Kames und zeigt auf die Gebäude. "Die Siedlung war ursprünglich größer, als sie sich uns heute präsentiert." Die Zechenhäuser, die vor 100 Jahren an der Christianastraße erbaut wurden, sind bereits seit langer Zeit abgerissen. Sie mussten vor Jahren den drei "Weißen Riesen" weichen. Heute steht dort das Einkaufszentrum.

"Die Besonderheit der Kolonie ist, dass kein Haus genauso aussieht wie sein Nachbargebäude. Es unterscheiden sich die Eingangsbereiche, die Giebel, die Fenster. Es gibt hier 25 verschiedene Bautypen", weiß Kames und deutet auf ein Haus, das mit seiner gerundeten Bauweise wie eine Ritterburg aussieht. Charakteristisch für die Siedlung sind die Dächer und verschiedene Elemente zur Fassadengliederung, wie Klappläden, die oft grün-weiß gestreift sind, die Verbretterungen am Giebel, die Fenster mit verschieden großen Glasscheiben sowie die Eingangsüberdachungen. "Viele Häuser sind von außen noch in ihrem Originalzustand. So viel ich weiß, befinden sich die meisten heute aber in Eigentum und haben längst modernen Standard", betont Kames, der bei der Lineg beschäftigt ist. Die Häuser haben neue Dachpfannen bekommen, an anderen werden die Fassaden isoliert und wärmegedämmt. Die Stadt Kamp-Lintfort erließ 2003 eine Gestaltungssatzung für die Altsiedlung, um die städtebauliche Gestaltung zu bewahren. Sie folgt dem Prinzip der "englischen Gartenstadt".

Heute ist die Kolonie eine reine Wohnsiedlung. Das war zur Gründungszeit anders: "Es gab drei Lebensmittelläden, Konsum genannt. Sie befanden sich im Besitz der Zeche. Der Bergmann sollte seinen Lohn hier wieder ausgeben", weiß Kames. Kneipen waren in der geschlossenen Siedlung nicht erlaubt. "Es sollte niemand betrunken zur Arbeit kommen. Und Schlägereien wurden nicht geduldet. Es gab einen Werkschutz, der in der Siedlung für Ordnung sorgte." Weit bis zur nächsten Kneipe hatten es die Koloniebewohner damals nicht: Nur wenige Meter außerhalb fanden in einer Gaststätte an der Kattenstraße Tanz- und Boxveranstaltungen statt. "Und nach dem Kampf ging es auf der Straße weiter", hat der Verein Niederrhein recherchiert. Die Häuser boten und bieten noch heute Wohnraum auf 70 bis 90 Quadratmetern - allerdings damals für zwei Familien. Anfang des 20. Jahrhunderts gab es keine Wasserleitungen, die bis in die Häuser hinein führten. Die Familien holten das Wasser an Zapfstellen. Zu jedem Haus gehörten ein Stall, Gärten für die Selbstversorgung und ein Waschhaus. Das war nötig: "Die Siedlung lag im Abwind der Kokerei. Hing die Wäsche im Garten auf der Leine, war sie schnell schwarz", erzählt Kames.

Es sind die Anekdoten, die die Kolonie so sympathisch machen. Wie die Bergleute Anfang des 20. Jahrhunderts lebten, das erfahren Besucher im "Haus des Bergmanns" an der an der Anton-/ Eberstraße sehr schön. Das Zechenhaus, das heute als Museum genutzt wird, ist wie anno dazumal mit Küche und Stube eingerichtet. In den 1970er Jahren startete in der Siedlung die bis dahin größte Stadterneuerungsmaßnahme in Kamp-Lintfort: die Sanierung in der Kolonie. Die Kosten beliefen sich auf 35 Millionen Euro. Die Stadt ließ Straßen und das Kanalisationssystem bauen und erneuern. 2005, nach 25 Jahren, waren die Bauarbeiten beendet. Heute erinnert heute ein Baustellenschild daran. Nur ein eher unscheinbares Gebäude steht unter Denkmalschutz: das Milchhäuschen am kleinen Markt. Dort, wo früher die Bewohner Milch als lose Ware kaufen, ist heute ein Kiosk. "Die Leute kamen mit ihren Milchkannen und kauften ein", erzählt Kames. Auch der Wochenmarkt geht auf die Initiative des Bergbaus zurück: "Die Zeche hatte um 1915 bei der Stadt das Recht ersucht, den Markt abhalten zu dürfen", berichtet Kames.

2016 bietet der Verein Niederrhein vier Führungen in der Kolonie an: 10. April (13.30 Uhr), 26. Juni (10 Uhr), 25. September (10 Uhr), 20. November (13.30 Uhr), Treffpunkt ist immer das "Alte Rathaus" am Kreisverkehr an der Moerser Straße.

ANJA KATZKE

Quelle: RP
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