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Kamp-Lintfort
Förster-Wechsel in der Leucht

Kamp-Lintfort: Förster-Wechsel in der Leucht
Christian Pfeifer an einem Mammutbaum. Pfeifer war fast zehn Jahre lang Förster in der Leucht. Nun wechselt ins Münsterland. FOTO: Olaf Ostermann
Kamp-Lintfort. Christian Pfeifer (45) geht nach fast zehn Jahren in Alpen nach Reken im Münsterland. Seinem Nachfolger Christopher Kock (31) übergibt er einen zukunftsfesten "Klimawald". Die Wunden nach dem Sturm "Kyrill" sind verheilt. Von Bernfried Paus

Förster Christian Pfeifer (45) ist Herr über 12.000 Hektar Wald. Die Leucht gilt als das größte zusammenhängende Waldgebiet am Niederrhein. Ein Staatsforst. Doch Pfeifers Tage im Forsthaus Huck von 1851 sind gezählt. Mitte Dezember ist sein Job für ihn hier erledigt. Am 15. Dezember tritt er seine neue Stelle an. Er freut sich auf seine neue Aufgabe, auch wenn der Schritt nicht nur räumlich eine Menge Veränderungen mit sich bringt. Es wechselt aus dem Rheinland nach Westfalen, genauer ins westliche Münsterland nach Reken. Dort hat's der Forstingenieur mit 211 privaten Waldbesitzern zu tun. Die Flächen liegen anders als bisher teils weit verstreut. "Eine spannende Herausforderung", nennt Pfeifer das.

Seine Familie ist schon da, weil die beiden Kinder nicht mitten im Schuljahr die Schule wechseln sollten. In Reken - seine Frau Martina kommt von dort - haben die Pfeifers ein Häuschen. Auch ein Grund für den Wechsel. Hier verspricht sich der Förster ein wenig Privatheit. Im Forsthaus am Wald war er praktisch immer im Dienst - auch wenn er im Sommer im großen Planschbecken entspannte, das im Garten steht. "Die Leute kommen einfach hinters Haus, um mir zu erzählen, dass sie auf der Autobahnabfahrt ein Kaninchen totgefahren haben", erzählt Pfeifer.

Er hat gern seinen Förster gestanden. Doch nun sei halt Zeit für was Anderes. Als Christian Pfeifer vor fast zehn Jahren nach Alpen kam, hatte gerade der unvergessene Sturm Kyrill eine Schneise der Verwüstung auch in der Leucht gezogen. 65.000 Kubikmeter Holz hat er flachgelegt - "so viel, wie sonst in zehn Jahren gefällt wird", so Pfeifer. Heute kann er zufrieden sagen: "Die Wunden sind verheilt. Der Wald in der Leucht ist kerngesund."

Pfeifer hat damals aus der Not eine Tugend gemacht und den ersten Klimawald in Nordrhein-Westfalen angepflanzt mit 550 tiefwurzelnden Bäumen, die hier nicht unbedingt heimisch waren, aber in Sand und Kies recht gut gedeihen: Mammutbäume, Zedern, Robinien und Küstentanne - die bessere Alternative zur Fichte. Die Tiefwurzler sind nicht nur resistenter, sondern wachsen auch sehr schnell und tragen so zur Minderung der CO2-Last bei, sagt der scheidende Förster im Klimawald. In einem andern Punkt, wo's bisweilen zu heiß hergeht und der Gemütszustand unverträgliche Temperaturzuwächse erfährt, ist er weitgehend machtlos.

Die Leucht, im Vorhof des Ballungszentrums Ruhrgebiet, ist nicht nur ein Refugium für die Natur und Ruhe suchende Wanderer. Es ist ein Freizeitpark für alle möglichen Aktivisten, deren Treiben nicht unbedingt miteinander kompatibel, ja gar widerstrebend ist. Das Konfliktpotenzial ist erheblich, wenn Jogger, Spaziergänger, Hundebesitzer, Geocacher oder Mountainbiker aufeinandertreffen. "Da wird's dann auch schon mal handgreiflich", weiß Pfeifer aus Erfahrung. Manche meinen eben, dass Regeln für sie im Wald nicht gelten - da wo zahlreiche Rehe, Spechte, Hasen und Kaninchen und auch Kolkraben einträchtig miteinander auskommen. Gut, dass sich Reiter und alle anderen Waldbesucher aus dem Weg gehen. 28 Kilometer Reitwege gibt es in der Leucht - so viele, dass Ross und Reiter nicht wie landesweit bald möglich, sich die Waldwege mit allen anderen teilen dürfen: "Das würde hier keinen Sinn ergeben."

Der Förster rückt das romantische Bild vom "Märchenwald" zurecht. "Wer einen Baum fällt, ist kein böser Mensch", so Pfeifer. Er findet den Vergleich mit einer Fabrik viel passender. "Nur braucht unser Produkt, anders als bei Schrauben, eben sehr viel länger, bis es fertig ist", sagt der Forst-Ingenieur. Ziel sei es eben, einen "zukunftsfesten Wald" zu entwickeln. In dem würden's auch die Fichte und die Buche schwer haben. Die Küstentanne dagegen sei auf dem Vormarsch. Und auch geschossen werde - auch wenn in der Leucht kein Bundespräsident mehr wie einst Heinrich Lübke auf den Bock anlegt. 50 bis 60 Rehe müssten jährlich geschossen werden, damit der Bestand nicht überhandnimmt und Schäden anrichtet. Auch die vielen Tauben seien lohnende Ziele. "Die Leute im Wald müssen halt weiter damit rechnen, dass es knallt", so Pfeifer. Aber: "Es ist nie was passiert."

Noch gut sechs Wochen ist Pfeifer mit seinen beiden Hunden, dem Dackel Samson und dem Weimarer Oskar, in der Leucht unterwegs. Kurz vor Weihnachten übergibt er den Wald an Nachfolger Christopher Kock (31), seit zweieinhalb Jahren Förster in Paderborn. Der Rheinländer Pfeifer zieht dann ins Münsterland und will versuchen, möglichst schnell mit den Westfalen warm zu werden. "Ich werd' mal 'nen Schnaps mit denen trinken", sagt er und schmunzelt. Bei 211 Waldbesitzern muss er ganz schön trinkfest sein.

Quelle: RP
 
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