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Kamp-Lintfort
Fünf Stolpersteine erinnern an die Cahns

Kamp-Lintfort: Fünf Stolpersteine erinnern an die Cahns
Gunter Demnig verlegte gestern auf Initiative von Unesco-Schülern fünf Stolpersteine am Abteiplatz 22. Es sind die ersten in Kamp-Lintfort. FOTO: reichwein
Kamp-Lintfort. Künstler Gunter Demnig hat gestern die ersten Stolpersteine in Kamp-Lintfort verlegt. Unesco-Schüler hatten die Initiative ergriffen. Von Anja Katzke

Fünf Stolpersteine erinnern seit gestern vor dem weiß getünchten Haus am Abteiplatz 22 an die Familie Cahn. Walter, seine Frau Elisabeth Else, die Kinder Thea und Rosa sowie Schwägerin Pia Philippine Eichwald waren 1941 von den Nationalsozialisten nach Riga deportiert und ermordet worden. Sie waren die letzten jüdischen Bewohner der Stadt im Synagogenbereich Kamp und Hoerstgen. Dass die Stolpersteine an die Familie erinnern, das ist dem Engagement einer Schulklasse der Unesco-Schule zu verdanken. Sie hatten sich ein Jahr lang mit der Geschichte der Juden in der Region beschäftigt, in Archiven recherchiert, Bücher gelesen und Sponsoren gesucht, um das Schicksal der einzelnen Opfer aus der anonymen Zahl zu holen.

Vor dem Haus mit der Nummer 22 gestalteten die Schüler gestern mit dem Kölner Künstler Gunter Demnig, der dieses europaweite Kunstprojekt zur Erinnerung an die von den Nazis ermordeten Juden, an die Nazi-Gegner und ihre Helfer in den 1990er Jahren initiiert hatte, eine würdige Gedenkfeier. Lehrerin Helga Dylla hatte mit einem Chor der Unesco-Gesamtschule zwei alte jüdische Friedenslieder einstudiert, die zu Beginn und am Ende der Feier gesungen wurden. Die am Projekt beteiligten Schüler stellten die fünf Familienmitglieder aus Kamp einzeln vor: Walter Cahn war nach den Pogromen im November 1938 erstmals in "Schutzhaft" genommen und ins Konzentrationslager Dachau bei München gebracht worden.

Er konnte nach Kamp-Lintfort zurückkehren - vorerst. Bereits 1941 wurde er nach Riga deportiert. Dort verlieren sich seine Spuren. Seine Frau Elisabeth Else Cahn, eine geborene Eichwald, wurde zunächst ebenfalls nach Riga gebracht und vermutlich 1944 ins Konzentrationslager Stutthoff bei Danzig verschleppt. Sie starb dort am 8. Januar 1945. Das Todesdatum der beiden Töchter Thea (16) und der achtjährigen Rosa sowie der Schwägerin ist unbekannt. "Das Mädchen Rosa hätte ein erfülltes Leben führen können", betonte Bürgermeister Christoph Landscheidt und lobte Gunter Demnigs Stolpersteine als größtes Mahnmal Europas. "Es ist ein einzigartiges Projekt, das die Einzelschicksale aus der Anonymität herausholt." Gunter Demnig betonte, dass der Hintergrund seines Projektes keinen Grund zur Freude gebe. Er freue sich dennoch über jeden Stein und jeden Ort. Als er das Konzept der Stolpersteine in den 1990er Jahren entwickelt habe, hörte er oft, dass er die Million niemals schaffen würde. Er entschloss sich, "klein anzufangen".

Heute sind bereits 56.000 Stolpersteine an 1600 Orten in 20 Ländern verlegt. Im kommenden Jahr sollen Gedenksteine in Weißrussland und in Lettland in den Boden eingelassen werden. Eine Stiftung ist gegründet worden. Gunter Demnig freute es besonders, dass die Initiative in Kamp-Lintfort von Schülern ausgegangen war. "Die Urenkel dieser Menschen würden heute mit Ihnen zur Schule gehen", sagte er. Der Künstler aus Köln berichtete, dass er in den vergangenen Jahren zig Deportationslisten eingesehen habe und der Trauer von Angehörigen begegnet sei, die zur Verlegung der Stolpersteine aus den entferntesten Ländern angereist waren.

Dass er Stolpersteine verlege, sei anfangs eine Notlösung gewesen, berichtete er den Schülern. "Es würde ja kein Hausbesitzer zustimmen, dass eine Tafel am Haus angebracht wird", erklärte er. Zugleich erfordere das Lesen der Inschrift eine besondere Geste: "Um den Text lesen zu können, muss man sich vor den Opfern verbeugen."

Quelle: RP
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