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Kamp-Lintfort
Gemeinde entfernt Kriegerdenkmal

Kamp-Lintfort: Gemeinde entfernt Kriegerdenkmal
Die Kriegergedenktafel befand sich 40 Jahre lang im Eingangsbereich der Christuskirche hinter einer Wand verborgen.
Kamp-Lintfort. Arbeiter haben in der Christuskirche eine Kriegergedenktafel freigelegt, die um 1930 mit dem Bau der Kirche errichtet wurde. Das Presbyterium der Kirchengemeinde beschloss, die fast vier Meter breite Tafel entfernen zu lassen. Von Anja Katzke

40 Jahre lang befand sich die vier Meter breite Kriegergedenktafel verborgen in einer Nische im Eingang der Christuskirche. Sie war nicht vergessen, aber auch nicht sichtbar für die Gottesdienstbesucher. "Das Presbyterium hatte sie damals durch eine Wand verdecken lassen. Es gab einen Zugang ins Innere, der aber nicht genutzt wurde", sagt Pfarrer Michael Ziebuhr. Im Rahmen der aktuell laufenden Renovierungsarbeiten in der Kirche an der Friedrich-Heinrich-Allee wurde die Tafel, die in einer grottenähnlichen Nische untergebracht war, wieder freigelegt.

Das Presbyterium der Kirchengemeinde erhielt erstmals seit Jahrzehnten volle Sicht auf das Kriegerdenkmal. "Die Überschrift spricht für sich", sagt der Pfarrer. Oberhalb von insgesamt neun blauen Tafeln mit den Namen der im Ersten Weltkrieg gefallenen Soldaten und einer schmalen, in Weiß gehaltenen Christusfigur steht auf dem Backstein die Inschrift: "Wie sind die Helden gefallen und die Streitbaren umgekommen." Dabei überraschen Größe und Ausmaß der Gedenktafel. Sie muss mit dem Bau der Backsteinkirche 1929/1930 entstanden sein.

Der erste Spatenstich für den Kirchenbau wird auf den 7. November 1928 datiert, die Einweihung der evangelischen Kirche war am 1. Advent 1930. Die Gedenktafel spiegelt deutlich die politische Stimmung dieser Jahre wider, die mit ihrem Gedankengut bis in die Kirche hinein wirkte. "Die Tafel ist aus unserer Sicht künstlerisch weder wertvoll noch erhaltenswert. Theologisch ist sie heute überhaupt nicht zu rechtfertigen", fasst der Pfarrer der Christuskirche die Meinung des Presbyteriums zusammen. "Es wird nicht der zivilen Opfer gedacht, die der Erste Weltkrieg gefordert hatte. Unser Mitgefühl gilt aber allen Verstorbenen und nicht besonders den Soldaten", begründet Michael Ziebuhr, warum das Presbyterium, diese Tafel nicht mehr in der Christuskirche haben möchte.

Das Kriegerdenkmal sei nicht mit einer Theologie vereinbar, die sich zu Jesus Christus als Friedensstifter und Versöhner bekenne. "Unsere Gemeinde hat zwei Gemeindehäuser nach Menschen benannt, die für den Frieden zwischen den Völkern und gegen den Nationalsozialismus gekämpft haben: Paul Schneider und Dietrich Bonhoeffer. Beide wurden Opfer des Hitler-Regimes", betont Pfarrer Ziebuhr. Unterlagen über die Kriegergedenktafel gibt es nicht im Archiv der Kirchengemeinde, auch nicht darüber, wer sie errichten ließ. "Auch aus der Zeit des Nationalsozialismus gibt hier kaum Akten", berichtet Michael Ziebuhr. "Sie sind alle weggekommen."

Vor wenigen Tagen fiel die Entscheidung, die Tafel, die der Gefallenen des Ersten Weltkriegs gedenken soll, ganz aus der Christuskirche entfernen zu lassen. "Wir hatten zuerst überlegt, nach der Renovierung der Kirche wieder eine Wand vor die Tafel zu setzen, wie es das Presbyterium vor 40 Jahren gemacht hatte. Aus unserer Sicht ist die Kriegergedenktafel aber nicht mehr tragbar", betont Michael Ziebuhr.

Die Tafel ist fotografiert, die Informationen werden in den kirchengeschichtlichen Akten aufgenommen und dort dokumentiert. Wie die Nische künftig genutzt werden soll, das steht laut Ziebuhr noch nicht fest. Die seit langem geplanten Renovierungsarbeiten sind erst vor knapp drei Wochen in der Christuskirche gestartet. Das Gotteshaus an der Friedrich-Heinrich-Allee erhält unter anderem eine neue Heizung, die sich für einzelne Bereiche der Kirche separat steuern lässt. Außerdem wird der Fußboden erneuert, der in den vergangenen Jahren abgesackt war. Und sie bekommt auch eine neue Beleuchtung und eine variabel nutzbare Bestuhlung.

"Wir möchten die Kirche in Zukunft vermehrt auch für kulturelle Veranstaltungen nutzen", erklärte der Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde. Am 1. Advent soll der erste Gottesdienst nach der Renovierung gefeiert werden.

Quelle: RP
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