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Kamp-Lintfort
Holocaust-Überlebende wirbt für Toleranz und Menschenliebe

Kamp-Lintfort: Holocaust-Überlebende wirbt für Toleranz und Menschenliebe
Vize-Ministerpräsidentin Sylvia Löhrmann überreichte Betty Bausch-Polak am Mittwoch das Bundesverdienstkreuz. FOTO: Land NRW/Roberto Pfeil
Kamp-Lintfort. Betty Bausch-Polak (96) erzählte gestern vor Unesco-Schülern, wie sie in den besetzten Niederlanden den Krieg und die Judenverfolgung überstand. Von Josef Pogorzalek

Betty Bausch-Polak ist 96, ihre Schwester Lies Polak 93, ihr Bruder Jack Polak, ehemaliger Vorsitzender des Anne-Frank-Centers USA, starb vergangenes Jahr als 102-Jähriger. "Vielleicht haben wir gut Gene von unseren Eltern mitbekommen", sagte Bausch-Polak gestern in der Kamp-Lintforter Stadthalle. Genau weiß sie es nicht, denn ihre Eltern wurden, wie andere Familienmitglieder, während des Krieges als Juden deportiert und in einem deutschen Vernichtungslager ermordet. Auch ihr Mann, Jude und Reserveoffizier der niederländischen Armee wurde Opfer der Nazis: Sie erschossen den Widerstandskämpfer nach einem missglückten Anschlag auf einen Raketentransport zur Nordseeküste.

Betty Bausch, die in Amsterdam in einer weltoffenen, gebildeten jüdischen Familie aufgewachsen war, blieb am Leben - was ihr selbst ein Rätsel zu sein scheint. "Ich hatte sehr viel Glück", meinte sie gestern. Zusammen mit ihrer Schwester Lies hat sie ihre Geschichte in dem Buch "Bewegtes Schweigen" aufgeschrieben. Seit vielen Jahren ist sie unterwegs, um jungen Leuten über ihr Leben zu erzählen und für Toleranz, Verständnis und Hilfsbereitschaft zu werben. Vorgestern ist sie in Düsseldorf mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt worden. Gestern durften (bereits im dritten Jahr hintereinander) Kamp-Lintforter Unesco-Schüler einem bewegenden Vortrag der alten Dame lauschen.

Betty Bausch-Polak erzählte von den jüdischen Flüchtlingen, die nach der Reichspogromnacht nach Holland geflohen waren. "Darunter waren Professoren, Musiker, Künstler." Zusammen mit ihrer Mutter gab sie den Flüchtlingen etwas zu essen. "Ich dachte: Wenn solche Leute fliehen müssen, ist alles verloren." Sie erzählte weiter, wie sie und ihr frisch angetrauter Mann nach Kriegsbeginn zunächst nach England fliehen wollten. Nach drei missglückten Versuchen beschlossen sie, trotz aller Repressalien gegen die Juden, so lange wie möglich im Land zu bleiben.

FOTO: Roberto Pfeil

Im Jahr 1943 - Eltern, Schwiegereltern, Bruder, Schwester waren bereits verschleppt - begann für das Ehepaar ein Leben im Untergrund. Betty Polak nahm immer wieder neue falsche Namen an, musste immer wieder falsche Papiere organisieren. Um den "besonderen Merkmalen" in einem der Pässe zu entsprechen, ließ sie sich von einem Arzt sogar eine große Narbe am Hals zufügen.

Als Hausmädchen und Dienstbotin fand die junge Frau immer wieder neuen Unterschlupf bei verschiedenen Familien. Kreuz und Quer durch die Niederlande führte ihre Odyssee, Amsterdam, Deventer, Utrecht, Hilversum, Den Haag . . . Deutschen Soldaten oder Gestapo-Leuten, die immer wieder ihren Weg kreuzten, begegnete sie mit Selbstbewusstsein und einem ausgeprägten Schauspieltalent. "Worte können töten", sagte Betty-Bausch-Polak gestern, als sie von den hasserfüllten Radioansprachen Hitlers berichtete und einen Bogen zu den rassistischen Parolen mancher "Fans" in Fußballstadien schlug. Worte könnten aber auch Gutes tun: "Wenn man die Leute freundlich anspricht, wird alles anders." Ihr hätten die guten Deutschkenntnisse das Leben gerettet.

Zum Glück traf die junge Frau damals immer wieder Menschen, die ihr halfen, obwohl sie dabei selbst Hals und Kragen riskierten. Sie lernte aber zugleich, wie falsch Schwarz-Weiß-Denken ist. Es seien niederländische Kollaborateure gewesen, die ihren Mann nach seiner Verhaftung misshandelt hätten. Und eine holländische Familie, für die sie gearbeitet hatte, beschrieb sie als hochnäsige Stinkstiefel. Ein freundlicher deutscher Soldat habe ihr aber die Augen dafür geöffnet, dass "es auch andere Leute gibt".

Quelle: RP
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