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Kamp-Lintfort
Kamp-Lintforts Juwel aus Backsteinen

Kamp-Lintfort: Kamp-Lintforts Juwel aus Backsteinen
Das Glasnegativfoto vom Model des Gebäudeensembles an der Friedrich-Heinrich-Allee. Die Initiatoren: Ernst Kellermann und Conrad Bleckmann erdachten das Gebäudeensemble. Das Glasnegativfoto vom Model des Gebäudeensembles an der Friedrich-Heinrich-Allee. Die Initiatoren: Ernst Kellermann und Conrad Bleckmann erdachten das Gebäudeensemble. FOTO: Dieker Klaus
Kamp-Lintfort. Ohne Ernst Kellermann und Conrad Bleckmann würde es Christuskirche und Mittelschule nicht geben. Sie waren auch an der Gründung der Kirchengemeinde beteiligt, wie sich Enkelin und Tochter Lore Beusch erinnert. Von Peter Gottschlich

Lehrerhaus und Mittelschule, Christuskirche und Pfarrhaus bilden ein Ensemble, das viele Fragen aufwirft. Wer hatte die Idee zu diesem großzügigen Wurf im Stil des Backsteinexpressionismus? Wer arbeitete die Pläne aus? Und wie konnte dieses Ensemble aus den späten 1920er Jahren im Laufe der Zeit fast aus dem kollektiven Gedächtnis verschwinden, um in den letzten Jahren langsam wiederentdeckt zu werden?

"Das Ensemble ist ein Juwel", sagt Lore Beusch. Die beiden Großväter der Moerserin, die heute in Xanten lebt, waren maßgeblich an Planung und Umsetzung beteiligt. Der eine ist Ernst Kellermann, der von 1884 bis 1974 lebte. Mehr als sein halbes Leben lang, von 1907 bis 1957 war er Markscheider des Steinkohlenbergwerkes "Friedrich Heinrich" AG. Ab 1924 lebte er mit seiner Familie in der Villa Ernst Kellermann, die an der Einmündung der Friedrichstraße in die Friedrich-Heinrich-Allee liegt. "Als die Kirchengemeinde 1917 selbstständig wurde, wurde er Kirchmeister des ersten Presbyteriums", erzählt die Enkelin. "Das ist neben dem Pfarrer die wichtigste Position. Leider ist nichts über die Vorgeschichte der Gründung bekannt, an der er wahrscheinlich beteiligt war. Mein Großvater war ein ernster und gewissenhafter Mann. Mittags ist er strammen Schrittes zur Villa zum Essen gelaufen."

Neben der Gründung der Kirchengemeinde scheint er eine treibende Kraft für den Bau eines Gotteshauses gewesen zu sein. So unternahm er 1921 mit Pfarrer Artur Overmann und Generalsuperintendent Karl Klingemann, der die Aufgabe des heutigen EKD-Präses des Rheinlandes innehatte, eine Grubenfahrt, bei der der Bau eines Gotteshauses Thema gewesen sein könnte. Der andere Großvater von Lore Beusch ist Conrad Bleckmann, der in der Familienzählung Conrad II. heißt, weil auch Vater und Sohn auf den Namen Conrad getauft waren. Er lebte von 1875 bis 1949. Er wohnte überwiegend in Bochum, wo sich der Hauptsitz der Bauunternehmung Bleckmann befand, die er zusammen mit seinem Bruder Heinrich Bleckmann betrieb. Eine Dependance eröffneten sie in Lintfort, um für das Bergwerk Gebäude zu errichten. In dieser Dependance, die auf dem Gelände der heutigen Hochschule lag, wohnte Heinrich Bleckmann mit seiner Familie in einer weißen Villa. Über die Kasinogesellschaft im Beamtencasino, in der sich Bürgermeister und Pfarrer, die Oberen der Zeche und Unternehmer versammelten, kannten sich alle untereinander. Dazu kam der Tennis Club Grün-Weiß im Direktorenwäldchen an der Heinrichstraße. "Meine Mutter Lore Kellermann und mein Vater Conrad Bleckmann, III., haben sich auf dem Platz kennengelernt", erzählt Lore Beusch. "Das war 1931. Sie war 18 Jahre alt, er 20. Als Ausländer, der in Bochum groß geworden war, kannte er in Lintfort niemanden. Zwei Jahre später haben sie geheiratet. 1936 kam ich zur Welt. Von 1946 bis 1949 habe ich die Mittelschule besucht. Was ich dort gelernt habe, saß. Die Lehrer waren streng und wirklich gut." Um Christuskirche und Pfarrhaus bauen zu können, erklärte sich die Bauunternehmung Bleckmann bereit, das Grundstück zu stiften. Möglicherweise stellten sie auch die Fläche für Mittelschule und Lehrerhaus kostenlos bereit. Zechenbaumeister Johann Onnertz und die Mitarbeiter der Bauabteilung, deren Namen nicht bekannt sind, entwarfen die Pläne. Um leichter Geld für das Projekt sammeln zu können, ließ er - möglicherweise in Rücksprache mit anderen Mitgliedern der Kasinogesellschaft - 1925 ein Modell des Ensembles anfertigen, von dem heute noch ein Glasnegativfoto existiert.

Lore Beusch ist die Enkelin von Ernst Kellermann und Conrad Bleckmann. Fotos: Klaus Dieker FOTO: Dieker Klaus

Vier Jahre dauerte es, das Geld zu sammeln. 100.000 Mark steuerte das Bergwerk für den Bau des Gotteshauses und des Pfarrhauses bei. Weitere 100.000 Mark nahm die Kirchengemeinde als Hypothek auf. Dazu kamen 25.000 Mark durch einen Kirchbauverein und Zuschüsse herein. Wie der Bau der Mittelschule genau finanziert wurde, ist nicht bekannt. Die Gemeinde Lintfort gab Geld. Möglicherweise stellte das Bergwerk Material bereit, etwa Backsteine aus der eigenen Ziegelei.

1928 begann der Bau des Ensembles. Als es 1930 vollendet war, war die große Zeit des Backsteinexpressionismus, die frühen 1920er Jahre, längst vorüber. Dieser Stil war in Zeit der beginnenden Weltwirtschaftskrise einfach zu aufwändig und zu teuer. Bereits Ostern 1919 startete die Mittelschule mit dem Unterricht in einem Gebäude, das an der Schulstraße nahe dem heutigen Kreisverkehr mit der Rundstraße lag. 1928 begann der Bau der neuen Mittelschule an der Friedrich-Heinrich-Allee, die Ostern 1929 in Betrieb ging. 1951 wurde die Schule in Realschule umbenannt. 1976 zog die Pestalozzischule ein, nachdem die Realschule ins Schulzentrum im Kamper Dreieck verlegt worden war.

Wer jedoch Architekt der Christuskirche war, steht bis heute nicht fest. Vermutlich hat Zechenbaumeister Johann Onnertz mit seinen Mitarbeitern die Christuskirche geplant.

Quelle: RP
 
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