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Kamp-Lintfort
Kunst zum Anfassen macht glücklicher

Kamp-Lintfort: Kunst zum Anfassen macht glücklicher
Deborah Marschner arbeitet mit Menschen, die an Demenz erkrankt sind. Das Glück, an einem Kunstwerk gearbeitet zu haben, erfülle die Menschen. FOTO: kdi
Kamp-Lintfort. Deborah Marschner leitet Menschen an, aus Alltagsgegenständen Kunstwerke zu schaffen, deren Struktur sie ertasten können. Bis Mitte Mai stellt sie in der Mediathek in Kamp-Lintfort aus. Von Peter Gottschlich

Die Mona Lisa von Leonardo da Vinci, die Sonnenblumen von Vincent van Gogh oder den Schrei von Edvard Munch zu berühren, ist ein Tabu. Gleichzeitig reizt dieses Verbot, Gemälde und Kunstwerke zu berühren. Deborah Marschner kennt diesen Reiz und setzt ihn ein, wenn sie mit Demenzkranken in Kursen zusammenarbeitet. "Wenn sie etwas anfassen, habe ich sie erreicht", erzählt die 54-jährige Kunsttherapeutin aus Neukirchen-Vluyn. "Wenn sie eine Struktur greifen und Widerstand spüren, ist ihr Interesse geweckt. Dann wollen sie am Kunstwerk arbeiten - mit Herz und Hand. Deshalb ist Anfassen bei mir erwünscht." Von Januar bis zum März stellte sie Werke, zu denen sie Kursteilnehmer angeleitet hatte, in der Kulturhalle in Neukirchen-Vluyn aus. Seit gestern zeigt sie 15 eigene Stücke in der Mediathek, die mit diesen Kunstwerken eng verwandt sind. "Kunst zum Anfassen" heißt ihre Ausstellung, die bis zum 18. Mai zu sehen ist.

Die Struktur für die dreidimensionalen Bilder erzeugen die Kursteilnehmen mit Materialien aus dem Alltag, die oft im Abfall landen. Zum Beispiel zeigte die freischaffende Künstlerin in Kursen im Seniorenhaus "Carpe Diem" in Neukirchen oder in der Altenheimat in Vluyn, wie sie Zeitungen zerkleinern können, um dann Papierschnipsel als Wellenlandschaft auf einer Leinwand aufzuleimen. Sie führte vor, wie sie alte Knöpfe auf eine Fläche kleben können. Oder sie demonstrierte, wie sie Kieselsteine auf einem Brett befestigen können. "Das ist ein Abcycling", sagt die gebürtige Leipzigern mit Blick auf die Wegwerfgesellschaft. "Die Dinge bekommen eine neue Wertigkeit." Auch aus Filz, alten Stoffen oder verholzten Blumenstielen von Lilien formt sie Strukturen, die die Kursteilnehmer ertasten wollen.

Diese bemalen sie immer mit Rot, der Farbe, die die freischaffende Künstlerin besonders liebt. "Rot ist eine Signalfarbe", begründet sie ihre Wahl. "Sie verblasst nicht, anders als zum Beispiel Gelb. Rot ist eine verbotene Farbe, die die Menschen berühren wollen. Das haptische Erleben ist wichtig."

Hin und wieder vergessen die Kursteilnehmer von der einen auf die andere Woche, welche Bilder sie begonnen haben. Doch die Verlorenen kann die Kursleiterin wieder zueinander führen. Manchmal erlebt sie außerdem, dass sie nicht mehr wissen, welches abstraktes Werk sie geschaffen haben. "Das habe ich gemalt?", hört sie dann und sieht in ein strahlendes Gesicht. Selbst wenn die Kursteilnehmer vergessen würden, welches Bild sie gemalt hätten, würden sie diese strahlenden Gesichter über Tage behalten, das Glück, selbst an einem Kunstwerk mitgewirkt zu haben. "Sie leben im Jetzt", sagt die Künstlerin. "Für sie ist es eine schöne Zeit. Sie öffnen sich, sind nicht mehr in sich gekehrt. Sie sind glücklicher."

Diese Erfahrung konnte sie noch nicht machen, als ihre Mutter und später ihre Schwiegermutter an Demenz erkrankt waren. Damals begann sie erst, sich mit dieser Krankheit auseinanderzusetzen, besonders als die eigene Mutter manchmal nicht mehr ihren Namen wusste. "Mit den eigenen Eltern zu arbeiten, wäre mir schwergefallen, weil die emotionale Bindung zu stark ist", sagt Deborah Marschner. Das sei in Kursen anders.

Die Mediathek liegt an der Freiherr-vom-Stein-Straße am rückwärtigen Prinzenplatz in Kamp-Lintfort. Sie ist geöffnet: Montag und Freitag von 14.30 bis 18 Uhr, Dienstag und Donnerstag von 10 bis 13 Uhr und 14.30 bis 18 Uhr sowie Samstag von 10 bis 13 Uhr. Deborah Marschner führt Gruppen durch die Ausstellung, wenn sie sich über Telefon, 0163 1756193, oder Email am deborah.marschner@t-online.de angemeldet haben. Ihr Atelier hat die freischaffende Künstlerin in der Nähe des Klingerhufes an der Krefelder Straße 29 in Neukirchen-Vluyn.

Quelle: RP
 
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