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Kamp-Lintfort
Speed-Dating für Flüchtlinge und Firmen

Kamp-Lintfort. Bei einer Kontaktbörse haben sich Teilnehmer eines Projekts des Tüv Nord Bildung und Vertreter von Unternehmen kennengelernt. Es ging um Praktika und Ausbildungsplätze, aber auch um den beiderseitigen Abbau von Berührungsängsten. Von Josef Pogorzalek

Hans-Rudolf Röhling spricht langsam und deutlich, als hätte er es mit einer schwerhörigen Oma oder einem Kind zu tun. Dabei sitzt ihm ein junger, gesunder Mann gegenüber. Dessen Deutsch steckt aber tatsächlich noch in den Kinderschuhen. Seit neun Monaten ist der 18-jährige Syrer erst in Deutschland, seit März nimmt er zusammen mit anderen Flüchtlingen an einer Maßnahme im Kamp-Lintforter Bildungszentrum des Tüv Nord teil. Bis Dezember lernt er die Grundlagen der deutschen Sprache, die hiesige Kultur und das Alltagsleben kennen. Gleichzeitig erkundet er seine beruflichen Neigungen und Fähigkeiten. Im Gespräch mit Röhling, Leiter der Aus- und Weiterbildung bei der Niag, geht es für ihn darum, sich in einer Bewerbungssituation zu bewähren und die Möglichkeiten für ein Praktikum oder eine Ausbildung auszuloten.

Vertreter von insgesamt fünf Firmen und Betrieben sitzen im Saal des Tüv-Bildungszentrums an Tischen und sprechen mit Flüchtlingen. Es ist eine Art Speed-Dating: Jedes Gespräch dauert maximal 15 Minuten, dann wechseln die Flüchtlinge an den nächsten Tisch. "Jedes Gespräch ist eine Übung", sagt Natalia Knispel, die das von der RAG-Stiftung geförderte Projekt beim Tüv Nord leitet. Die insgesamt 30 Flüchtlinge im Alter zwischen 18 und 27 Jahren, drunter fünf Frauen, kommen aus Syrien, Irak, Iran, Eritrea und Afghanistan. "Einige waren Analphabeten", sagt Knispel. Von der deutschen Arbeitswelt hatten viele keinen Schimmer. "Sie verstehen das Prinzip nicht, wie man sich bewirbt."

Für die Kontaktbörse haben die jungen Leute mit Unterstützung ihrer Betreuer Bewerbungsunterlagen und Lebensläufe zusammengestellt. Der Syrer am Tisch der Niag hat laut seiner Unterlagen eine juristische Ausbildung, die in Deutschland nicht anerkannt wird. Er hat in seiner Heimat auch Computersysteme betreut. Er wolle Informatiker werden, gibt er zu verstehen. "Wir bilden Informatiker aus", sagt Röhling. Nächstes Jahr werde eine Lehrstelle frei. "Dann haben Sie noch zwölf Monate Zeit, die deutsche Sprache zu lernen." Der Syrer strahlt, doch Röhling will ihm keine falschen Hoffnungen machen. Er frage aber gerne bei den Kollegen nach, ob sie sich zutrauten, den Flüchtling in einem zweiwöchigen Praktikum kennenzulernen. "Wir fordern den Kollegen da schon einiges ab", gibt Röhling nach dem Gespräch zu. Ein Flüchtling aus Somalia absolviere bei der Niag derzeit eine Einstiegsqualifizierung. "Es ist ein Lernprozess für beide Seiten."

"Es gibt Berührungsängste", sagt Natalia Knispel. Es sei schwer gewesen, Firmen für die Kontaktbörse zu gewinnen. Und von elf Firmen, die schriftlich zugesagt haben, sind nur fünf gekommen: die Niag, das Hotel Dampfmühle, Kaiser & Kraft, die Maasbau sowie die Grund Gerüstbau. Gerüstbauer Carsten Grund nimmt die Kontaktbörse als Gelegenheit, mögliche neue Mitarbeiter zu treffen. "Im Handwerk gibt es große Nachwuchsprobleme", sagt er. In seinem Gewerbe seien kleine Sprachprobleme nicht ausschlaggebend. "Soweit man sich verständigen kann, kann das funktionieren."

"Wir brauchen die Unternehmen, um die Flüchtlinge zu integrieren", sagt Natalia Knispel. Bei einem ähnlichen Speed-Dating in Herne seien 17 Flüchtlinge aus einer Maßnahme in Praktika vermittelt und einige Ausbildungen angebahnt worden. Und auch in Kamp-Lintfort gibt es schon Beispiele dafür, dass die Integration auf dem Arbeitsmarkt klappen kann: Drei der Flüchtlinge haben mithilfe des Tüv Nord Bildung bereits vor der Kontaktbörse Ausbildungsplätze gefunden: in einem Friseursalon, bei Elektro-Merkes und in der Bäckerei Berns.

Quelle: RP
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