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Kamp-Lintfort
Vom Postschalter ins Priesteramt gewechselt

Kamp-Lintfort: Vom Postschalter ins Priesteramt gewechselt
Michael Ehrle unterstützt als neuer Pfarrer das Seelsorgeteam in der Pfarrgemeinde St. Josef in Kamp-Lintfort. FOTO: Klaus Dieker
Kamp-Lintfort. Anfang September hat Michael Ehrle den Weg zum Seelsorgeteam von St. Josef in Kamp-Lintfort gefunden. Der Pfarrer kennt und liebt das normale Leben, aber auch das Geheimnis der Liturgie. Von Peter Gottschlich

"Die Wege des Herrn sind unergründlich", heißt es im Römerbrief. Dieser Satz könnte den Weg beschreiben, den Michael Ehrle genommen hat, der seit Anfang September Pfarrer im Seelsorgeteam St. Josef ist. Nachdem er im badischen Bruchsal die Mittlere Reife abgelegt hatte, begann er 1985 eine Lehre bei der Deutschen Bundespost und wurde Schalterbeamter. Postbarscheck-Auszahlungen wie Postwertzeichen-Verkauf waren seine Welt. Dann fühlte er Gottes Berufung, die sich nicht in Worte fassen lasse, wie er sagt.

Er wechselte auf das Spätberufenenseminar in Sasbach im Schwarzwald, um dort sein Abitur abzulegen. Dann ging er ins Priesterseminar in Freiburg, studierte dort und in Innsbruck Theologie, wo er außerdem in der AIDS-Hilfe aktiv war und HIV-Erkrankte besuchte. Um das Studium zu finanzieren, putzte er abends in einem Baumarkt oder arbeitete nachts in einer Tankstelle. Er schrieb seine Diplomarbeit über den alttestamentarischen Klagepsalm 58: "Gott zermalme ihnen die Zähne in ihrem Maul."

1997 verließ er das Priesterseminar in Freiburg, weil der Seminarleiter und er eine andere Wellenlänge und Auffassung hatten. So machte er 1998 nicht das kirchliche Examen, sondern das Diplom. "Als Priester arbeite ich in eigener Verantwortung und in Verantwortung vor Gott", erzählt der 48-jährige Neu-Kamp-Lintforter. "Dazu gehört es, mich mit den anderen abzusprechen." Er arbeitete ein gutes Jahr in einer Videothek in Freiburg, wo seine Berufung weiter brannte. Das spürten auch andere, die ihn kannten, zum Beispiel German Rovira, der damals das Mariologische Institut in Kevelaer leitete und immer wieder in Freiburg war. Er wurde Anfang 2000 von ihm angesprochen, an den Niederrhein zu kommen, um doch noch Priester zu werden und die Liturgie zu feiern. "Es war Fügung", blickt er zurück.

Dabei ist die Liturgie für ihn das Mysterium, das große Geheimnis, das der menschliche Verstand nie erfassen könne. "Der Priester muss in der Liturgie zurücktreten", sagt der Pfarrer, der das normale Leben kennt und liebt, wie das Geheimnis der Liturgie. "Christus muss hervortreten, durch die Feier größer werden." Michael Ehrle begann sein Diakonat in Billerbeck bei Münster.

2003 wurde er zum Priester geweiht und Kaplan in Gronau, wo er unter anderem die Pilgerströme betreute, die zur dortigen Landesgartenschau kamen. "Der Dienst am Menschen steht im Mittelpunkt", erzählt er. "Das ist eine Konstante in meinem Leben." Deshalb sucht er die Menschen auf, zum Beispiel in Kindergärten, für die er in Neuenkirchen bei Rheine, wo er Kaplan war, bis er über eine Zwischenstation im schwäbischen Illertissen nach Kamp-Lintfort kam. "Wo sollen die Kinder sonst das erste Mal etwas von Gott und Gottes Liebe erfahren", sagt der Theologie, der sich einen alt- und neutestamentarischen Weihespruch ausgewählt hat: "Höre Israel. Der Herr, unser Gott, ist dein Ein und Alles. Denn wer liebt, kennt Gott. Wer nicht liebt, hat Gott nie gekannt." Die Kinder prägen sich sein Gesicht ein.

Als er in Illertissen einmal bei einem Discounter Waren in seinen Wagen stellte, hörte er, wie ein Kindergartenkind zu seiner Mutter sagte: "Der liebe Gott kauft bei Netto ein." Weil er auf Menschen zugehen kann, die nicht immer etwas mit dem Glauben zu tun haben, bereitet er Beerdigungen mit viel Liebe vor. "Trotz alle Trauer sollen die Menschen die Liebe Gottes spüren", sagt der Pfarrer. In Kamp-Lintfort werden die Beerdigungen ein Teil seiner Arbeit sein, wie der Kontakt zu Kindergärten und das Feiern von Gottesdiensten.

2020 könnte die Landesgartenschau dazukommen. "In Gronau gab es bei der Landesgartenschau 2003 jeden Tag ein Programm in einer Holzkirche", erzählt der neue Kamp-Lintforter Pfarrer. "Hier sollte 2020 auch etwas angeboten werden, wenn täglich Tausende von Menschen unterwegs sind. Schließlich sind die Wege des Herrn unergründlich."

Quelle: RP
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