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Heimat erleben
Zeitreise in die Bergbau-Vergangenheit

Heimat erleben: Zeitreise in die Bergbau-Vergangenheit
Klaus Deuter, Vorsitzender der Steigergemeinschaft West, erklärt, wie die Kohlenabfuhr im Streb über ein Kettenförderband funktionierte. FOTO: Klaus Dieker
Kamp-Lintfort. Ehemalige Bergleute engagieren sich für den Erhalt des Lehrstollens auf dem Bergwerk West. 2014 waren 1800 Besucher zu Gast. Von Anja Katzke

Tief aus dem Stollen dringen Wortfetzen durch das ohrenbetäubende Rattern von Förderband und Hobel. Es ist fast so, als träfe man gleich hinter der nächsten Biegung auf Bergleute, die sich etwas zurufen. Tatsächlich handelt es sich aber um eine Tonbandaufnahme. "Es sind Originalgeräusche, die ich auf CD zusammengeschnitten habe, damit die Besucher ein Gefühl dafür bekommen, wie es Untertage auf der Zeche zuging", erklärt Klaus Deuter, Vorsitzender der Steigergemeinschaft West. Seit 2012 engagiert er sich mit zehn Mitstreitern dafür, den früheren Lehrstollen des Bergwerks West zu erhalten und für Besucher zugänglich zu machen.

Das Interesse, in die Welt Untertage einzutauchen, ist sehr groß. Allein 2014 führten Deuter und seine Kollegen rund 1800 Besucher durch den Lehrstollen, der in den 1970er Jahren errichtet wurde. Es handelt sich um einen Komplex von mehreren Strecken und Stollen auf einer Fläche von 50 mal 50 Metern, der nahe dem Schirrhof der Zeche kurz unterhalb der Erdoberfläche liegt. "Die tiefste Stelle liegt bei drei Metern", erklärt Deuter. Der Lehrstollen, der in mehreren Schritten bis 1986 komplett fertiggestellt wurde, bot den RAG-Ausbildern die Möglichkeit, den Betrieb eines Bergwerks Untertage zu simulieren.

Die angehenden Bergleute, Bergmechaniker und Elektriker erhielten im Lehrstollen einen ersten Eindruck davon, was sie in bis zu 1000 Metern Tiefe erwartete. "Es wurden wichtige Grundkenntnisse vermittelt, die insbesondere auch die Sicherheit betrafen", sagt Klaus Deuter, der im August 1979 selbst auf dem Kamp-Lintforter Bergwerk seine Ausbildung begann und zuletzt frei gestelltes Betriebsratsmitglied war. Kein Tageslicht dringt in den Lehrstollen ein. Er wird von Grubenlampen erhellt. Neben dem Eingang hängen die Helme, die heute die Besucher aufsetzen müssen, damit sie sich nicht an der gelb gestrichenen Einschienenhängebahn die Köpfe anstoßen. Gegenüber befindet sich die Lampenstation. Jeder Bergmann hatte seine eigene Lampe mit einer Nummer drauf. In diesem Bereich hat die Schutzpatronin der Bergleute, die Heilige Barbara, ihren Platz gefunden. Bis 2013 stand die Statue aus Massivholz Untertage auf 885 Metern, dann wurde sie mit einem Festakt hinaufgeholt und eingesegnet. "Wir sind stolz, dass wir sie haben", betont Klaus Deuter.

Heute erleben Besucher im Lehrstollen, wie die Kumpel bis Dezember 2012 die Steinkohle abbauten. Bis dahin war das Bergwerk West die letzte kohlefördernde Zeche am linken Niederrhein. In einem Bereich des Stollens wird der Schildausbau mit Originalmaschinen präsentiert, in einem anderen ist der Streckenvortrieb mit Bohrern nachgestellt. Es wird gezeigt, wie mit Holzstempel gearbeitet wurde. Anschaulich dargestellt wird, wie unmittelbar im Strebbereich die Kohlenabfuhr über ein Kettenförderband funktionierte. Darauf liegen große Klumpen Rohkohle und auch Hausbrand. "Es ist die Kohle, die auf der letzten Schicht Silvester 2012 gefördert wurde."

Gleich daneben ist in der Glasvitrine eine Besonderheit ausgestellt: Ein riesiges Stück Naturkoks, das in den 80er Jahren im Flöz Präsident gefunden wurde. "Das ist einzigartig. Ich kenne keinen anderen Ort, an dem so etwa ausgestellt ist", sagt das Mitglied der Steigergemeinschaft West. Maschinen und Technik gibt es ebenfalls im Lehrstollen zu entdecken: moderne Computersteueranlagen, Dieselkatze, PC-Arbeitsplätze, Kabelstränge, Bohrer, Hydraulikanlagen und vieles mehr. Als Klaus Deuter und seine Mitstreiter den Lehrstollen 2012 reaktivierten, wurde er bereits seit fünf Jahren nicht mehr genutzt. Inzwischen planen sie bereits die Erweiterung des Stollens um etwa 100 Meter. Platz ist im Hinterhof genug. Der Streb Mausegatt, den die engagieren Männer selbst nachgebaut haben und der mit 60 Zentimetern sehr niedrig ist, ist bei den Schülern und Kindergartenkindern sehr beliebt. "Sie kriechen sofort hinein", berichtet Deuter. Schulen aus der ganzen Region haben bereits Führungen gebucht.

Doch auch andere Besuchergruppen wollen sich über die Geschichte des Bergbaus informieren. "Die weiteste Anreise hatte eine Gruppe aus den USA, die am Niederrhein Urlaub machte. "Sie haben offenbar unsere Facebookseite im Internet entdeckt und sich angemeldet." Auch eine Frauengruppe aus der Schweiz hat den Lehrstollen schon besucht. Und am Dienstag ist die Bewertungskommission, die entscheiden wird, ob die Landesgartenschau 2020 nach Kamp-Lintfort kommt, im Lehrstollen zu Gast. Auch das Bergwerksgelände soll Gartenschauareal werden.

Quelle: RP
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