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Serie Vor 200 Jahren
1816 - Das "Jahr ohne Sommer"

Kreis Viersen. Ein gigantischer Vulkanausbruch in Indonesien führte auch im damaligen Kreis Kempen zu Hunger, Not und Tod. Von Prof. Dr. Leo Peters

Kreis Viersen Begriffe wie "Klimawandel" und "Globalisierung" waren den Menschen im gerade gebildeten Kreis Kempen vor 200 Jahren fremd. Doch ein dramatisches Ereignis auf der fernen Insel Sumbawa im heutigen Indonesien führte zu einer globalen Klimabeeinträchtigung, die auch die Zeitgenossen am Niederrhein bitter zu spüren bekommen sollten. Im April 1815 brach der Vulkan Tambora aus. Mit 160 Kubikkilometer ausgeworfenem pyroklastischem Niederschlag war es die größte in geschichtlicher Zeit beobachtete Eruption. Zum Vergleich: als 2010 der isländische Vulkan Eyjafjallajökull ausbrach, wurden 0,14 Kubikkilometer in die Atmosphäre gespuckt. Die apokalyptischen Ausmaße der Katastrophe von 1815 drückten sich auch in der nie genau ermittelten Zahl der Todesopfer aus, die weltweit sechsstellig war.

Verheerend waren ein Jahr später die Folgen für das Wetter in Nordamerika und in Europa. Hier sprach man 1816 von einem "Jahr ohne Sommer". Missernten und erhöhte Sterblichkeit bei Menschen sowie die schlimmste Hungersnot für Nutztiere im 19. Jahrhundert stellten sich ein. Besonders gut sind die Verhältnisse im eben zur Kreisstadt gewordenen Kempen dokumentiert. Nach 134 Regentagen notierte Heinrich Goertsches in seiner Chronik, "daß alles ist verdorben im Feld. ... Die Leute schrien um Brot, aber die Bäcker konnten nicht allziet backen und die Armen konnten sich nicht helfen ohne Beistand." Im Winter vermerkte er: "Der Jammer über den armen Mann ist nicht zu beschreiben". Friedhelm Weinforth der diese Quelle anführte, ist auch der demografischen Auswirkung dieser Wetterkatastrophe nachgegangen: "1816 starben in Kempen 98 Personen, während sich ihre Zahl 1817 und 1818 auf 79 bzw. 74 verringerte." Signifikant war auch die Steigerung der Zahl der Kinder, die in den ersten fünf Lebensjahren starben. Zurück ging schließlich die Zahl der Eheschließungen. Unter der mehrheitlich ärmeren katholischen Bevölkerung Kaldenkirchens ist ebenfalls eine Verringerung der Einwohnerzahl zwischen 1816 und 1817 überliefert.

Insgesamt aber ist die Quellenlage dürftig. Not und Hunger gehören nicht zu den historischen Phänomenen, die ausführliche schriftliche Dokumente hinterlassen. Dennoch gibt es etliche vereinzelte Hinweise. Der Brüggener Pfarrer Dubois erwähnte 1827 die "Jahre der Not 1816 und 1817".

Dass die Gründung der Arbeiter-Krankenlade der Manufaktur des Friedrich von Diergardt in Süchteln 1816 auch mit der Lage in diesem Hungerjahr zusammenhing, darf man annehmen. Von Bracht wird berichtet, dass es fast ununterbrochen zwischen Mai und November regnete. Die Niers war überschwemmt, eine große Schneckenplage breitete sich aus. In Goch musste Anfang August geheizt werden, und "man hätte glauben können, eine neue Sintflut stünde bevor. Es fällt häufig, selbst bei hellem Wetter Staubregen vom Himmel."

Am schlimmsten waren die Auswirkungen des fernen Vulkanausbruches in den Gebieten unmittelbar nördlich der Alpen. Im Süden Deutschlands reagierte man auf verschiedenen Gebieten der Daseinsvor- und -fürsorge auf die bitteren Erfahrungen von 1816. In Württemberg übernahm die Gattin von König Wilhelm I. die Leitung eines Wohltätigkeitsvereins, durch den 1818 die Württembergische Sparkasse gegründet wurde. Im selben Jahr errichtete der König eine landwirtschaftliche Unterrichts-, Versuchs- und Musteranstalt, die heutige Universität Hohenheim.

In einem Wikipediabeitrag ("Jahr ohne Sommer") kann man weitere mittelbare und unmittelbare Auswirkungen der Katastrophe nachlesen: eine Auswanderungswelle, die Entwicklung der Draisine, des Ur-Fahrrades, als Folge des Pferdesterbens 1816/17, die Untersuchungen über die Bedingungen des Pflanzenwachstums durch Justus von Liebig. In Bayern blühte die vormals unterdrückte Volksfrömmigkeit wieder auf. Scharen von Pilgern zogen nach Altötting, ja Bittgottesdienste für eine gute Ernte fanden bald auf Anordnung der Behörden statt.

Bei Schriftstellern und in der Malerei fanden die Folgen des Tambora-Ausbruchs ihren Niederschlag. Mit sarkastischer Ironie wurde das Jahr 1816 "Achtzehnhundertunderfroren" genannt. Die Sonnenuntergänge zauberten einen glutrot flammenden Himmel hervor. Caspar David Friedrich in Greifswald und der englische Maler William Turner hielten alles in Gemälden fest. - Die Tragik des Jahres 1816 konnte das für unsere Vorfahren freilich nicht mindern.

Quelle: RP
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