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Serie Kempen In Der Nachkriegszeit (3)
Aufräumen - auch in den Köpfen?

Kempen. Die Kriegstrümmer wurden beseitigt. Aber eine Aufarbeitung der Vergangenheit fand nicht statt. Zu schmerzhaft wäre es gewesen, das eigene Verhalten zu hinterfragen, vor allem aber den Tod so vieler Angehöriger für ein verbrecherisches Regime. Von Hans Kaiser

Kempen Kempen nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges 1945: In der Stadt liegen etwa 1000 Kubikmeter Schutt. 1946 wird in der Innenstadt eine Feldbahn installiert, die die Trümmer vom Marktplatz durch die Kuhstraße, durchs Kuhtor und weiter über die Aldekerker, die heutige Kerkener Straße, zum Schuttabladeplatz am Hagelkreuz befördert. Jahrzehnte lang wird hier ein begrünter Hügel zeigen, wo Kempen seine Kriegstrümmer aufgehäuft hat. Gleise und Loren, um den Schutt wegzuschaffen, hat man aus dem 1939 errichteten Pionierpark der Wehrmacht an der Von-Loë-Straße entnommen. Von dort wurden damals die Bunkerbauten des so genannten Westwalls an der holländischen Grenze mit Bau- und Befestigungsmaterial bestückt.

Auf den Straßen wird also aufgeräumt; aber auch in den Köpfen? Am 3. März 1945 wurde Kempen von den Amerikanern besetzt; für die Stadt war der Krieg zu Ende. Allmählich enthüllte sich die furchtbare Wahrheit. 3.250.000 deutsche Soldaten waren im Dienste eines verbrecherischen Regimes gefallen, und in der Zivilbevölkerung hatte Hitlers Krieg noch mehr Opfer gekostet: 3.640.000. In ganz Europa waren fast 40 Millionen Menschen durch den Krieg umgekommen, der von Deutschland ausgegangen war. Nun sollte man meinen, dass in der Bevölkerung ein Umdenken eingesetzt hätte, dass Bestürzung und Trauer die alte Glorifizierung des Sterbens als "Kampf fürs Vaterland", als "Heldentod" ersetzt hätten. Aber zu einer wirklichen Verarbeitung der Katastrophe ist es damals nicht gekommen. Man brachte es nicht fertig, eine Sache, für die man sich zunächst voll und ganz eingesetzt hatte, zu verurteilen. Hätte man das geschafft, hätte man auch einen Teil seiner Lebensarbeit verwerfen müssen. Vor allem aber hätte man sich klar machen müssen, dass der Sohn, der Ehemann, der Bruder ihr Leben unnötig geopfert, noch schlimmer: für eine verbrecherische Sache hingegeben hätten. So fühlte man sich als Opfer - eines Systems, das man doch mitgetragen hatte.

Aber das war überall so in der Nachkriegs-Bundesrepublik. Nur ein verschwindend geringer Teil der Bevölkerung rang sich durch zu Aufarbeitung und Selbstkritik. Vorherrschend waren Verdrängen und Beschönigen.

Ende 1951 führte Allensbach eine Umfrage durch: "Wann in diesem Jahrhundert ist es - nach Ihrem Gefühl - Deutschland am besten gegangen?" Da nannten 40 Prozent der Befragten das "Dritte Reich", nur zwei Prozent votierten für die Zeit "nach 1945". Gegenüber den Erinnerungen an Hunger, Kälte und Nachkriegselend waren die Schrecken von Verfolgung und Krieg verblasst. Am schlechtesten gegangen sei es Deutschland vom Kriegsende 1945 bis zur Währungsreform 1948, meinten 80 Prozent. Noch 1952 wünschten sich 40 Prozent der Befragten eine Partei, die die "guten Seiten" des Nationalsozialismus vertrat, 1956 immerhin nur noch 23 Prozent.

Und in Kempen? Am berufensten, über das Verhängnis des "Dritten Reiches" und des von ihm entfesselten Krieges aufzuklären, wäre hier Gottfried Klinkenberg gewesen; seit 1932 Stadtarchivar und Museumsleiter. Er war beileibe kein Nazi. Aber er war national-konservativ wie die meisten in der Beamtenstadt damals, und eine kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit konnte man von ihm nicht erwarten. Als Klinkenberg am 10. April 1949, vier Jahre nach Kriegsende, auf der Frühjahrsversammlung des Kempener Geschichts- und Museumsvereins einen Vortrag zum Thema "Kempen während des letzten Krieges" hielt, ließ er nochmals "die zunächst siegreichen glücklichen und dann immer mehr dem bitteren Ende zustrebenden Ereignisse" vorüberziehen. Nachzulesen in Akten des Kreisarchivs.

Nur allmählich änderte sich das Bewusstsein. Zeugnis dafür legen die Erinnerungs-Orte für die im Krieg umgekommenen Menschen ab. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 waren in Kempen Bestrebungen zur Errichtung einer städtischen Gedenkstätte für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges aufgekommen. Am "Heldengedenktag", 10. März 1940, wurde mit militärischem Gepränge vor der Kempener Burg das noch heute dort bestehende Ehrenmal eingeweiht, laut Inschrift gewidmet "Den Helden des Weltkrieges 1914-1918". Hier versammelte man sich bis 1945 zum Heldengedenktag, hierhin marschierten alljährlich am 9. November die Kempener Nationalsozialisten, um die Toten des Hitler-Putsches in München von 1923 zu ehren.

Auch nach dem Krieg fand hier die Ehrung der Gefallenen statt. Dabei sah man nicht, dass man unter dem Leitmotiv "Den Helden des Weltkrieges..." unfreiwillig eine Heroisierung des Krieges übernahm, der man sich eigentlich nicht anschließen wollte. Erst 54 Jahre nach seiner Einweihung, am 17. September 1994, installierte die Stadt Kempen vor dem "Ehrenmal" aus der NS-Zeit eine Konsole mit einem Kommentar, der darauf hinweist, dass es in einem Krieg nur Opfer, aber keine Helden gebe. Erst als während der Siebzigerjahre eine Generation aufkam, die von den Verstrickungen der NS-Zeit nicht mehr persönlich berührt war, setzte auch in Kempen eine öffentliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ein. Erst im November 1986 fand durch die Jungsozialisten eine erste Informationsveranstaltung über die "Kristallnacht in Kempen" statt. Im Gegensatz zu der 1939 errichteten Anlage vor der Burg stand eine Tafel mit dem Appell "Euer Opfer sei uns Mahnung zum Frieden", die der Kempener Heimkehrerverband am 17. Juni 1960 dort einweihte, wo am 10. Februar 1945 das Zentrum des schwersten Luftangriffs auf Kempen mit 90 Toten gelegen hatte: an der Mündung der Ellenstraße zum Möhlenring. Diese Mahnung zum Frieden steht auch im Zentrum der Gedenktafeln für die 662 Opfer des Zweiten Weltkriegs, die am Volkstrauertag, 18. November 2012, von einer Bürgerinitiative unter der Leitung des Metzgermeisters im Ruhestand Robert Koth vor der Kempener Burg eingeweiht wurden. Die Zeit der Heldenverehrung ist auch in Kempen vorbei.

(Fortsetzung folgt)

Quelle: RP
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