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Gemeinde Grefrath
Aus den Sperrzonen des Alltags

Gemeinde Grefrath. Manfred Maurenbrecher gastierte in der Grefrather Buchhandlung. Von Jürgen Karsten

"Mit 65 ist er nun in perfekter Balance als Toro und Torero in der Ukraine-Arena, aber auch als knarzender Suburbia-Chronist wie aufräumender Staubsauger-Freak unterwegs" - so lautet die Begründung für die Nominierung für die Bestenliste 2015 der deutschen Schallplattenkritik in der Rubrik "Liedermacher". Sie spielt auf aktuelle Titel des Liedermachers Manfred Maurenbrecher an, der jetzt bei Karl Groß in dessen Grefrather Buchhandlung sein neues Album "Rotes Tuch - Lieder und Worte aus den Sperrzonen des Alltags" vorstellte. Neben brandneuen Songs präsentierte Maurenbrecher auch ein Wiedersehen und Wiederhören mit älteren Liedern. Der Berliner mit der rauen Stimme gestaltet seine Soloabende mit nachdenklichen Texten, einem sympathischen leichten Lispeln und einem knallharten Anschlag am Klavier, der umso mehr anschwillt, je mehr der Meister sich so richtig aufregt. Und das tut der "Che Guevara vom Breitenbachplatz", wie ihn die Berliner nach seinem Domizil in der Hauptstadt und seinem politischen Engagement liebevoll nennen, sehr oft und nie zu Unrecht. Er geißelt die Ungerechtigkeiten und Oberflächlichkeiten dieser Welt. Und zwischendurch plaudert der Poet mit den strähnigen Haaren auf die ihm eigene drollige Art aus dem Leben, so wie er es sieht. Und das ist immer ungemein präzise beobachtet und liebevoll karikiert. Moral einfordern ohne die moralische Keule zu schwingen, das unterscheidet den schrulligen Barden von vielen anderen seines Genres.

600 Lieder hat er in 35 Jahren geschrieben. Lyrics, die hörenswert und beachtenswert sind, und die ihn als idealen Geschichtenerzähler am Klavier auszeichnen. Dabei nimmt er nach eigenem Bekunden oft eine Trotzhaltung ein und will dann gar keine Stories mehr erzählen, sondern sich einfach mal verweigern. Dann schreibt er Refrains, die er selbst nicht versteht und von denen er hofft, dass sie sich ihm selbst beim Singen erschließen. Seine Zuhörer jedenfalls, und das war auch in Grefrath wieder der Fall, verfolgen seine Lieder atemlos und manchmal vielleicht auch überfordert. Verständnis und Unverständnis liegen da schon mal ganz eng beieinander, wie in "Rolle-Rolle".

Er singt politische Lieder, wie die "Kiewer Runde", in der er auch die Rolle der Journalisten in der Ukraine-Krise geißelt, die "massentaugliche Artikel schreiben müssen". Er kann aber auch zutiefst poetische Lieder wie seine Liebeslieder, bei denen der Agitprop-Sänger plötzlich zum Troubadour mutiert. Hitverdächtig am Schluss des Liederabends sein "Staubsauger"-Lied, mit dem er in jeder Weise zum Reinheitsfreak wird, jeden Dreck von der Welt zu blasen. So ist der echte Maurenbrecher: immer ehrlich und völlig uneitel. Er ist immer noch, auch in einem Alter, in dem andere in Rente gehen, ein engagierter Anwalt der kleinen Leute, ein Meister der klaren Aussprache, gerne auch gegen jede Form von Hohlköpfigkeit, gegen die grassierende Handymania und gegen alles, was Mainstream bedeutet. Vor allem aber ist er eines, und das zeichnet ihn aus: ein einzigartiger Autor der ungewaschenen Lieder.

Quelle: RP
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