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Serie Sommerinterview Mit Der Stylistin Doris Zehr
"Aus jedem Essen ein Fest machen"

Kempen. Der Kempener Stylistin Doris Zehr geht es um die Kultur des Alltags, um Achtsamkeit bei Essen und Gastlichkeit.

Im vergangenen Jahr ist Ihr Kochbuch "Von Prinzessböhnchen und Armen Rittern" erschienen. Welche Reaktionen haben Sie erfahren?

DORIS ZEHR Das Kochbuch war ein Glück. Über 1000 sind bereits verkauft, rund 800 über meinen Düsseldorfer Laden "Anna van Neerhave" und 250 über den Buchhandel. Die tollen Fotos von Wolfen Schulz haben einen großen Anteil am Erfolg. Und meine Rezepte finden großen Anklang. Ich bekomme da viel positive Resonanz. Viele haben das Buch nachgekauft, manche sogar zehn- bis 15 mal, um es zu verschenken. Und dann kommen die Beschenkten und wollen es wiederum selber verschenken. Meine Botschaft, aus jedem Essen ein Fest zu machen, dabei etwa einfache Gerichte auf feinem Geschirr zu servieren, findet viel Zustimmung. Durch das Buch bin ich auch bekannt geworden, ich treffe in Oberkassel oder in der Karlstadt von Düsseldorf immer öfter Menschen, die mich wiedererkennen und ansprechen. Ich bin total happy. Dabei bin ich weder eine Köchin, noch eine Foodstylistin. Die Arbeit hat mir aber so viel Spaß gemacht, dass ich bereits ein neues Werk im Kopf habe. Das Konzept will ich aber noch nicht verraten. Lassen Sie sich überraschen.

Im Fernsehen gibt es immer mehr Kochshows. Kochbücher verkaufen sich gut. Aber zu Hause wird immer weniger gekocht. Sind Deutsche mehrheitlich Koch-Muffel oder doch Feinschmecker?

ZEHR Die Deutschen sparen immer noch sehr am Essen. In Deutschland gibt es ein qualitatives Nord-Süd-Gefälle, und in Frankreich und der Schweiz bekommen Sie ganz andere Lebensmittel. Aber egal, überall gibt es gutes und schlechtes Essen. Wir können selber entscheiden, wie und was wir essen. Ich achte auf regionale Produkte vom Niederrhein. Ich kaufe keineswegs nur auf dem Carlsplatz in Düsseldorf ein, sondern auch auf dem St. Töniser Obsthof oder sogar manchmal eine selbstgemachte Marmelade hier am Straßenrand. Kochen ist für mich wie eine Meditation. Ich bin aber nur maximal 20 bis 30 Minuten in der Küche. Das frische Essen kommt dann auf die schönsten Teller, und selbstverständlich zünde ich zum Essen Kerzen an.

Gibt es in der Gastlichkeit neue Trends?

Zehr Ich suche keine Trends, ich versuche eher, Altes oder Fremdes neu zu beleben. Zum Beispiel gefällt mir sehr der französische Apertif-Empfang. Der dauert anderthalb bis zwei Stunden, nicht länger. Dazu gibt es meistens Champagner - es kann natürlich auch Cava, Prosecco oder ein Winzersekt sein - und Fingerfood: kleine Canapés, Pasteten, Oliven. Sechs bis acht Leute treffen sich, diskutieren über Gott und die Welt - und gehen dann wieder nach Hause. Einen Trend, den ich mir selber ausgedacht habe, finden meine Freundinnen und Kundinnen super: Ich bietet nach dem Essen nichts Hochprozentiges an, sondern eine Tasse mit Verveine-Tee. In Frankreich ist der Tee als beruhigendes Guten-Abend-Tee sehr beliebt.

Wie schaffen Sie es, gleichzeitig gute Köchin und gute Gastgeberin zu sein?

ZEHR Ich finde, man darf Gäste nicht warten lassen. Die Gäste begrüßen und dann für 30 Minuten in der Küche verschwinden, ist ein No go. Natürlich kann man auch mit den Gästen zusammen kochen - wenn die so etwas wollen. Oder es gibt große Küchen mit einem Esstisch, an dem die Gäste sitzen. Natürlich können die Gäste auch etwas mitbringen. Aber alleine in der Küche verpasst man die Gäste. Bei mir bekommt der Gast sofort einen kleinen Aperitif, das erleichtert das Ankommen. Mein Favorit ist da im Moment Gin Tonic. Aus England habe ich dagegen den High Tea übernommen. Da lädt man nachmittags zu Tisch, nicht in die Sessel. Zu Kaffee und Kuchen gibt es erst kleine Kuchen, nach dem Süßen dann Gurken-Sandwiches, Weißbrot mit Ziegenfrischkäse und Rucola.

Wo haben Sie das gelernt oder woher kommt Ihr Händchen für gepflegte Gastlichkeit?

ZEHR Beigebracht hat mir das keiner. Natürlich spielt das Elternhaus eine große Rolle. Dass mein Vater zu meinem 13. Geburtstag den Tisch fein deckte, hat mich anscheinend nachhaltig beeindruckt. Und als meine Eltern aus der DDR flohen, nahm meine Mutter eine gute Tischdecke und eine Vase im Koffer mit.

Und Sie schwelgen erst recht in alter Tischkultur.

ZEHR Ja, aber ich gehe nicht mehr über die Flohmärkte. Das interessiert mich nicht mehr. Ich bin präziser geworden und suche gezielt nach altem Porzellan.

Sie haben in Düsseldorf ein Geschäft, leben aber am Rande von Kempen. Ist das eine Stadtflucht?

Zehr Ich brauche beides. Das Stadtleben mit viel Betrieb und Kontakten, aber auch das Leben auf dem Lande, die Ruhe, das Zurückziehen, das Eintauchen in die Natur, das Leben mit den Jahreszeiten. Als ich 16 Jahre alt war, hatte mein Freund gerade seinen Führerschein gemacht. Wenn er seine Schwester im Internat in Mülhausen besuchte, nahm er mich mit dem Auto mit. Damals habe ich mich in Kempen verliebt. Das ist mir im Hinterkopf geblieben.

DIE FRAGEN STELLTE RP-REDAKTEUR HERIBERT BRINKMANN

Quelle: RP
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