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Stadt Kempen
Aus vollem Herzen Kempener Bürger

Stadt Kempen: Aus vollem Herzen Kempener Bürger
Jeyaratnam Caniceus vor dem Stadtrelief auf dem Kempener Buttermarkt. Der 49-Jährige, der vor 30 Jahren seine Heimat in Sri Lanka verlassen musste, ist längst heimisch geworden am Niederrhein. Er engagiert sich auf vielfältige Weise. FOTO: Kaiser
Stadt Kempen. Jeyaratnam Caniceus kam als Flüchtling aus Sri Lanka an den Niederrhein. Heute engagiert er sich selbst für Flüchtlinge. Von Silvia Ruf-Stanley

Eine verantwortungsvolle Position als Elektromeister im Allgemeinen Krankenhaus in Viersen, eine Familie, die ihm den Rücken stärkt, ein hübsches Eigenheim im Neubauviertel. Die Älteste studiert Medizin, der Sohn beginnt nach dem Wirtschaftsabitur eine Banklehre, die Jüngste macht sich auch gut in der Schule.

Dazu noch engagiert in Politik und in der Katholischen Kirchengemeinde. Das klingt geradezu nach Bilderbuch gehobenen deutschen Mittelstands. Doch ist es die Lebenswirklichkeit eines Menschen, der als Flüchtling nach Kempen kam. Die Rede ist von Jeyaratnam Caniceus. Er ist Ratsherr für die Grünen und kam erst 1985 nach Deutschland. Geboren wurde er 1966 in Manipay Jaffna in Sri Lanka.

Naturwissenschaften wollte er studieren, war schon mit dem Besuch des naturwissenschaftlichen Gymnasiums auf dem besten Weg dahin. Doch dann kamen die Repressalien gegen die tamilische Bevölkerung in Sri Lanka dazwischen. Es wurde immer enger für die Tamilen im Land, der Bürgerkrieg wurde zur Bedrohung für alle. Es blieb nur noch die Flucht - nach Deutschland. Abenteuerlich, über die damals noch existierende DDR schaffte Caniceus es nach West-Berlin. Es klingt wie ein seltsame Anmutung an die heutigen Flüchtlinge, die in Mazedonien festhängen, dass ihm 72 Stunden blieben, in den Westen zu kommen. Sein Vater lebte damals schon in Vorst. Also kam er an den Niederrhein.

Er hatte nur die Zeugnisse vom Gesamtschulabschluss, erinnert er sich. Erst später konnte er fehlende Zeugnisse vom Gymnasium besorgen. Nicht leicht war es für ihn oft beim Ausländeramt. Eine bittere Erfahrung sei das gewesen, sagt er. Dabei wollte er nur eins, eine solide Ausbildung machen und arbeiten. Bis heute ist er Anita Schreieck vom Arbeitskreis für Asyl und Menschenrechte in Kempen dankbar, die ihn im Deutschkursus unter ihre Fittiche nahm und immer wieder unterstützte. Ohne Hilfe hätte er die vielen Behördenwege nicht geschafft, sagt er.

Aber es vergingen fünf Jahre, in denen er sich mit Tätigkeiten als Hilfsarbeiter in der Landwirtschaft und Gastronomie sein Geld verdiente. Dann endlich konnte er 1990 eine Ausbildung zum Elektroinstallateur anfangen. Sofort anschließend ließ er sich zum Meister ausbilden.

Aber Caniceus ist keiner, der sich auf dem mühevoll Verdienten ausruht. Für ihn war es wichtig, politisch aktiv zu sein. Bei den Grünen hat er dafür seine Heimat gefunden, auch wenn es nicht immer leicht war. Aber, und das sagt er sehr ausdrücklich, es ist ihm eine Herzensangelegenheit, mitbestimmen zu wollen, Demokratie zu gestalten. Immer sei er ein politischer Mensch gewesen und das wolle er auch in seiner neuen Heimat sein. Auch wenn seine Kinder nicht so wie er und seine Frau parteipolitisch engagiert sind, will er ihnen das doch auch mitgeben. Gerade jetzt gilt sein besonderes Engagement den Flüchtlingen. Schon immer hat er sich im Multikulturellen Forum Kempens eingebracht. Vielfach hat er in verschiedenen Ausschüssen und im Stadtrat einen runden Tisch zur Koordination der Flüchtlingsarbeit gefordert. Am meisten wünscht er sich derzeit, dass der Kreis Viersen das Angebot des Landes annimmt, mit Unterstützung des Landes ein Koordinationszentrum für Flüchtlingsfragen für den Kreis einzurichten. Caniceus möchte, dass die vielen Hilfsangebote, die es gibt, aber auch die Möglichkeiten von Land, Bund und Kommunen zugunsten der Menschen, die hier ohne etwas als dem bloßen Überleben ankommen, gebündelt werden. Die langen bürokratischen Wege, die er hat erleben müssen, sollten heute nicht mehr sein, meint er.

Die Entwicklung in seinem Heimatland Sri Lanka sieht er immer noch mit Besorgnis, sagt er. Zugeständnisse an die Tamilen wären halbherzig, so seine Einschätzung. Gerne möchte er einmal mit seinen Kindern in die Heimat reisen, aber er hat immer noch Bedenken. Er mutmaßt, dass seine politische Aktivität dort nicht verborgen geblieben ist. Ein Trost ist für ihn, dass ein Teil seiner Familie in der Nähe lebt, ein Teil in England. Und dass es glücklicherweise inzwischen dank der vielen sozialen Netzwerke Möglichkeiten der Kommunikation gibt. Die wiederum möchte er demnächst auch den Flüchtlingen in Kempen eröffnen - mit einem Freifunkprojekt, das kostenloses Internet per WLAN ermöglicht. Denn das ist die einzige Verbindung in die Heimat, die einzige Möglichkeit, auf der Flucht verloren gegangene Mütter, Väter, Kinder, Tanten oder Neffen wieder zu finden.

Um wieder zum Anfang zurück zu kehren: Wer Caniceus schon länger kennt, merkt, dass er wirklich angekommen ist. Er ist gelassener, entspannter als in den Anfangsjahren. Er lächelt mehr, lacht oft über sich selbst und über die Deutschen. Und er ist aus vollem Herzen und sehr selbstbewusst Kempener Bürger.

Quelle: RP
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