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Stadt Kempen
Baggern für riesigen Wasserspeicher

Stadt Kempen: Baggern für riesigen Wasserspeicher
Gestern Morgen auf der Baustelle am Viehmarkt: Ein Loch wird gebaggert, damit die Archäologen auf Spurensuche gehen können. Später soll in dieser Grube die Pumpstation für die beiden riesigen Regenrückhaltebecken eingebaut werden. FOTO: Wolfgang Kaiser
Stadt Kempen. Am Kempener Viehmarkt haben die Arbeiten für die Verlegung überdimensionaler Kanalrohrstücke begonnen. Unter dem Parkplatz und in der Grünanlage am Spülwall entstehen zwei unterirische Regenrückhaltebecken. Von Andreas Reiners

Bei diesen Dimensionen kommen selbst die Fachleute ins Schwärmen. Kempens Tiefbauamtsleiter Torsten Schröder bekommt leuchtende Augen, als er gestern Morgen beim Ortstermin mit der Rheinischen Post Details zum wohl größten Kanalbauprojekt der jüngeren Vergangenheit in der Thomasstadt erläutert. Derweil sitzt Uwe Fleig im Führerhaus seines großen Spezialbaggers und gräbt das Erdreich aus einer Baugrube. Fleig und seine Kollegen lassen sich angesichts der Größenordnung des Vorhabens nicht aus der Ruhe bringen. Die Mitarbeiter der Straßen- und Tiefbauunternehmen Uhrig aus Geisingen in der Nähe von Villingen-Schwenningen sind seit eineinhalb Wochen am Niederrhein. Die Baufirma hatte im Vorfeld den Zuschlag für den Bau von zwei riesigen unterirdischen Regenrückhaltebecken erhalten.

Jedes Betonteil hat einen Durchmesser von 3,20 Meter. Torsten Schröder (links) und Ulrich Warning vom Tiefbauamt verdeutlichen die Größenverhältnisse. FOTO: Kaiser Wolfgang

Immerhin mehr als 50 Firmen hatten sich auf die Ausschreibung des Kempener Tiefbauamtes hin beworben. Ausschlagend für die Auftragsvergabe an das Unternehmen aus dem Kreis Tuttlingen am östlichen Rand des Schwarzwalds war die Tatsache, dass die Baufirma zusicherte, die ursprünglich vorgesehene Bauzeit von sieben auf gerade mal vier Monate verkürzen zu können. Das wollen die Bauleute durch ein neuartiges Tiefbauverfahren erreichen, das sich die Firma teilweise sogar hat patentieren lassen. Dazu wurden spezielle Vorsatzstücke für den riesigen Kettenbagger von Firmeningenieuren selbst entwickelt.

Am gestrigen Morgen sind Baggerführer Uwe Fleig - er ist auch der Polier auf der Baustelle - und seine Kollegen gerade dabei, eine Grube am Rande des Parkplatzes zum Spülwall hin auszuheben. Die Arbeiten werden von Lisa van Bömmel-Wegmann genau beobachtet. Die junge Archäologin mit Warnweste ist Mitarbeiterin der Fachfirma Archbau, die in Köln einen Sitz hat. Das auf archäologische Bodenuntersuchungen spezialisierte Unternehmen sucht im Auftrag des Rheinischen Amtes für Bodendenkmalpflege in Bonn - eine Dienststelle des Landschaftsverbandes - am Viehmarkt nach Resten der früheren mittelalterlichen Stadtbefestigung. In der Baugrube finden sich an diesem Morgen Reste eines alten Brunnens. Auch Mauer- und Geschirrreste haben die Archäologen gefunden. "Dies stammt aber nicht aus dem Mittelalter", sagt Lisa van Bömmel-Wegmann. Es sind Funde, die die Expertin auf das frühe 20. Jahrhundert datiert. Kein Wunder: Bis zur großen Altstadtsanierung Kempens Ende der 1960er-Jahre standen auf dem Gelände des heutigen Parkplatzes Patrizierhäuser. Sie wurden im Zuge der Umgestaltung der Ringe und der Anlage des Grüngürtels damals abgerissen, was alte Kempener noch heute bedauern. Aber das ist ein anderes Thema.

Archäologin Lisa van Bömmel-Wegmann untersucht das Erdreich. FOTO: Kaiser Wolfgang

Gleich neben der Baugrube, in der mögliche archäologischen Funde noch bis Mitte kommender Woche fotografiert, dokumentiert und gegebenenfalls fürs Museum gesichert werden sollen, stehen bereits einige der riesigen Kanalrohrstücke. Jedes Exemplar hat einen Innendurchmesser von 3,20 Meter und wiegt 22 T onnen. Insgesamt 94 dieser Betonteile werden in den kommenden Wochen von den Uhrig-Bauleuten in einem Spezialverfahren Stück für Stück in die Kempener Erde gebracht. Die Rohrteile kommen sukzessive per Tieflader direkt vom Hersteller aus der Nähe von Leipzig, sie werden in der Regel nachts zum Viehmarkt transportiert, berichtet Bauleiter Ulrich Warning vom Kempener Tiefbauamt.

Die Verlegung der Rohrstücke läuft nach einem ausgeklügelten Plan. Das Verfahren hat die Baufirma Uhrig selbst entwickelt. Es läuft Computer gestützt. Per Laser werden die Betonteile vom Baggerführer jeweils Zentimeter genau in die bis zu fünf Meter tiefe Baugrube manövriert und zusammengeschoben. Die Grube selbst wird nur für die jeweiligen Betonteile, die gerade verbaut werden sollen, geöffnet und nachher sofort wieder verschlossen. Um zu verhindern, dass Grundwasser in die Grube läuft, wurde bereits ein aufwendiges Rohrleitungssystem in die Erde gebracht, über das das Grundwasser abgepumpt werden kann. Die Arbeiten laufen übrigens jeweils von montags bis donnerstags. Die Bauarbeiter aus dem Schwäbischen sind in der Woche in Willich einquartiert, verbringen die Wochenenden daheim.

Die Baukosten sind mit rund 1,3 Millionen Euro veranschlagt. Bei einem herkömmlichen Verfahren mit großer offener Baugrube hätten die Arbeiten nicht nur länger gedauert, sie wären mit fast 1,8 Millionen Euro auch deutlich teurer geworden, erklärt Tiefbauamtsleiter Torsten Schröder. Im Spätsommer sollen die beiden parallel verbauten unterirdischen Becken mit einem Speichervolumen von rund 1,9 Millionen Liter Wasser fertig gestellt sein. Bei Starkregen kann dann Regenwasser aus dem normalen Kanalnetz in der Innenstadt dort zwischengelagert werden. Es soll die Kanalisation entlasten und im Falle des Falles auch das Überlaufen von Kellern verhindern.

Quelle: RP
 
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