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Serie Zuhause . . . In Tönisberg
Das Dorf, das hinter dem Berg liegt

Serie Zuhause . . . In Tönisberg: Das Dorf, das hinter dem Berg liegt
Mehr als 35 000 Fertiggerichte werden täglich von Sauels in Tönisberg ausgeliefert. FOTO: Kaiser
Kempen. Bereits in alten Chroniken wird Tönisberg als idyllisch und reizvoll beschrieben. Künstler wie die August Macke und Heinrich Nauen haben die Bockwindmühle auf ihren Bildern verewigt. Der Heimatverein sorgt sich rührend um die Geschichte. Von Margret Vieregge

TÖNISBERG Im alten Stadtführer von 1897 heißt es: "Auf schattiger Chaussee gelangt man zu dem reizend hinter dem Höhenzuge gelegenen St. Tönisberg." In den über hundert Jahren, die inzwischen vergangen sind, ist das "St." verloren gegangen, die Beschreibung des Dorfes jedoch passt damals wie heute, wobei hinter dem Berg gelegen, nicht heißt, dass hier die Zeit verschlafen wird. Und dass es "reizend gelegen" ist, das haben im Jahre 1910 die Malerfreunde August Macke und Heinrich Nauen in ihren Bildern festgehalten. Mit ihren farbenfrohen Gemälden verewigten sie nicht nur die Tönisberger Mühle, sondern auch die idyllische Landschaft. Beide Maler werden den Rheinischen Expressionisten zugerechnet und der Einfluss der französischen Impressionisten ist bei beiden Bildern unverkennbar.

Bis in unsere Tage fasziniert das Dorf Künstler. So kam im Jahre 1963 die Bildhauerin, Plastikerin und Keramikerin Anneliese Langenbach nach Tönisberg. Von ihrer Schaffenszeit zeugen noch heute die modernen sieben Fußfälle, die nicht nur die alte Töpfertradition wieder aufleben ließen. Denn schon 1760 fand eine Antonius-Wallfahrt statt, nachdem 1748 eine Reliquie des heiligen Antonius nach Tönisberg kam. Nach der Franzosenzeit und anschließender Zugehörigkeit zu Preußen verfielen die Fußfälle nach und nach, bis sie durch Anneliese Langenbach wieder belebt wurden. Weiter erinnern Töpferdenkmal, der heilige Franziskus vor und die kleine Madonna im katholischen Pfarrheim sowie weitere Plastiken und Reliefs an die Künstlerin.

Auch der Schriftsteller Sebastian Ingenhoff, der in Tönisberg aufwuchs, hat in seiner Debut-Novelle "Rubikon" dem Dorf ein Denkmal gesetzt. Denn wer von seinem "kleinen, überschaubaren Heimatdorf" liest, wird darin unschwer das Dörfchen Tönisberg erkennen. Heute leben mit dem "Querwerker", Holzformer Theo Rösler, und dem Musiker und Komponisten, Lutz Caspers, wieder zwei interessante Künstler in Tönisberg.

Folgen wir einmal dem Heft "Spaziergang durch Tönisberg", das der Heimatverein herausgegeben hat. Wir beginnen mitten im Dorf auf dem Heinrich-Op-de-Hipt-Platz, der nach einem früheren Bürgermeister benannt ist. Dort steht der Dorfbrunnen, der den Handwerkern gewidmet ist, die dereinst hier zu Hause waren: Der Bauer, der Töpfer, der Weber und der Bergmann. Wie sieht es mit diesen Berufen heute aus? Nur wenige Bauernhöfe werden noch im Vollerwerb geführt. Viele Landwirte mussten sich nach neuen Einkommensquellen umsehen. So gibt es inzwischen mehrere Reiterhöfe, zum Teil mit Pferdezucht und Kutschenfahrgeschäft, oder es wurden die Höfe ganz aufgegeben, das Land verpachtet. Die Nachkommen sind in anderen Berufen zu Hause.

An das Töpferhandwerk, das einst hier zu Hause war, wird heute durch das Pottbäckermuseum erinnert, das von Lutz Weynans im alten Gasthaus Baaken eingerichtet wurde. Hier in historischer Kulisse, (Denkmal mit Fachwerkgiebel im Renaissance-Stil, letzter Umbau 1750) kann eine umfangreiche Sammlung von Bauernkeramik besichtigt werden.

Vergangen ist auch die Zeit der Weber und Hausweber in Tönisberg. Vor einigen Jahren wurde die kleine Weberei mit Sheddach, die an der Rheinstraße lag, abgebrochen und das letzte erhaltene Weberhäuschen auf der Bergstraße musste einem Neubau weichen. Auch der Bergmann musste seinen Beruf aufgeben. 2002 wurde die Zeche geschlossen, die 1962 in Betrieb genommen wurde. Hiervon zeugt noch der Förderturm, der demnächst auch abgerissen werden soll. "Rettet den Zechenturm" ist daher das Motto von Peter Kunz, der mit einigen Mitstreitern den Förderverein Niederberg gegründet hat, der sich für den Erhalt des Turmes vehement einsetzt. Einige Hürden sind durch dieses Engagement schon genommen worden, eine endgültige Entscheidung steht noch aus.

R eizvoll ist das Nebeneinander von Förderturm und Bockwindmühle. Sie wurde 1802 errichtet und bis 1913 betrieben. Heute lockt sie am Pfingstmontag, dem Mühlentag, viele Besucher. Ben Burchardt vom Heimatverein führt dann sachkundig durch das Innere. Von alter bewegter Zeit künden auch der ehemalige Rittersitz Haus Erprath mit Glockentürmchen und dem schönen Park und die Wasserburg Padenberg, deren letzte Reste im Zweiten Weltkrieg zerstört wurden. Die Burg existiert heute nur noch als Bodendenkmal.

Wiederbelebt wurde Tönisbergs Geschichte durch den Heimatverein, der eine Erinnerungsstätte für den "Vertrag von Vinnbrück" errichtet hat. In diesem Vertrag schlossen Rainald I. von Geldern und Erzbischof Siegfried von Westerburg im Jahre 1284 einen Beistandspakt. An die Vertragsschließung erinnert ein Tonrelief von Lutz Weynans an der Bundesstraße 9, dem Ort des Vertragsabschlusses.

Quelle: RP
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