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Annette Schieck
"Das Häkeln war unser Urknall"

Annette Schieck: "Das Häkeln war unser Urknall"
Annette Schieck in der Bibliothek des Deutschen Textilmuseums. Hier forschen auch Experten. FOTO: Stadt Krefeld
Kempen. Die Leiterin des Deutschen Textilmuseums erzählt, warum das Haus am Andreasmarkt Besucherrekorde erzielt und wie sich die Museumsarbeit in den vergangenen Jahren verändert hat. "Die meisten Museen finden Thema Textil nicht sexy. Wir schon", sagt sie.

krefeld (RP) Das Deutsche Textilmuseum Krefeld gehört neben dem Musées des Tissus im französischen Lyon zu den international bedeutendsten Sammlungen mit historisch kostbaren Textilien und Bekleidung in Europa. Der Krefelder Bestand umfasst heute fast 30.000 Objekte aus allen Teilen der Welt von der Antike bis zur Gegenwart. Seit fünf Jahren leitet Annette Schieck das Deutsche Textilmuseum am Andreasmarkt.

Welchen Eindruck hatten Sie vom Deutschen Textilmuseum zum Beginn Ihrer Arbeit in Krefeld?

Annette Schieck Durch meine Forschungsarbeit kannte ich zwar das Haus. Es war aber sicherlich hilfreich, dass ich von außen gekommen bin. Das schärft den Blick auf Positionen, die einer anderen, einer neuen Dynamik bedürfen. Als ich vor fünf Jahren ans Museum kam, fand ich eine vor allem durch den Nothaushalt verursachte statische Situation vor. Die Perspektive für das Museum gestaltete sich deswegen in meinen Augen als nicht besonders gut. Trotzdem eine neue Bewegung anzustoßen, kostete alle Mitarbeiter viel Kraft und erforderte in mancher Hinsicht ein Umdenken. Dieser Einsatz hat sich jedoch gelohnt. So wandelte sich die Ausgangslage in einigen Punkten zum Besseren, wie bei der Wahrnehmung des Hauses durch intensive Öffentlichkeitsarbeit, die sich unmittelbar in den gestiegenen Besucherzahlen widerspiegelt.

Wie konnten Sie diesen Trendwandel vollziehen?

Schieck Das Thema "Textil" finden viele Museen nicht sexy. Wir schon, weil uns bewusst ist, dass Textil ein wunderbares Vehikel ist, um verschiedene Geschichten auch jenseits der Kunstgeschichte erzählen zu können. An Textilien knüpfen sich Fragen um Herstellungsprozesse, Handelswege, Identität, Religiosität bis hin zur Mode. Man kann alle Objekte unter immer neuen Aspekten betrachten. Hierzu bedarf es vielerlei Kompetenzen, die sich hier im Haus konzentrieren. Deswegen ist es mir besonders wichtig, auch Blicke hinter die Kulissen zu ermöglichen. Nur so lässt sich vermitteln, welche Arbeitsschritte notwendig sind, bevor Ausstellungen für die Öffentlichkeit sichtbar sind. Darüber hinaus wird unser Knowhow von unserer Textilrestaurierungswerkstatt in vielfältiger Weise abgefragt, ohne dass diese Beratungen in Erscheinung treten. Oder unsere Fachbibliothek, die ihres Gleichen sucht und sowohl von Experten als auch von Studierenden verschiedener Fachrichtungen für ihre Forschungs- und Recherchevorhaben genutzt wird.

Können Sie einen konkreten Wendepunkt ausmachen?

Schieck Ja, vielleicht nicht faktisch belegbar, aber gefühlt sehr konkret. Für mich verkörpert diesen Wendepunkt die Ausstellung "Häkelkosmos - Vom Korallenriff zum schwarzen Loch". Das war sozusagen unser Urknall und hat uns eine neue, andere Wahrnehmung verschafft. Mit über 12.000 Besuchern war es bereits die zweite sehr erfolgreiche Schau seit meinem Dienstantritt. Ich konnte in ihr meine Idee und meinen Wunsch von einem offenen Museum mit fachübergreifenden Aktionen und Vorträgen umsetzen. Darunter fanden sich Vorträge aus der Meeresbiologie und der Kernphysik vor den entsprechenden Kunstwerken - und das in einem Textilmuseum. Zudem gab es Handarbeitsaktionen. Schon im Vorfeld beteiligten sich viele, darunter zahlreiche Senioren aus unserem direkten Umfeld in Linn, an der Herstellung des "Krefelder Riffes". Das wurde später noch in der Volkshochschule und im Seniorenheim in Linn gezeigt. Die Begeisterung und die große Resonanz waren fantastisch. Es war ständig lautes Lachen in der Ausstellung zu hören. Bis heute sprechen mich Besucher und Krefelder auf den "Häkelkosmos" an.

Weshalb haben Sie verstärkt Kooperationsprojekte mit anderen Einrichtungen realisiert?

Schieck Es war mir ein großes Anliegen, das Haus national wie international wieder ins Bewusstsein der Textilfachkreise und der Wissenschaft zu bringen und es für die Forschung zu öffnen. Die Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer Institut und der Technischen Hochschule Köln im Bereich der Materialforschung und Restaurierung beim "Silberfadenprojekt" unterstreicht, dass wir auch in der Lage sind, uns im Bereich der Restaurierung an Forschung zu beteiligen und nicht ausschließlich auf kunsthistorische Aspekte konzentriert sind. Außerdem eröffnet diese Vernetzung Möglichkeiten für weitere disziplinübergreifende Projekte. Dieses gilt ebenso für die Zusammenarbeit mit der Hochschule Niederrhein bei dem Projekt "Weltbunt", die uns in den regionalen Wissenschaftsbetrieb einbindet. Im Entstehen befindet sich zurzeit eine große Kooperation mit dem Deutschen Archäologischen Institut in Kairo, der Uni Bonn sowie weiteren deutschen, französischen und ägyptischen Textilsammlungen. In Kooperation mit der Akademie für Mode und Design Düsseldorf haben wir zwei Ausstellungsprojekte mit den Studierenden verwirklicht. Dadurch erlangte unser Haus an dieser Fachakademie und in der Landeshauptstadt eine große Aufmerksamkeit.

Welche Bedeutung für die internationale Wahrnehmung des Textilmuseums hatte Ihre Wahl in den Vorstand der Centre International d'Étude des Textiles Anciens, kurz Cieta?

Schieck Die Cieta ist das weltweit bedeutendste und größte Gremium für Wissenschaftler, die sich mit historischen Textilien befassen. Meine Wahl in den Vorstand hebt die internationale Wahrnehmung und Einschätzung des Deutschen Textilmuseums Krefeld vor, zumal unser Haus der Repräsentant der Textilforscher Deutschlands ist. Der Vorstand, das Directing Council, umfasst 25 Mitglieder aus Bern, Lyon, Paris, Wien, Mailand, New York, Los Angeles, Boston und London. Durch den Vorstand lernt man die Vertreter der großen Textilsammlungen und Museen kennen, besucht reihum die Sammlungen und tauscht sich auf kurzem Wege über internationale Entwicklungen aus. Die Organisation wurde vor etwa 60 Jahren in Lyon gegründet und hat heute annähernd 500 Mitglieder aus aller Welt.

Wie hat sich dieses Engagement ausgewirkt?

Schieck Ich denke, wir werden von vielen Akteuren wegen unserer neuen Dynamik und mit dem für vieles offene Museum auf eine andere Art wahrgenommen, zum Beispiel im Fall des unbekannten Toten in Norwegen oder bei archäologischen Funden im Rheinland richten sich die Anfragen vermehrt nach Krefeld. Zudem häufen sich die Einladungen für Fachvorträge im In- und Ausland, was zeigt, dass wir als ein Kompetenzzentrum anerkannt sind. Eine sehr große Wertschätzung haben wir durch die Vergabe der fünfjährigen Schwerpunktförderung durch die Kulturstiftung der Sparkasse Krefeld in Höhe von 250.000 Euro erhalten. Damit können wir vier Bereiche unserer Sammlung erstmals umfassend erforschen und hierfür auch externe Experten hinzuziehen.

Welche Aufgaben und Herausforderungen stellen Sie sich für die Zukunft?

Schieck Ich sehe vor allem zwei Punkte: die Infrastruktur in unserem Haus und die museumspädagogische Arbeit. Eine große Aufgabe haben wir Ende 2016 bewältigt. Bei laufenden Betrieb mussten wir in kurzer Zeit mit unseren externen Beständen in das Depot in Uerdingen umziehen. Dafür benötigen andere Häuser mehrere Jahre. Meine Mitarbeiter haben hier hervorragende Arbeit geleistet und dies in etwa drei Monaten geschafft. In naher Zukunft wünsche ich mir, dass wir unsere Bibliotheksbestände in einem Online-Katalog zur Verfügung stellen können. Langfristig arbeiten wir an dem Ausbau unseres museumspädagogischen Angebotes.

Quelle: RP
 
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