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Sommerinterview Mit Peter Landmann, Künstlerischer Leiter "kempen Klassik"
Das Live-Erlebnis ist zeitlos attraktiv

Sommerinterview Mit Peter Landmann, Künstlerischer Leiter "kempen Klassik": Das Live-Erlebnis ist zeitlos attraktiv
Peter Landmann freut sich auf das Saison-Eröffnungskonzert der Kempener Stiftung "Bürger für Klassik" mit der Pianistin Gabriela Montero, morgen in der Paterskirche. FOTO: gOTTFRIED Evers
Kempen. Im Sommerinterview gibt der "Konzert-Macher" ein starkes Bekenntnis zur Zukunft und Qualität klassischer Konzerte in Kempen ab. In der Bildungspolitik lobt er Initiativen wie "JeKits" und beklagt den Verlust von kultureller Bildung an Schulen.

Sie sind der künstlerische Leiter von Kempen Klassik. Sie kennen Ihr Publikum. Wie alt ist das Kempener Klassikpublikum?

LANDMANN Da die Kempen Konzerte verschiedene Reihen anbieten, kann man das nicht pauschal beantworten. Wir haben das Alter des Publikums nicht empirisch erhoben. Unsere Eindrücke sind aber schon systematisch und die besagen, dass die Konzertbesucher überwiegend 60 plus sind. Das im Durchschnitt älteste Publikum kommt wohl zu den Kammermusiken, in der Klavier- und in der Antica-Reihe ist es schon jünger und vor allem sehr gut altersgemischt. Die Nachtkonzerte sind etwas Besonderes, ein ungewöhnliches Format - kein Abo, keine Bestuhlung, eine besondere Nähe zu den Künstlern, überhaupt ungewöhnliche Musiker und Programme, Beginn um 21.30 Uhr - das findet auch ein besonderes und im Durchschnitt jüngeres Publikum.

Ist das durchschnittlich hohe Alter ein Problem? Stirbt das Konzertpublikum aus?

Landmann Nein, ich sehe das Alter überhaupt nicht als Problem. Wichtig ist für mich, dass unsere Konzerte sehr gut besucht sind und dass wir ein treues, sachverständiges Publikum haben, das konzentriert und begeisterungsfähig ist. Das kommt nicht nur von mir, sondern das wird auch von den Künstlern so wahrgenommen und uns gegenüber immer wieder betont. Außerdem gehe ich davon aus, dass das Publikum nachwächst. Vorschnell wird der "Silbersee im Konzertsaal" als Zeichen für das allmähliche Aussterben der klassischen Musik ausgemacht. In 10, 20 Jahren mögen die Besucherzahlen statistisch, bundesweit gesehen, zurückgehen, weil viele der dann nachgewachsenen "Best-Agers" andere Musikvorlieben entwickelt haben, die sie auch mit ins Alter nehmen. Aber das Live-Erlebnis von klassischer Musik in Weltklasse-Qualität ist zeitlos attrakitv und wird immer sein Publikum finden, davon bin ich überzeugt. Das gilt ganz besonders für einen so wunderbaren Ort wie das Franziskanerkloster und eine kleine schöne Stadt wie Kempen. Die hier lebenden älteren Menschen, die vielleicht nicht mehr so gerne abends nach Dortmund, Essen oder Köln fahren wollen, werden es immer zu schätzen wissen, vor Ort ein so tolles Angebot zu finden. Das ist ein Stück Lebensqualität, auch in 20 oder 30 Jahren noch.

Aber wie sieht es mit der Jugend aus?

LANDMANN Die Frage, ob noch genügend junge Leute nachwachsen und sich für klassische Musik interessieren, hängt mit der Schulbildung zusammen. Und da haben das Fach Musik und im Besonderen die klassische Musik in den vergangenen 20 Jahren bedauerlicherweise an Bedeutung verloren. Es gibt aus meiner Sicht allen Anlass, da gegen zu steuern, damit die Schule die Aufgaben der kulturellen Bildung wieder stärker wahrnimmt. Bildungspolitisch ist es von immenser Bedeutung, die musische Bildung wieder zu stärken. Dabei geht es mir nicht darum, bloß die Konzertsäle, Theater und Museen zu füllen, sondern ich sehe den Nutzen für die Persönlichkeitsentwicklung eines jeden Einzelnen. Bei den Kempener Klosterkonzerten würde ich übrigens sehr gerne auch Konzerte für Kinder anbieten. Aber wir schaffen das derzeit vom Geld und von den Kräften her nicht. Mann kann nicht mal gelegenltich ein Kinderkonzert machen, sondern müsste auch da kontinuierlich über Jahre etwas aufbauen.

Ist Jeki (Jedem Kind ein Instrument) ein gangbarer Weg, die Jugend für klassische Musik zu interessieren?

LANDMANN Ja ist es, aber für Musik überhaupt, nicht nur für Klassik. Vor allem aber: bei Jeki - oder "Jekits", wie es jetzt heißt - geht es nicht ums Konsumieren, sondern ums Selbermachen. Die Kinder sollen die elementare Erfahrung machen, sich mit einem Instrument auseinanderzusetzen, sich durch Klang und Rhythmus auszudrücken, und das von Anfang an gemeinsam mit anderen Kindern. Bei dem Projekt, das im Ruhrgebiet startete und derzeit allmählich aufs ganze Land ausgeweitet wird, ging es nie darum, jede Menge erste Preisträger für "Jugend musiziert" heranzuzüchten. Es geht um musische Basiserfahrungen, die für jedes Kind nützlich sind. Bei einem Teil der Kinder mag dann eine Begeisterung für Musik entstehen, die fürs ganz spätere Leben trägt. Und das werden jedenfalls deutlich mehr sein als das ohne das Projekt der Fall wäre. Belastbare Zahlen wird es dazu erst in ein paar Jahren geben. Und natürlich gibt es auch Kinder, die sich nicht dafür interessieren lassen. Da soll niemand zwangsbeglückt werden. Das Land gibt fast 11 Millionen Euro im Jahr für Jekits aus. Ich finde das nach wie vor ein großartiges kulturelles Bildungsprojekt.

Wir haben von den Alten und Jungen gesprochen. Wo bleibt die Mitte?

Landmann Die Gruppe der 30- bis 50-Jährigen werden wir immer wenig im Publikum haben. In diesem Alter geht es in erster Linie um Beruf und Kinder, oft ist auch das Geld knapp. Dass die erwerbstätigen Eltern weniger ins Konzert kommen, ist okay. Die kommen später wieder.

Auch in den Medien nimmt das Interesse an klassischer Musik ab.

LANDMANN Nach meinem Urlaub in Italien muss ich feststellen, dass wir in Deutschland unglaubliches Glück haben, was den Rundfunk angeht. Der WDR 3 sendet hochwertigste Musik- und Kulturprogramme - und ist ja übrigens auch ein sehr wichtiger Partner bei unseren Konzerten. Da können wir uns glücklich schätzen, nicht so ein konzeptionsloses Durcheinander und eine solch stillose Beschallung wie in Italien erdulden zu müssen. Zu beklagen ist allerdings, dass der Raum für Kultur und speziell für klassische Musik im Fernsehen nur noch sehr dürftig ist. Da haben es zum Beispiel die Österreicher besser. Dort berichtet das Fernsehen ausführlich von allen großen Festivals, hier bei uns findet man da ganz wenig. Die deutschen Sender vernachlässigen da m. E. einen Teil ihrer öffentlich-rechtlichen Aufgabe. Ich kann mich darüber aufregen, aber nur in Grenzen. Denn ich bin überzeugt, dass das Live-Erlebnis eines Konzertes sowieso durch Medien nicht ersetzt werden kann. Bei unseren Konzerten sitzt man zwei Stunden still und erlebt eine einzigartige Faszination in der Konzentration auf die Musik, auf das Spiel der Künstler. Das gelingt über Medien in dieser Weise kaum.

Einige Opernfans gehen für eine Aufführung gerne ins Kino.

LANDMANN Das kann ich sogar nachvollziehen. Im Kino ist der Effekt ähnlich wie im Theater. Ich komme zur Ruhe und widme mich voll dem Geschehen auf der Leinwand. Durch die Kamera bin als Zuschauer sogar so nah dabei, wie ich es im Opernhaus nie haben kann. Trotzdem bleibt das Liveerlebnis unersetzbar. Es gibt viel Musik, zum Beispiel aus der Spätromantik oder der Moderne, die ich mir zum Vergnügen auf CD nie anhören würde, im Konzert aber total spannend finde.

Aber Konzerte zu veranstalten, ist teuer. Und die Kommunen sind notorisch klamm. Droht Ihnen Gefahr in der Spardiskussion? Oder müssen Sie die Eintrittspreise erhöhen?

LANDMANN In Kempen sind die Karten billiger als in den Großstädten. Vor zwei Jahren haben wir leicht erhöht, um gestiegene Kosten aufzufangen. Wir versuchen, die günstigen Preise solange es geht zu halten. Erst, wenn andere Einnahmequellen wie die Mittel des Förderkreises oder die Zusammenarbeit mit dem WDR zurückgehen sollten, könnten deutliche Erhöhungen notwendig werden. Ich hoffe sehr, dass es dabei bleibt, dass der WDR zwei Konzerte pro Saison aufzeichnet und sendet. Die 2013 gegründete Bürgerstiftung "Bürger für Klassik" ist wie jede Stiftung auf lange Sicht angelegt. Mit ihr wollen wir Vorsorge treffen für die Zeit in 10 bis 20 Jahren. In der aktuellen Niedrigzinsphase muss man ohnehin langfristig denken. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Zinsen ewig so niedrig bleiben. Der Beitrag der Bürgerstiftung ist aber schon jetzt nicht zu unterschätzen. Über einen Stiftungfonds haben wir 2015 immerhin 3 Prozent erwirtschaftet. Und von den Spardiskussionen der Kommune sind wir ziemlich unabhängig, weil wir keine städtischen Gelder als Zuschüsse erhalten. Die Stadt unterstützt uns sehr gut mit dem Raum, Personal, Heizkosten, Kartenverkauf, Verwaltungsleistungen etc., aber nicht mit barem Geld. Das kommt alles vom Publikum und aus einem fantastischen bürgerschaftlichen Engagement.

Nicht jeder will für über 20 Euro ins Konzert gehen. Bleiben die Besserverdienenden da lieber unter sich?

LANDMANN Unsinn. Es gibt extrem billige Karten. Das geht runter bis 10 Euro, und wer auf Sozialhilfe angewiesen ist, zahlt - wie Schüler und Studenten - nochmal nur die Hälfte. Wo sonst kann man Weltklassekünstler für zehn Euro erleben? Nur sind es dann eben die hinteren Reihen. Wenn wir die Preise erhöhen, dann immer am stärksten die teuren Plätze vorne. So geht die Schere zwischen vorne und hinten im Saal allmählich immer weiter auseinander. Dass unsere Preise trotzdem auch vorne nicht zu hoch sind, können wir daran erkennen, dass wir den Saal nach wie vor immer "von vorne" verkaufen. Das heißt, die vorderen Reihen, also die teuersten, sind zuerst weg. Wenn zuerst die billigsten Karten vergriffen wären, wir den Saal also "von hinten" verkaufen würden, wäre das ein Signal, dass die Preise überreizt sind, dass der Gipfelpunkt überschritten ist. Davon sind wir weit entfernt.

DAS GESPRÄCH FÜHRTE RP-REDAKTEUR HERIBERT BRINKMANN

Quelle: RP
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