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Serie Freilichtmuseum Dorenburg
Der Gerber hieß früher Stinker

Serie Freilichtmuseum Dorenburg: Der Gerber hieß früher Stinker
Kevin Gröwig in der alten Gerberei: Hier wurde einst Leder gegerbt, das für Sättel und Schuhsohlen verwendet wurde. FOTO: Wolfgang kaiser
Gemeinde Grefrath. In einer Serie stellen wir die einzelnen Bestandteile des Freilichtmuseums vor. In der Gerberei erlebt der Besucher ein altes Handwerk in all seinen Arbeitsschritten. Sie steht an einem Bachlauf, weil viel Wasser benötigt wird. Von Bianca Treffer

Schon von außen stellt sich die Frage, was die merkwürdigen roten Holzfensterläden, die das gesamte obere Geschoss des großen Gerbereigebäudes im Niederrheinischen Freilichtmuseum ausmachen, wohl bedeuten. Zum einen sind sie dicht an dicht angeordnet und zum anderen nicht wie normale Fensterläden vertikal zu öffnen, sondern stehen horizontal ab. "Hier oben befindet sich der Trockenboden. Dort wurden einst die Häute getrocknet. Dafür war Luftbewegung nötig, aber die Sonne durfte nicht hereinscheinen, weil sie das Leder ausgebleicht und hart gemacht hätte. Deshalb gab es genau diese Läden, die nicht zur Seite, sondern hochgeklappt wurden und so gleichzeitig auch ein Sonnenschutz waren", erklärt Kevin Gröwig, der stellvertretende Museumsleiter, der in der zweiten Etage der Gerberei steht.

Von hier oben kann man bis zum Erdgeschoss hinunterblicken, denn einst gab es einen Lastenaufzug, mit dem die Häute in die oberste Etage befördert wurden. Wer schwindelfrei ist, kann in den gesicherten Schacht blicken. Ansonsten lohnt sich ein Blick nach oben. Denn dort ist noch das alte Rad vom Lastenaufzug zu sehen, das mit seinen merkwürdigen Haken entlang des eigentlichen Rades fast wie ein Folterwerkzeug wirkt. Doch wer die Arbeit in der Gerberei vom Anliefern der Häute bis zum fertigen Leder verfolgen möchte, der muss natürlich im Erdgeschoss des gemauerten Gebäudekomplexes starten. Der Standort der Gerberei auf dem Museumsgelände ist mit Bedacht an einem Bachlauf gewählt, der um und durch das Gelände plätschert. "Beim Gerben wurde viel Wasser benötigt, und so war es unabdingbar, dass eine Gerberei in der Nähe eines Flusses stand", weiß Gröwig. Wobei die Gerberei im Museum ein Nachbau unter Einbeziehung alter Materialien ist.

Altes Fachwerk, darunter auch die Holzfensterläden, stammen genauso wie die komplette Werkstatt aus Moers von der Gerberei Bremer. Der Besucher wird ins 19. Jahrhundert versetzt und erlebt eine Lohgerberei. Das heißt, einst wurde dort grobes Leder gegerbt, das unter anderem für Sättel und Schuhsohlen verwendet wurde. Die große Waage, auf der die Häute gewogen wurden, die gerade eingetroffene Lieferung von Eichenrinde, die später mit Wasser versetzt die Lohe ergab, in der gegerbt wurde - schon im Eingangsbereich hat der Besucher den Eindruck, die Zeit wäre stehengeblieben.

Jeder der aufwendigen Arbeitsschritte, um aus einer mit Fell, Fleisch und Fett versehenen Tierhaut ein gutes Leder herzustellen, kann nachvollzogen werden, angefangen von der Haspel im großen Wasserbecken, in der die Häute gereinigt wurden, über das Kalken, bei dem die Häute an einem Haken innerhalb eines Rondells hingen und durch die Lauge aus Asche oder Kalk gezogen wurden, damit die Haare gelockert wurden. Die großen grünen Gerbfässer, die wie eine Art Waschmaschine funktionierten, wobei in ihnen in Wasser gelöste Gerbstoffe und Häute gedreht wurden, sind genauso zu sehen wie Spalt-, Blanchier- und Glanzstoßmaschinen als auch Scherdegen und Schabeisen, die vor der Industrialisierung zum Einsatz kamen.

Merkwürdige Gerätschaften wie Reckeisen und das Pantoffelholz sind unter anderen in einer Vitrine zu bestaunen. Nur eins ist nicht authentisch, und das ist der Geruch. "In einer Gerberei stank es aufgrund der Materialien, mit denen gearbeitet wurde, ganz fürchterlich. Ein Gerber wurde im Mittelalter Stinker genannt", berichtet Gröwig. Urin, Hunde- und Vogelkot kamen so beim Beizen mit zum Einsatz Und wenn heute der Ausspruch fällt, es würden einem die Felle davon schwimmen, so hat dies seinen Ursprung in der Gerberei. Denn ganz früher wurden die Häute mit Haken in die Flüsse gehängt. Wenn sich eine Haut löste und von den Fluten davon getragen wurde, so war ein Fell verlustig, es war schwimmen gegangen.

Quelle: RP
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