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Serie Sommerinterview Mit Prof. Dr. Klaus-Peter Hufer
Der Gesellschaft fehlen heute Utopien

Serie Sommerinterview Mit Prof. Dr. Klaus-Peter Hufer: Der Gesellschaft fehlen heute Utopien
Umgeben von vielen Büchern: Prof. Dr. Klaus-Peter Hufer in seiner Wohnung in der Kempener Altstadt. FOTO: WOLFGANG KAISER
Kempen. Der Experte für Erwachsenenbildung hält den Vorrang für naturwissenschaftliche Fächer an der Schule für einen Fehler. Und von den Idealen der Französischen Revolution sind für ihn Gleichheit und Brüderlichkeit inzwischen verloren gegangen. Von Heribert Brinkmann

Wie wirken sich die Geschehnisse in Würzburg, München und Ansbach auf unsere Republik aus?

KLAUS-PETER HUFER Sie verändert sich gerade und das in einem neuen Maß. Die Fassungslosigkeit über die apokalyptische Brutalität ist ein schleichendes Gift für die Demokratie. Die Öffentlichkeit wird nicht mehr als freier Raum empfunden, es entsteht Misstrauen, jeder könnte eine Gefahr darstellen. Sicherheitskontrollen oder Rucksackverbote für Konzerte erinnern permanent an die Gefahren und schaffen ein Klima aus Angst.

Wie empfinden Sie die Berichterstattung über diese Ereignisse'?

Hufer Bei mir hat sie zu einem Gefühl zunehmender Beklommenheit geführt. Ich bin mir aber nicht so ganz sicher, wie die Wirkung sein wird. Die Medien berichten intensiv und detailliert, was aber nicht dazu führen wird, dass es weniger Gewaltakte geben wird. Für viele Amokläuter und Terroristen gilt ja, dass sie auch postmortal auf große Aufmerksamkeit setzen. Trotzdem: Es muss dargestellt werden.

Wo sehen Sie unsere Demokratie gefährdet?

HUFER Das Thema fördert populistische und rechtsextreme Kräfte. Gleichzeitig bemerken wir, wie die Umgangsformen abstürzen. In den sozialen Netzwerken und im Internet greift ein unverhohlener und deutlich aggressiver Ton um sich, der durch keine kulturellen Schranken mehr eingedämmt wird.

Wo sehen Sie dabei Staat und Politik?

HUFER Man überschätzt die Möglichkeiten von Politik und Staat. Wir beobachten vielmehr die Entstaatlichung und die Entpflichtung des Politischen. Die institutionalisierte Politik, also Parlamente und Parteien, verliert zunehmend ihre Gestaltungsmöglichkeiten, Orte und Themen, die sie alleine bestimmt. Die Politik ist in die Gesellschaft hineingewandert. Subpolitisches hat an Bedeutung gewonnen: Kommunikationsformen, der demografische Wandel, neue Lebensformen. Der Nationalstaat ist nur noch partieller Mitakteur in einem globalen Beziehungsgeflecht. Und auch die Bedeutung der Parteien hat abgenommen. Die SPD hatte 1990 noch eine Million Mitglieder, heute nur noch 440.000. Der CDU geht es auch nicht viel besser.

Eine Folge von Protestbewegungen?

HUFER Vielleicht auch. Die Protestbewegungen diffamieren die Politik, die immer komplizierter wird. Der Komplexität von Politik wird man nicht in Talkshows gerecht. Es ist vor allem die normative Kraft des Faktischen, wie die Juristen es nennen. Bei den Veränderungen, die in einer globalen Welt kommen werden, ist Politik nur noch ein Mitveranstalter, der auf das reagiert, was bereits stattgefunden hat.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Hufer Ich habe vor Kurzem in der Süddeutschen gelesen, dass in Beirut 57 Grad gemessen wurden. Irgendwann werden Nordafrika und der Nahe Osten unbewohnbar, lautete die Prognose. Allein aus dieser Region werden in einigen Jahrzehnten 500 Millionen Menschen fliehen müssen. Derzeit schätzt man schon ca. 60 Millionen Klimaflüchtlinge weltweit. Wie kann Politik darauf reagieren? Umkehrbar sind diese Prozesse wohl kaum noch, doch es gibt bei uns noch nicht einmal die Bereitschaft, unsere Konsumgewohnheiten zu verändern. Unsere konsumorientierte Gesellschaft schwört auf Wachstum, und das Ausbeuten von Ressourcen wird den Klimawandel noch verschärfen. Wenn die Flüchtlinge zu uns kommen, ist das auch eine Konsequenz dessen, was wir mitverursacht haben.

Welche Veränderungen erwarten Sie dann bei uns?

Hufer Erste Bürgerwehren haben sich bereits etabliert. Demnächst wird es wie in Südamerika reiche Stadtteile geben, die umzäunt und bewacht sind. Schon heute stehen vor Luxusläden Security-Leute.

Ist bei all diesen drängenden Problemen Kultur da nicht ein Luxusproblem?

HUFER Nein, auf keinen Fall. Kultur bringt neue Begegnungen, sie führt auf das, was Menschen ausmacht, eröffnet neue Horizonte. Wir haben schon jetzt zuviel Technokratie, Funktionalismus und Pragmatismus, aber viel zu wenig Utopie. Der Sozialphilosoph Oskar Negt hat gesagt: Nur noch Utopien sind realistisch.

Ist eine zunehmende Säkularisierung in diesem Zusammenhang eine Gefahr oder eine Chance für die Gesellschaft?

Hufer Die säkularisierte Gesellschaft ist sehr zweischneidig. Einerseits ist sie von aller normativer Autorität befreit, andererseits zur Freiheit verurteilt. Damit kommen die Menschen unterschiedlich klar. Der moderne Mensch müsste diese Ambivalenz aushalten können. Und die Kirchen sich zufrieden geben, nur ein Angebot unter anderen zu sein.

Es gibt aber nicht wenige, die angesichts der muslimischen Flüchtlinge auf eine Rückbesinnung auf die christlichen Kirchen setzen.

Hufer Ich glaube nicht an eine neue Religiosität. Es herrscht so eine Art Patchwork-Religiosität vor, so eine diffuse Art und Weise, an etwas Transzendentes zu glauben. Der Einfluss der Kirchen wir schwinden, genauso wie der der Parteien und der Gewerkschaften. Das waren die Ligaturen (Bindungen), die nach der Soziologie die Gesellschaft zusammenhalten. Wer ist künftig der Kitt der Gesellschaft?

Wo bleibt da die Wissenschaft, vor allem die Geisteswissenschaften?

HUFER Durch die flächendeckende Ökonomisierung der Gesellschaft wurden die Geistes- und Sozialwissenschaften zurückgedrängt. Doch den Sprengstoff, der in unserer Gesellschaft tickt, wird kein Betriebswirtschaftler, kein Ingenieur und kein Informatiker entschärfen können. Wir brauchen Psychologen, Soziologen und gute Sozialarbeiter. Die einseitige Konzentration auf die MINT-Fächer führt zu einem nicht mehr reparablen Schaden. Wir müssen uns wieder auf die Aufklärung besinnen, welche philosophischen Ideen gab es.

Bei der französischen Revolution wurden die Begriffe Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit propagiert. Gelten die heute noch?

HUFER Es ist unabdingbar, dass dieses Trio auch heute noch gilt. Doch in Wirklichkeit dominiert die Freiheit heute alleine. Aber die Freiheit der Einzelnen unterdrückt die Freiheit der Anderen. Ohne Gleichheit und Gerechtigkeit, oder nennen Sie es Solidarität und Brüderlichkeit, geht es nicht. Sonst wird es eine Freiheit eines "Zuerst komme ich". Das ist eine Freiheit, die andere ausbootet, die auf der Strecke geblieben sind. Mich hat der Werbeslogan "Unterm Strich zähl' ich" ungemein geärgert. Uns geht in der Gesellschaft der soziale Kitt verloren.

Aufklärung und Menschenrechte werden in anderen Teilen der Welt als westlich angesehen und nicht als global gültige Werte.

HUFER Die Aufklärung ist Teil der europäischen Geschichte, die Menschenrechte sind in Europa und den Vereinigten Staaten entwickelt worden. Ich sehe aber keine Alternativen dazu. Wenn der kategorische Imperativ angewandt wird, ist das an sich kein schlechtes Angebot.

Quelle: RP
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