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Thema Zur Zukunft Des Kreisarchivs
"Der Kreis wird uns nicht übers Ohr hauen"

Thema Zur Zukunft Des Kreisarchivs: "Der Kreis wird uns nicht übers Ohr hauen"
Der frühere Oberkreisdirektor Rudolf H. Müller (links) und Landrat Dr. Andreas Coenen bei der Vorstellung des aktuellen Kreisheimatbuchs. FOTO: Kaiser
Kempen. Der Wegzug des Kreisarchivs würde für Kempen eine Entwicklung fortsetzen, die 1975 mit dem Verlust des Kreissitzes begann. Bemerkenswert: Damals setzten sich Landrat und CDU nach Kräften ein, den Schaden für die Stadt zu mildern. Ein Rückblick. Von Hans Kaiser

KEMPEN Zuerst sah alles so gut aus. Als am 1. Januar 1970 die kommunale Neugliederung in Kraft trat, hatte Kempen, das mit der Landgemeinde Schmalbroich eine Verwaltungsunion bildete, drei Stadtteile dazu gewonnen: St. Hubert, Tönisberg und Hüls. Und es war nach wie vor Kreissitz des Landkreises Kempen-Krefeld. Aber im Südwesten erwächst Konkurrenz. Im Zuge der kommunalen Neugliederung ist die bis dahin kreisfreie Stadt Viersen zum Landkreis Kempen-Krefeld gekommen, und man hat ihr Dülken, Süchteln und Boisheim zugeschlagen. Damit ist Viersen größer als jede andere Kommune im Kreis; knapp ein Drittel der Kreisbewohner lebt nun dort. Bereits 1966 hat die Stadt mit ihrer Eingliederung in den Kreis die Forderung nach dem Kreissitz verknüpft.

Dem damaligen Kreis-Verwaltungschef, Oberkreisdirektor Rudolf H. Müller, fällt die Aufgabe zu, dem Kreistag einen Beschlussvorschlag für den künftigen Kreissitz zu machen. Müller wägt sorgsam alle Kriterien ab, die für und gegen Kempen oder Viersen sprechen. Müller war wichtig, die Einflüsse der benachbarten Großstädte auf den künftigen Kreissitz abzubauen. Das kleinere Kempen lag im Einflussbereich des großen Krefeld; Viersen, im Vorfeld Mönchengladbachs gelegen, war einwohnerstärker und damit autarker. Zu beachten auch: Durch die Neugliederung hatte der Kreis im Osten seine Rheinseite (Lank und Osterath) verloren, seine Geografie hatte sich geändert; Viersen lag nun zentraler als Kempen. Müller ging es darum, den Kreis "die Mitte gewinnen zu lassen, die ihm bisher fehlt". So schlägt er in der Sitzungsvorlage für den Kreistag am 11. Januar 1974 Viersen vor.

Um die Zukunft der Kempener Burg und des dort befindlichen Kreisarchivs geht es derzeit in den politischen Zirkeln. Der Kreis will dort am morgigen Donnerstag das Verfahren für die so genannte Machbarkeitsstudie erläutern. FOTO: Kaiser

Es geht auch darum, die Kreisverwaltung angemessen unterzubringen. Seit 1960 hat sie zwar mehr Platz im Franziskanerkloster und in einem benachbarten Neubau. Aber deren Räumlichkeiten werden bald nicht mehr ausreichen. Bereits 1964 hat der Kreis für einen Kreishausbau ein Grundstück westlich der Vorster Straße gekauft. Als dann die Viersener Kreissitz-Ambitionen bekannt werden, legt man die Kempener Baupläne auf Eis. Heute steht dort das Blumenviertel. Die Stadt Viersen erwirbt währenddessen im Zentrum das Grundstück der abgebrochenen Schokoladenfabrik Kaiser`s Kaffee. Heute steht dort das Viersener Kreishaus.

Am 31. Januar 1974 entscheiden sich nach mehrstündiger temperamentvoller Debatte 33 von 55 Kreistagsabgeordneten für Kempen. Entsprechend formuliert die Landesregierung einen Gesetzesentwurf, der den Kreissitz in Kempen belässt. Aber der Landtag folgt dem Entwurf nicht. Eine für Kempen dramatische Entwicklung setzt ein.

Erste Nachrichten gelangen im Mai 1974 in den Kreissitz. Danach versuchen Krefelder und Viersener Landtagsabgeordnete, die Kreisverwaltung über Hüls nach Viersen zu bekommen. Im Klartext: Gelingt es, den Stadtteil Hüls, der erst seit 1970 zu Kempen gehört, nach Krefeld einzugemeinden, dann hat Kempen nicht mehr das Gewicht, das man von einer Kreisstadt verlangen darf - nach einem Verlust von 12.000 Einwohnern. Treibende Kraft pro Viersen ist die SPD-Fraktion des Landtages. Sie beantragt am 5. Juni in einer Sitzung des Ausschusses für Verwaltungsreform, den Kreissitz nach Viersen zu verlegen und den Kreis Kempen-Krefeld in "Kreis Viersen" umzubenennen. Nach Meinung des damaligen SPD-Bundestagsabgeordnete Erwin Stahl ist der Motor dieses "Überrumpelungs-Manövers" der SPD-Ausschussvorsitzende Franz-Josef Antwerpes gewesen - der spätere Kölner Regierungspräsident. Der wurde 1934 in Viersen geboren.

Und obwohl der Hülser CDU-Mann Dr. Franz Krudewig durch eine Umfrage nachweist, dass aufgrund des Einsatzes von Verwaltung und Vereinen Alt-Kempens für ihren Ort 80 Prozent der Hülser bei Kempen bleiben möchten; obwohl der Kempener CDU-Landtagsabegeordnete Heinz Fuchs in einer letzten Rede wie ein Löwe für ein Kempen mit Hüls und mit Kreissitz kämpft, fällt am 12. Juni 1974 der Landtag die Entscheidung zugunsten Viersens und beschließt, Hüls der Stadt Krefeld zuzuschlagen. Am 1. Januar 1975 tritt das Gesetz in Kraft.

Weil eindeutig der Wille der betroffenen Bürger übergangen worden ist, ruft der Kreistag den Verfassungsgerichtshof in Münster an. Der entscheidet jedoch gegen Kempen: Die Thomasstadt verliert ein Viertel seiner Einwohner, eine Menge Kreis-Arbeitsplätze und mag sich mit dem Gedanken trösten, dass (so Rudolf H. Müller) der Kreis ohne Viersen die Neugliederung wohl gar nicht überlebt hätte. Im August 1984 zieht die Kreisverwaltung ins neue Kreishaus nach Viersen um. Kempen ist 168 Jahre lang Kreissitz gewesen, und über dessen Verlust sitzt der Schmerz in der Stadt tief. Die Behörden in der Burg und im alten Landratsamt an der Hülser Straße haben das Leben geprägt, der Ort empfindet sich als "Beamten- und Schulstadt". Nach allem, was im Landtag vorgefallen ist, fühlt man sich ungerecht und undemokratisch behandelt.

Seitdem bemüht sich die Kempener CDU unter ihrem Fraktionsvorsitzenden Rudi Alsdorf um Schadensbegrenzung. Mit der neuen Kreisstadt Viersen in guter Nachbarschaft zu leben, ist das eine Ziel; den Verlust des Kreissitzes für die eigene Stadt abzufedern, das andere.

Auf Initiative der CDU beschließt Kempens Stadtrat am 20. Dezember 1983 eine Resolution an Landrat und Innenminister. Sie schlägt den Verbleib möglichst vieler Außenstellen der Kreisverwaltung in Kempen vor. Mehrfach sagt Landrat Hannes Backes (CDU) seine Unterstützung zu, auch, als am 27. März 1984 Innenminister Herbert Schnoor (SPD) nach Kempen kommt. Aus der RP vorliegenden Quellen geht hervor, dass Backes und der damalige CDU-Bundestagsabgeordnete Julius Louven sich damals auf Drängen Rudi Alsdorfs im Fraktionsvorstand der Kreistags-CDU für den Verbleib des Kreisarchivs, der Jugendberufshilfe, der VHS-Geschäftsstelle und einer Nebenstelle des Straßenverkehrsamtes in Kempen vehement eingesetzt haben. Dem folgt der Kreistag am 21. Februar 1984 - und beschließt darüber hinaus, die in der Schule Unterweiden untergebrachte Kreisbücherei in Kempen zu belassen.

Jetzt ist der Weg klar. Am 8. Juni 1984 beschließt der Kempener Haupt- und Finanzausschuss, das Stadtarchiv - wertvollstes Archiv am linken Niederrhein - aus dem Kuhtor als eigenständige Abteilung an das Kreisarchiv in der Burg zu geben. 1985, lautet der Plan, soll das Kreisarchiv aus dem Gebäude der Thomasdruckerei in die leer gewordene Burg umziehen. "Wir können heilfroh sein, eine sinnvolle Nutzung der Burg gefunden zu haben", kommentiert Kempens CDU-Fraktionsvorsitzender Rudi Alsdorf. Und er freut sich, das Verhältnis der Stadt Kempen zum Kreis Viersen damit bereinigt zu haben. Nur Heinz Wiegers, Fraktionschef der SPD, findet die Übertragung des wertvollen Stadt- an das Kreisarchiv "völlig unverständlich", und er bezweifelt, ob dieser Zustand auf Dauer sein werde. Aber: "Die Gefahr, dass wir vom Kreis übers Ohr gehauen werden, sehe ich nicht", beschwichtigt Kempens Rechtsrat Lothar Häck.

In dieser Sitzung entwickelt Alsdorf eine Vision: Der Verwahr-Vertrag mit dem Kreis lege den Grundstein für ein Kulturzentrum aus Archiv, Museum und einer zusammengelegten Stadt- und Kreisbücherei in diesem Gebiet. So kommt es dann auch. Am 19. Juni 1984 veräußert der Kreis das Franziskanerkloster an die Stadt Kempen zu einem symbolischen Preis. Ab dem 30. April 1987 wird Kempens neues Kulturforum drei Fest-Tage lang feierlich eingeweiht. Ein positiver Aspekt des Kreis-Verlusts.

Bleibt die Frage nach den Folgen für Kempen, wenn das Kreisarchiv die Stadt verlässt. Es hat Kooperationsvereinbarungen geschlossen mit dem Kempener Thomaeum, der Liebfrauenschule in Mülhausen und dem Michael-Ende-Gymnasium in Tönisvorst. "Wir Geschichtslehrer vom Thomaeum können unsere Bildungspartnerschaft mit dem Kreisarchiv nicht fortsetzen, wenn das Kreisarchiv aus Kempen abgezogen wird", sagt Geschichtslehrer Dr. Johannes Vossen. "An anderen Standorten wäre der Zeitaufwand für Besuche einfach zu groß."

Quelle: RP
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