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Stadt Kempen
Der "russischen Seele" auf der Spur

Stadt Kempen. "Mit dem Verstand", meinte einst der russische Dichter Fjodor Iwanowitsch Tjuttschew (1803-1873), "ist Russland nicht zu begreifen, an Russland muss man einfach glauben." Es war genau diese Botschaft, die Horst Kläuser und Tobias Haunhorst ihrem interessiert zuhörenden Publikum in der Paterskirche vermittelten. Kläuser, Chefreporter von WDR 2, war viele Jahre an verschiedenen Orten Russlands und der Ukraine tätig und lernte dabei Land und Leute kennen. Mit sehr gut formulierten Berichten und Betrachtungen bot er beeindruckende Streiflichter vom Leben in großen Städten und auf dem Land. Was die immer wieder gern erwähnte russische Seele betrifft, so lässt sie sich wohl am besten mit russischer Kultur, vor allem russischer Musik erfassen. Für die zeichnete Tobias Haunhorst verantwortlich, ein ganz vorzüglicher Pianist. Von Gert Holtmeyer

Haunhorst begann mit schwermütigen russischen Moll-Klängen aus der Feder Tschaikowskis, dessen "Dumka" (op. 59) voller russischer Volksmelodien steckt. Bei der Auswahl der vorgetragenen Stücke war ihm ganz offensichtlich nichts zu schwer. Der Schwierigkeitsgrad war beachtlich, stellte ihn aber vor keinerlei Probleme. Kompetent interpretierte Haunhorst Skrjabins "Vers la flamme" und Rachmaninovs Variationen über "La Folia", die um einiges schwermütiger und wuchtiger angelegt sind als bei Corelli. Interessant war auch die "Chaconne" von Sofia Asgatowna Gubaidulina. Die 1931 geborene, heute in Deutschland lebende Russin verbindet hier ein altes Formprinzip - Variationen über einer ständig wiederholten Bassfigur - mit musikalischen Impulsen des 20. Jahrhunderts und führt dabei durch extreme musikalische Gegensätze. Grandios gelang der musikalische Abschluss des Abends mit zwei Sätzen aus Mussorgskis Komposition "Bilder einer Ausstellung", mit "Baba Jaga" und "Das große Tor von Kiew".

Als Kläuser 1991 zum ersten Mal nach Moskau kam, fiel ihm die Diskrepanz zwischen spärlichem Warenangebot und kulturellem Reichtum auf. Heute kann man, genügend Geld vorausgesetzt, dort alles kaufen. Etwas aber hat sich im pulsierenden Leben dieser 18-Millionen-Stadt nicht verändert. Geblieben sind der Reichtum des kulturellen Lebens und die tief verwurzelte Nachfrage der Bevölkerung danach.

Kläuser hat auch das Leben "auf dem platten Land" erlebt, das sich zwischen alter Pracht und Tristesse abspielt. Erschütternd war Kläusers Fallbeispiel über das Leben eines Lehrerehepaars in Kaliningrad, dem früheren Königsberg. Die Widersprüche zwischen der extremen Ärmlichkeit der Wohnverhältnisse und dem Reichtum an Kultur und Bildung könne man sich nicht groß genug vorstellen.

Quelle: RP
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