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Stadt Kempen
Der schlimme Weg nach Deutschland

Stadt Kempen: Der schlimme Weg nach Deutschland
FOTO: achim Hüskes
Stadt Kempen. Vor acht Monaten flüchtete Baara Darwish aus Syrien, heute lebt er in Kempen. Er ist anerkannter Asylant, macht ein Praktikum im Hospital und möchte später als Arzt arbeiten. Gestern berichtete er im LvD über sein Schicksal. Von Heiner Deckers

Baara Darwish begann seinen Vortrag, das soll nicht verschwiegen werden, mit einer kleinen Unwahrheit. Er spreche ein bisschen Deutsch, sagte er den Achtklässlern des Luise-von-Duesberg-Gymnasiums. Klarer Fall von Understatement: Der studierte Arzt lebt seit acht Monaten in Kempen und spricht bereits hervorragend Deutsch.

Sein Schicksal bewegte die Schüler: In Syrien habe er jahrelang nach einer Lösung gesucht und irgendwann erkannt: "Die Lage wird immer schlimmer. Es gibt keine Zukunft, kein gutes Leben." Er beschloss, sein Heimatland zu verlassen und sein Glück in Europa zu suchen. Sein Bruder und dessen Familie kamen mit, die Eltern blieben in Syrien. Die Reise nach Deutschland sei schlimm gewesen, berichtet Darwish den Schülern. Mit einem Boot ging es von der Türkei auf eine griechische Insel. "30 Personen waren wir in dem kleinen Boot, es gab keine Sicherheitswesten, fast keiner konnte schwimmen."

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Weiter führte der Weg zu Fuß durch Mazedonien, eine Woche durch die Januarkälte. "Ich war wie ein Tier, ich wollte nur leben", erinnert sich Darwish. Unterwegs wurde die kleine Reisegruppe mehrmals überfallen, mit Messern und Schusswaffen. In Serbien zahlten sie Geld an einen Schleuser, der sie nach Ungarn brachte. Von da ging es über Österreich weiter nach Deutschland.

Hilflos habe er sich zunächst gefühlt: "Ich habe in meiner Heimat alles verloren." Wie ist Darwish in Deutschland aufgenommen worden? Zuerst sei alles sehr fremd und einigermaßen komisch gewesen. Mit der Zeit habe er sich an die hiesigen Verhältnisse gewöhnt und fühle sich in Kempen bestens integriert. Die Kempener seien allesamt sehr nett gewesen. Er habe von Anfang an zahlreiche Kontakte gehabt, was ihm beim Lernen "dieser schweren Sprache" sehr geholfen habe. Momentan macht er ein Praktikum im Hospital zum Heiligen Geist und möchte später als Arzt in einer Klinik arbeiten. Voraussetzung ist, dass er einen Sprachtest besteht.

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In Syrien hat er bereits als Arzt gearbeitet, unter dramatischen Umständen. Viele Kollgen seien entführt worden und erst gegen ein Lösegeld von um die 20.000 Euro wieder frei gekommen. "Ungefähr 5000 Ärzte haben Syrien bereits verlassen´", sagt Darwish. Er selber habe nicht geahnt, dass er in Deutschland landet. Er wollte es aber: Bei Kerzenschein habe er ein halbes Jahr Deutsch gelernt, Strom habe es nicht gegeben.

Hält er es für möglich, irgendwann seine Eltern nach Deutschland zu holen? Durchaus, sagt Darwish, dazu brauche er aber Geld, das habe er zurzeit noch nicht. Kontakt in die Heimat zu halten, sei eine schwierige Angelegenheit. Das Festnetz in Syrien sei total ausgefallen, das Handynetz sehr unzuverlässig. Eine Rückkehr nach Syrien schließt Darwish zwar nicht völlig aus, hat aber kaum Hoffnung: "Die Lage ist so kompliziert. Viele Kriegsparteien sind beteiligt, keiner redet mit dem anderen. Es gibt keinen Anlass zu Optimismus."

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Baara Darwish hat nicht vergessen, wie er sich vor acht Monaten gefühlt hat, als er in ein Land kam, das er nicht kannte und dessen Sprache er nicht verstand. Er unterstützt die Flüchtlinge, die neu in Kempen gelandet sind, wo immer er das kann. Er will, dass sie sich genauso erfolgreich integrieren, wie er das getan hat.

Die Schüler des Medienkurses, bei denen er gestern zu Gast war und die vorher in der Thomaskirche einen Gottesdienst zum Thema "Gott sei Dank - Flucht und Ankunft" besuchten, wollen einen Film über Flüchtlingsschicksale drehen. Die Schüler sollen, so Lehrer Hans-Dieter Greyn, erfahren, "dass eine Flucht keine Butterfahrt ist". Sie sollen, und dazu hatten sie gestern hinreichend Gelegenheit, anhand von persönlichen Kontakten und Berichten das Abstrakte zu begreifen.

Für Schulleiter Benedikt Waerder ist es "ein tolles Zeichen", dass sich Baara Darwish den Fragen der Schüler gestellt hat: "Wir als Schule wollen damit sagen: Ihr seid willkommen und habt eine Zukunft hier." Noch besuchen keine Flüchtlingskinder das Luise-von-Duesberg-Gymnasium, das könne sich allerdings schon nach den Herbstferien ändern.

Quelle: RP
 
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