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Stadt Kempen
Der Schock sitzt immer noch tief

Stadt Kempen: Der Schock sitzt immer noch tief
Andrew Tenney trauert um seine Freunde, die bei dem Attentat in dem Nachtclub in Orlando ums Leben gekommen sind. Der 27-jährige Amerikaner arbeitet seit Februar in der Gärtnerei Dercks in St. Hubert. FOTO: Achim Hüskes
Stadt Kempen. Gut eine Woche ist seit dem Attentat in Orlando vergangen. In dieser Zeit hat Andrew Tenney mit unterschiedlichen Gefühlen gekämpft. Der in St. Hubert lebende Amerikaner verlor drei Freunde. Von Bianca Treffer

"Ich weiß nicht, ob ich jetzt noch leben würde, wenn ich daheim gewesen wäre", als Andrew Tenney diese Aussage macht, ist dem 27-jährigen Amerikaner die nervliche Belastung anzumerken. Es ist nicht ein einfach daher gesagter Satz, sondern eine Tatsache. Der junge Mann kommt aus Orlando. Er lebt seit Februar in St. Hubert und arbeitet in der dortigen Gärtnerei Dercks. "Schon als Kind habe ich meiner Mutter gesagt, eines Tages werde ich in Deutschland leben. Sie hat immer darüber gelacht", erzählt Tenney. Dieser Wunsch hat ihn jetzt vor einer großen Gefahr bewahrt, denn wäre er daheim in Orlando gewesen, dann hätte er zu den Besuchern im Nachtclub "Pulse" gehört, in dem ein Attentäter 49 Menschen erschoss und 53 weitere verletzte.

Unter den Toten sind drei Freunde des Amerikaners. Der Club ist eine bekannte Adresse für Homosexuelle und "er hat noch auf, wenn andere Clubs schon zumachen. Daher geht man gerne in den frühen Morgenstunden dort noch einmal vorbei", sagt Tenney. Der 12. Juni war dabei ein besonderer Tag. Es war der Gay Day, vergleichbar mit dem Christopher Street Day, der unter anderem auch in Köln gefeiert wird.

Für den Amerikaner, der in Orlando zuhause ist, ist der Club ein beliebter Treffpunkt. Er hat sich dort regelmäßig mit Freunden getroffen. "Ich habe in einem anderen Club gekellnert und bin nach der Arbeit noch rüber gegangen", berichtet der ehemalige Soldat. Er selber war in der Nacht vom 11. auf den 12. Juni mit Freunden in Kempen unterwegs und bekam zunächst überhaupt nicht mit, was sich morgens, um kurz nach 2 Uhr, in seiner Heimatstadt ereignete. Dann aber stand sein Smartphone nicht mehr still. Über die sozialen Netzwerke meldeten sich die Freunde, seine Familie und insbesondere seine Schwester. "Es war einfach nur schrecklich. Ich habe zunächst gar nicht verstanden, was dort passiert ist. Ich wollte es einfach nicht glauben", berichtet Tenney.

Ein Freund von ihm, der im Club war, als der Attentäter zuschlug, berichtete ihm genau, was passierte. Besagter Freund hielt die ersten Schüsse zunächst für einen Teil der Musik. Im Club sei es laut und voll wie immer gewesen. Die Nebelmaschine war im Einsatz und die Lichtblitze vom Stroboskop zuckten über die Fläche. "Dann hätten auf einmal Menschen auf dem Boden gelegen und alles sei voller Blut gewesen. Mein Freund wusste nicht, ob es sein eigenes Blut war, das an ihm klebte oder das von anderen. Er wollte raus und es ging nicht", sagt Tenney. Seine Schwester sei dagegen in einem benachbarten Club gewesen, rund ein halbe Meile, also gut fünf Blocks entfernt. Sie wusste, dass wiederum Freunde von ihr im "Pulse" waren. Aber sie wusste nicht, sind sie noch drin oder sind sie rausgekommen. Leben sie, sind sie verletzt oder tot? Einer der Freunde wurde angeschossen und liegt derzeit noch im Krankenhaus.

Der Schock über diese Tat und die Tatsache, dass drei seiner Freunde bei dem Attentat starben, sitzt bei dem 27-Jährigen tief. Für ihn selber war es ein Glücksfall, dass er einen Australier kennen gelernt hatte, der über Work & Travel in der Gärtnerei Dercks in St. Hubert gearbeitet hatte und über den er Kontakt zu Thomas Dercks aufnahm. Auf diesem Weg kam Tenney mit einem Arbeitsvisum für zwei Jahre nach St. Hubert, wo er seitdem in der Gärtnerei arbeitet. "Ich liebe Deutschland und würde gerne hier bleiben und ein Duales Studium in Richtung Wassertechnik aufnehmen", sagt der Amerikaner, der derzeit an seinen Deutsch-Sprachkenntnissen intensiv arbeitet und einen Deutschlehrer für seinen weiteren Sprachunterricht sucht.

Vor dem Hintergrund des Attentates möchte Tenney gerne ein Kondolenzbuch mit Hilfe der Stadt Kempen auslegen. Ein Wunsch, mit dem er bereits mit Hilfe von Thomas Dercks an die Stadtverwaltung heran getreten ist.

Quelle: RP
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