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Serie Kempen In Der Nachkriegszeit (9)
Der Schwarze Markt regiert

Serie Kempen In Der Nachkriegszeit (9): Der Schwarze Markt regiert
Mit solchen lustigen Plakat-Bildchen versuchte 1948 das NRW-Landesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten unter Heinrich Lübke, die Menschen vom Hamstern abzuhalten. Unter diesem Bild steht der Text: "Begreife, Mensch! Das Schlangestehn, auch das kann man sich sparen, wenn alle wollten einig gehen und nicht mehr hamstern fahren." FOTO: Kreisarchiv
Kempen. Mit dem "Dritten Reich" ist auch dessen Zwangswirtschaft zusammengebrochen. Als der Preisstopp der NS-Machthaber wegfällt, zeigt sich, dass sie zur Finanzierung des Krieges mehr Geld gedruckt haben, als Waren vorhanden sind. Von Hans Kaiser

KEMPEN Die Preise steigen in der ersten Nachkriegszeit in schwindelnde Höhen, es sei denn, man kauft auf Lebensmittelkarte oder auf Bezugsschein. Aber da bekommt man ja nichts. Andererseits hält die Militärregierung die Löhne niedrig: Im Juli 1946 bekommt ein Arbeiter in Kempen als Wochenlohn im Durchschnitt 35 Mark. Schnell lernt man, durch Tauschhandel zu erwerben, was man als Zuteilung nicht erhält. So entsteht der "Schwarze Markt".

Zur Ersatzwährung werden kleine Gebrauchsgegenstände wie Rasierklingen, Nähnadeln und Zündsteinchen. Letztere sind bei der Knappheit an Streichhölzern unentbehrlich und können massenhaft in einer Aktentasche untergebracht werden - das erleichtert den Schleichhandel. In Friedenszeiten haben sie fünf bis zehn Pfennig das Stück gekostet, jetzt werden sie auf der Straße mit gedämpfter Stimme für drei bis fünf Mark angeboten. Auf der Aldekerker (heute: Kerkener) Straße fallen der Polizei bei der Kontrolle eines Autos eine halbe Million Zündsteinchen in die Hände.

Als Ersatz für die ausgedörrte Reichsmark dient vor allem die Zigarette. Sie ist selten geworden; erstmals Weihnachten 1945 ist Tabak auf Raucherkarten zu beziehen. Das 50-Gramm-Paket muss zwei Monate reichen und kostet um die fünf Mark. Folglich wird eine Zigarette mit drei bis sechs Mark das Stück gehandelt. Da wundert`s nicht, wenn so mancher entzugsgequälte Raucher seinen eigenen Tabak im Garten anbaut, aber das Produkt ist mörderisch, Lagerung und Fermentierung können nur unzureichend sein. Der "Kippenstecher" gehört zum Straßenbild: Eine Gestalt, die sich hurtig zum Rinnstein bückt, in den der verwöhnte Besatzungssoldat seine "Camel" hat fallen lassen.

Schwarzhandel regiert allerorten. Vor allem unübersichtliche Ecken an den Geschäftsstraßen bieten sich an, und der Kempener Burggraben ist ein Zentrum. Schwarzhandel aber auch bei den Dienstleistungen und im Handwerk. Wenn ein Handwerker auf einem Bauernhof ein Dach repariert, dann will er nicht mit dem wertlosen Papiergeld, sondern mit Käse und Speck entlohnt werden. Die Auswirkungen auf Arbeits- und Geschäftsmoral sind klar: Wer tut noch etwas gegen Geld? Sogar Kranke verhökern ihre Extra-Lebensmittelkarten, mit denen sie zusätzliche Kost bekommen, gegen viel Geld an andere, die auch mal Weißbrot essen wollen.

Wer kann, beschafft sich seine Nahrung selbst. Anfang Mai 1946 fallen in hellen Scharen hungrige Großstädter zur Frühkartoffelernte ins Kempener Land ein. An den heißen Sommertagen warten Hunderte von Ährenlesern auf das Verschwinden der letzten Erntekarre, um hastig die übrig gebliebenen Früchte aufzuklauben. Zur Spätkartoffelernte im September wird der Andrang aus Krefeld und dem Ruhrgebiet übermächtig. Auf der Strecke Krefeld-Kleve werden nachmittags nur noch Güterwaggons eingesetzt. Sie bieten genug Platz, um die aus den Landbezirken zurückflutenden Menschen mit ihren unförmigen Kartoffelsäcken zu fassen - Ausbeute eines harten Tages. "Hamsterer" nennt man die abgezehrten Menschen, die ihre leeren Rucksäcke und Einkaufstauschen auf den Feldern füllen oder im Tauschhandel mit den Bauern. Böse Anschuldigungen kursieren, wie die vom "Perserteppich im Schweinestall".

1947 wird dann das schlimmste Jahr. Massen von Vertriebenen und zurückgekehrten Kriegsgefangenen steigern die Zahl der hungrigen Mägen. Doch der Sommer ist glühend heiß und trocken, die Ernte entsprechend schlecht, und ein bitterkalter Winter verstärkt die Not. Im Schwarzhandel kostet ein Ei nun zehn Reichsmark, ein Pfund Butter 240, ein Paar Schuhe bis zu 800. Am 28. Januar 1948 rufen Landrat Max Clevers und Oberkreisdirektor Ludwig Feinendegen zur Bekämpfung des Schwarzhandels auf: "Die Bevölkerung ist in äußerster Not. Sie wird verschärft durch die gewissenlose Haltung bestimmter Kreise, die Waren horten und zurückhalten."

Aber wer will sich damals schon ein Gewissen leisten? Welcher Geschäftsmann will jetzt, da eine Währungsreform vor der Tür steht, seine kostbaren Waren für wertlose Reichsmark verschleudern? Im Januar 1948 stößt man in drei Textilwarengeschäften der Kempener Innenstadt (Johann Winterscheidt KG., Heinrich Esser und Johannes Tendyck) auf heimliche Warenlager. Einer dieser Händler hat mehr Männeranzüge gehortet, als im ganzen Landkreis Kempen-Krefeld überhaupt gemeldet sind. Angesichts ihrer Kleidernot empfinden die Menschen diese "Hamsterei" als Hohn. Aber die Staatsanwaltschaft reagiert unerwartet milde. Statt die Geschäfte zu schließen, gibt sie sich mit Ordnungsstrafen zufrieden.

Daraufhin protestieren die Belegschaften aller Kempener Betriebe auf Aufruf des DGB mit einem zweistündigen Streik und ziehen in einem Demonstrationszug durch die Straßen. Die Veranstaltung mündet in einer Großkundgebung im Saal der Kempener Königsburg. Das geschah am 30. März 1948, und nie zuvor oder danach ist es in Kempen zu einer solchen Kundgebung gekommen. Erst die Währungsreform am 20. Juni 1948 macht dem Spuk des Schwarzhandels ein Ende. Die Basis für ein geregeltes Wirtschaftsleben ist gelegt.

(Fortsetzung folgt)

Quelle: RP
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