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Kempen
Deutschland 2019: Krefeld wird Bauhaus-Stadt

Kempen. Krefeld wird als einzige Stadt in NRW beim Bauhaus-Jubiläum vertreten sein: 100 Jahre nach Gründung der wegweisenden Architektur- und Design-Schule in Weimar gibt es Projekte in 14 Städten. Der Clou: Für Krefeld wird der Künstler Thomas Schütte eine begehbare Skulptur entwerfen. Von Petra Diederichs

Thomas Schütte könnte dafür sorgen, dass Krefeld wieder international Aufsehen erregt. Der 61-jährige Künstler konzipiert eine begehbare Skulptur, die im Bauhaus-Jubiläumsjahr 2019 die Idee der Bauhaus-Vertreter mit zeitgenössischen Mitteln behandelt. Kurz: Er macht Krefeld zur Bauhaus-Stadt, auf die die gesamte Kunst- und Architekturwelt blicken wird.

Walter Gropius hat die legendäre Kunstschule 1919 in Weimar gegründet. Auch nach dem Umzug 1925 nach Dessau blieb er Direktor. Von 1928 an leitete Hannes Meyer das Bauhaus, bis er 1930 aus politischen Gründen entlassen wurde. Dritter Direktor wurde Ludwig Mies van der Rohe, der im damals finanzstarken Krefeld gerade mit dem Verseidag-Gebäude und den Stadtvillen Esters und Lange einen Beitrag zur Architekturgeschichte geschrieben hatte. Die modernen Ideen des "Weniger ist mehr" und des funktionalen Bauens dieser Avantgardisten, die Grenzen zwischen Natur und Innenbereich völlig neu definierten, waren den Nationalsozialisten ein Dorn im Auge. Als der Dessauer Gemeinderat die Schule 1932 schloss, siedelte Mies mit seinen Kollegen und Studenten nach Berlin um. Ein Jahr später verboten die Nazis das "Bauhaus". Viele Bauhauskünstler emigrierten, Mies ging in die USA. Aber ihre Spuren sind noch heute markant - und sollen 2019 im Fokus stehen. Krefeld wird die einzige Stadt in Nordrhein-Westfalen sein, die sich an den bundesweit in 14 "Bauhaus"-Städten geplanten Aktionen zum Jubiläum beteiligt. In Kooperation mit Partnern in der ganzen Welt finden kulturelle und wissenschaftliche Aktivitäten statt - unter anderem in Dessau, Weimar, Berlin, Stuttgart und Mainz. Federführend für die Seidenstadt ist der Verein Projekt MIK (Mies in Krefeld), der 2013 das spektakuläre "Mies 1:1"-Projekt umgesetzt und ein begehbares Architekturmodell nach nicht realisierten Plänen des Bauhausarchitekten Ludwig Mies van der Rohe auf dem Egelsberg errichtet hat. Jetzt ist der Verein Teil des Verbundes "Bauhaus 100", der die Aktionen im Jubiläumsjahr bundesweit koordiniert.

Für Christiane Lange, Initiatorin von MIK, ist Schütte ein Wunschkandidat. "Ich bin sehr glücklich, dass Schütte sich bereiterklärt hat. Im populären Verständnis ist Bauhaus enorm belegt mit Architektur und Design. Darüber wird oft vergessen, dass die Kraft, die das Bauhaus entwickelt hat, maßgeblich daher rührte, dass Bauhaus von Künstlern geprägt wurde. Deshalb ist es sinnvoll, einen Künstler einzubeziehen", sagt die Kunsthistorikerin. Thomas Schütte schätzt sie wegen der Qualität seiner Arbeiten, die internationales Renommee haben. Schütte hat bereits mit farbigen Glasplatten den vierten Pfeiler auf dem Trafalgar Square in London zum Hingucker gemacht. Eine große Bronze wurde im New Yorker Central Park ausgestellt. Und in Krefeld schließt er einen Kreis: Der Schüler von Fritz Schwegler und Gerhard Richter hat in Krefeld mehrfach ausgestellt. Bekannt ist vor allem seine "Liegende" - ein steinerner abstrakter Frauencorpus, der wie auf einem Opfertisch oder einer Bettstatt am Haus Esters ruht. Damit ist der Künstler ganz nah an dem Architekten Ludwig Mies van der Rohe und ganz nah am Bauhaus.

Was und wo Schütte in Krefeld gestalten wird, ist noch nicht entschieden. "Wir sind in der Konzeptphase. Und wir haben als private Initiative ja keinen festen Etat. Wir müssen jetzt Gelder akquirieren und Kosten erstellen", sagt Lange. So viel steht fest: Es wird ein Kunstwerk im öffentlichen Raum sein, das auch Spielort für Veranstaltungen und eine Ausstellung, Anregung für Diskussionen und Anlass für Experten-Foren sein wird - ähnlich dem Golfclub-Modell. "Es wird nicht diese Dimensionen haben, aber ähnlich aufwändig sein", sagt Lange. Kein Gebäude im klassischen Sinne soll errichtet werden, aber ein begehbares Objekt, das bespielt werden kann. "Es ist temporär, kann aber durchaus länger als einen Sommer stehenbleiben."

Mit Blick auf "Bauhaus 100" erforscht die Kunsthistorikerin Lange auch Spuren der Verbindungen zwischen Seidenfabrikanten und Bauhaus. "Über die Seidenindustrie gab es Kontakte in die Avantgarde. Da ist Bauhaus mittendrin. Mies van der Rohe ist eine zentrale Figur, die hier nie gelebt, aber stark gewirkt hat." Aber inzwischen hat sie bereits rund 20 Namen weiterer Bauhaus-Wegbereiter, die für diese Stadt wichtig sind: Johannes Itten (1888-1967) zum Beispiel. Der Maler, Farbtheoretiker und Bauhaus-Lehrer wurde 1931 zum Leiter der neu gegründeten Werkkunstschule (damals noch Flächenkunstschule) in Krefeld berufen. Georg Muche folgte ihm. "Das waren ganz zentrale Figuren der Bauhaus-Lehre, die hier auch enorm gewirkt haben", sagt Lange. Aber es gebe auch viele Spuren, die nach Krefeld führen und noch nicht erforscht sind. "Die Ergebnisse über Dozenten aus dem Bauhaus-Umfeld werden 2019 im Rahmen der Veranstaltungen ans Tageslicht gebracht werden. Und sie ist sicher: In Krefeld gibt es viel mehr Bauhaus, als alle bisher annehmen. "Wir hoffen, dass wir das alles finanziert bekommen", erklärt die Wissenschaftlerin. Dass der Verein in Kooperation mit der Stadt und der Arbeitsgemeinschaft des Bundes sowie des Landes plant, ist finanziell eine kleine Beruhigung. "Sie tragen einen Teil der Kosten mit, aber der Großteil und die immense Verantwortung liegt doch bei uns."

Quelle: RP
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