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Kempen
Die Lademaus holt sich die Rüben

Kempen: Die Lademaus holt sich die Rüben
In diesem Jahr rodet Landwirt Alexander Platen seine Zuckerrüben nicht selbst, sondern engagiert dafür Lohnunternehmer Willi Draack (l.). Dessen Maschinen können die Blätter direkt von den Pflanzen entfernen — so, wie es die Zuckerfabriken möchten. FOTO: Franz-Heinrich Busch
Kempen. Im November lässt Landwirt Alexander Platen auf rund 20 Hektar Ackerland Rüben roden und danach zur Zuckerfabrik bringen. Er setzt auf Dienstleistung und Logistik — und eine Erntemaschine mit einem lustigen Namen. Von Nadine Fischer

Die ersten Rüben plumpsen von oben auf die Ladefläche des Lastwagens. Es hört sich an, als würden dicke Regentropfen auf ein Wellblechdach prasseln. "Das ist nur in den ersten Sekunden so laut", sagt Alexander Platen. Er hat recht. Schnell ist lediglich dumpfes Ploppen auszumachen, und nicht mal zehn Minuten später sind rund 27 Tonnen Zuckerrüben aufgeladen. Der Lkw fährt ab, der nächste rollt an den Ackerrand heran - wieder regnet es Rüben. Dafür sorgt die sogenannte Lademaus: Das massige Gefährt "knabbere" vorne an den Rüben, befördere sie durchs innere in den Mäuseschwanz und von dort in den Lkw, erklärt der Landwirt.

Im Frühjahr hat Platen das Saatgut auf rund 20 Hektar Acker in Süchteln verteilt, jetzt im November transportiert eine Abfuhrgemeinschaft die frisch gerodeten Rüben zur Zuckerfabrik seines Vertragspartners nach Appeldorn. Der aus seinen Rüben gewonnene Weißzucker versüßt irgendwann vermutlich Limonade und Cola.

"Dieses Jahr ist optimal verlaufen", sagt Platen. "Die Witterung hat mitgespielt, der Boden hatte eine gute Beschaffenheit." Im Durchschnitt werden 85.000 bis 90.000 Pflanzen pro Hektar gesät und 88 bis 90 Tonnen Rüben pro Hektar gerodet: "Ich gehe davon aus, dass wir diesmal dreistellig werden." Genau weiß das der 36-Jährige erst, wenn alle Rüben in der Fabrik gewogen wurden. Ein Teil seiner Ware ist jedoch bereits vor wenigen Tagen in Appeldorn angekommen, deshalb ist Platen zuversichtlich.

Er weiß auch schon: Seine Rüben haben in diesem Jahr einen Zuckergehalt von 17,9 Prozent und sind damit genauso gehaltvoll wie die Pflanzen der Konkurrenz. So habe es der Vertragspartner in seinem Labor ermittelt. "Der Wert ist gut", sagt der Süchtelner. Das ist wichtig, denn je mehr Zucker seine Ware enthält, desto mehr Geld bekommt er dafür. "Die Rübenkampagne läuft noch bis Januar oder Februar", ergänzt Platen - erst, wenn dann in der Region alle Pflanzen gerodet sind, erfährt er genau, wie viel seine Ernte wert ist. Pro Hektar gerodeter Rüben habe die Fabrik letztlich rund 14 bis 15 Tonnen Weißzucker gewonnen, erklärt er. "Im Moment bekommen wir jeden Monat Abschlagszahlungen. Die letzte Rübe wird dem Landwirt Ende April bezahlt." Die Preise verhandeln die Landwirte nicht selbst mit den Kunden, das übernimmt der Rheinische Rübenbauer-Verband. Hinter den dicken Knollen steckt viel Logistik: Dass etwa ein Landwirt seine Rüben selbst rode und mit dem Schlepper in der Zuckerfabrik abliefere, sei mittlerweile die Ausnahme, erzählt Platen. Rund 90 Prozent der Landwirte im Einzugsgebiet setzten auf die Abfuhrgemeinschaft, die von der Fabrik selbst beauftragt würde. Auch der Süchtelner hat sich 2016 erstmals für diesen Weg entschieden. Denn egal, ob er die Rüben zur Fabrik bringt oder abholen lässt: "Der Landwirt muss jetzt in jedem Fall 25 Prozent der Transportkosten bezahlen." Da lässt er seine Hänger lieber gleich zu Hause. Oder besser: An einem der vier Standorte, die zu seinem landwirtschaftlichen Betrieb gehören.

2009 hat Platen die Leitung des Hofes von seinem Vater Karl-Willi übernommen, vorher war sein Großvater der Chef. Der habe damals noch einen klassischen Mischbetrieb gehabt, erzählt der Enkel. "Mein Vater hat sich auf Schweinehaltung und Rübenanbau spezialisiert, ich habe das weiter vorangetrieben." Mittlerweile hält Platen - selbst Vater zweier Kinder - rund 3000 Schweine und baut eben auf rund 20 Hektar Rüben an. Das soll auch so bleiben, obwohl neue Vorschriften und Verordnungen dem Landwirt den Alltag nicht gerade erleichtern. Auch deshalb werde Dienstleistung in der Landwirtschaft immer wichtiger, sagt er. So hat er zum Beispiel in diesem Jahr erstmals seine Rüben nicht selbst gerodet, sondern dafür einen Lohnunternehmer engagiert: Willi Draack aus Süchteln.

Er habe Kunden im gesamten Kreis Viersen. Mit seinen Maschinen fährt er auf ihre Felder und holt die Rüben aus der Erde. Der Vorteil: "Er hat die nötige Technik, um die Rüben direkt zu entblatten", sagt Platen. Denn die Fabriken wollen die Pflanzen ohne Blätter haben. Draack türmt die Rüben auf den Ackern auf und meldet später der Zuckerfabrik, dass seine Arbeit getan ist. Das Unternehmen informiert die Abfuhrgemeinschaft, dass sie die Rüben abholen kann. Sobald mehrere Landwirte in der Region gemeldet haben, dass ihre Rüben gerodet sind, werden zwei bis drei Abholtermine festgesetzt. Dann dauert es nicht mehr lange, bis die Lademaus ausrückt. "Sie ist 24 Stunden im Einsatz", sagt Platen, während neue Rüben in den zweiten Lastwagen prasseln. Sobald die Ladefläche voll ist, geht es ohne Pause weiter: Der dritte Lkw steht schon dahinter bereit.

Quelle: RP
 
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