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St. TÖnis
Die Leichtigkeit schwerwiegender Gedanken

St. TÖnis: Die Leichtigkeit schwerwiegender Gedanken
Klaus Kubik ist Ingenieur und Künstler. Sein St. Töniser Haus ist für ihn gleichzeitig Wohnung, Atelier und eigenes Museum, in dem etwa 300 Objekte zu finden sind. FOTO: WOLFGANG KAISER (2), HERIBERT BRINKMANN (2)
St. TÖnis. Als Mann über 60 hat sich Klaus Kubik einen kindlichen Spieltrieb erhalten. Mit wunderbar hintergründigem Humor, Technikbegeisterung und geübter Fingerfertigkeit schafft er unermüdlich eine Vielzahl skurriler Kunstobjekte. Von Heribert Brinkmann

Mit weißem Hemd und schwarzen Brille wirkt er eher wie der Ingenieur im Ruhestand. Klaus Kubik gehört aber nicht zu den Rentnern, die sich nach der Berufsphase künstlerisch austoben. Kubik ist schon seit 25 Jahren künstlerisch unterwegs. In seinem Wohnzimmer hängt ein Foto mit zwei "Krefelder" Künstlern: Joseph Beuys und Herbert Zangs. Deren Kunst abseits des Mainstreams ist bei ihm vor langem schon auf fruchtbaren Boden gefallen. Ein anderes Foto, das sein Sohn Karl gemacht hat, zeigt Klaus Kubik draußen in der Natur, wie er mit einem Kescher an einer überlangen Stange den Äther nach Erleuchtung durchsucht.

In dieses Wind-Objekt baute Kubik die Schulterblätter von Schafen ein. FOTO: Heribert Brinkmann

Am Küchenfenster hat Klaus Kubik seine aktuelle Versuchsanordnung aufgebaut. Wie in einem Labor stehen hier Flaschen, Schalen und Röhrchen zusammen, verbunden mit Drähten und Schnüren. Im Mittelpunkt der Anordnungen Bohnenkerne, die zum Wasser Wurzeln bilden und deren Keime zum Licht wachsen. Eine Untersuchung zur Zeit, ein kindliches Staunen über die Kraft, die in so einer kleinen Bohne steckt. Daneben stehen Objekte mit Pappstreifen, die über eine Schnur mit Öl in Gläsern verbunden sind. Langsam ziehen Schnur und Pappe das Öl nach oben. Ist die Pappe vollgesogen, wird sie weggeschmissen oder ersetzt. Als Künstler geht es Kubik bei solchen Objekten nie um Ewigkeit, Ästhetik oder Wertigkeit. Er arbeitet vielfach mit Materialien des Alltags, die eine Wandlung erfahren. Klebebänder mit einem Stein rollen sich im Wochenrythmus ab. Aus aufgeschnittenen Zahncremetuben und einem Joghurtbecher wird ein Propeller, eine Mäusefalle wird zu einer Startrampe für einen Bitumen-Klotz, der - wenn er sich in Wärme ausweitet - einen Bindfaden sprengt und die Mäusefalle zuschnappen lässt. Um Bewegung geht es immer wieder: Kleine Metallteile über einem Magnetfeld schwingen hin und her, ein Uhrwerk lässt einen langen Stock wandern. Die Kräfte, die sie antreiben, sind klein. aber die zarten Bewegungen kann man sehen. Labil und fragil sind die meisten seiner Objekte, die im ganzen Haus vom Keller bis ins Obergeschoss verteilt sind. Doch er macht draußen weiter. Er fischt im Äther, vermisst mit einem Lot die Natur oder wärmt als "Kükenpate" mit seinem Mantel das Federvieh am Brunnen des Krefelder Schwanenmarktes.

Naturgesetze betrachten und umsetzen, ist das Eine. Als Ingenieur ist er in der Physik bewandert. Aber er geht weiter in das Metaphysische, sucht nach Lösungen und Antworten auf die Fragen der menschlichen Existenz. Sein Logo, das er sich als Künstler zugelegt hat, ist eine unendliche Spirale. "Der Mensch ist", so erklärt er, "das einzige Tier, das weiß, dass es sterben muss." Die unendliche Spirale ist Zeichen für Anfang und Ende, Geburt und Tod, der ewige Kreislauf. Für eine Ausstellung hat er das Logo als Brezel backen lassen und die Besucher aufgefordert, sie zu essen.

Kubik, der als Ingenieur über 200 Patente für seine Entwicklungen anmelden konnte, fragt sich, woher kommen die Ideen? Dabei bleibt er nicht bei der Naturbefragung, der "Vermessung der Welt" stehen, sondern sucht Inspiration in der Kunst. Er liebt die Mobiles von Alexander Calder, nennt das Schweizer Künstlerduo (Peter) Fischli und (David) Weiss als Vorbild. In ihrem Film "Der Lauf der Dinge", 1987 auf der Documenta 8 gezeigt, haben sie eine Nonsense-Maschine aufgebaut, die sich physikalische und chemische Gesetze zu Nutze macht. Das macht Kubik auch. Seit drei Jahren ist Kubik im Ruhestand und widmet sich ganz der Kunst. Bei der GKK, der Gemeinschaft Krefelder Künstler, hat er bereits fünf, sechs Ausstellungen bestückt, darüber hinaus ist er noch zu entdecken. Er hält es mit dem Schriftsteller Arno Schmidt ("Zettel's Traum") im kleinen Heidedorf Bargfeld: "Was soll ich in New York - ich war schon zweimal in Hannover.".

Eine Mausefalle mit einem Stück Bitumen, mit Bindfaden befestigt. FOTO: Kaiser Wolfgang
Quelle: RP
 
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