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Sommerinterview Mit Marcell Feldberg, Dichter Und Musiker
Die Welt ist nicht einfach schwarz-weiß

Sommerinterview Mit Marcell Feldberg, Dichter Und Musiker: Die Welt ist nicht einfach schwarz-weiß
Marcell Feldberg an seinem Arbeitsplatz, der Orgel von St. Hubertus in Schiefbahn. FOTO: WOLFGANG KAISER
Kempen. Vom Leben am Niederrhein und der Faszination für Weltstädte wie Wien und Amsterdam: Marcell Feldberg, Kirchenmusiker an St. Hubertus in Schiefbahn und Autor mehrerer Gedichtbände, bringt beides für sich gut zusammen.

Alle wollen nach Berlin. Der Suhrkamp-Verlag ist dorthin gezogen, viele Künstler, Musiker. Wollen Sie auch an die Spree ziehen?

Feldberg Nein, mit Berlin habe ich es so nicht. Ich fühle mich hier sehr wohl. Hier in der Gegend rund um Schiefbahn ist beides lebbar: Stadt und Land. Von hier ist man ganz schnell in Düsseldorf, in zweieinhalb Stunden in Amsterdam. Gerade beschäftige ich mich mit dem Garten von Schloss Dyck. Graf Joseph zu Salm-Reifferscheidt-Dyck hat als Botaniker den Garten dort anlegen lassen. Er heiratete die französische Dichterin Constance de Théis, die aus Dyck im Rurdepartement einen kulturellen Anziehungspunkt machte. Und im Winter lebte das Dycker Paar in Paris. In ihrem Salon verkehrten Stendhal, Dumas und Humboldt. Das ist doch Stadt und Land in Bestform. Aber im Ernst: Gegenüber Berlin brauchen wir uns nicht zu verstecken. Der Niederrhein wie das gesamte Rheinland samt dem Ruhrgebiet ist eine Gegend, die reich an Kultur und Infrastruktur ist - eine vielfältige Transitlandschaft, in der vieles in Bewegung bleibt. Außerdem hat mich die rheinisch-katholische Lust an Bildern schon geprägt, sie liegt mir mehr als die rationale Strenge der Preußen.

Sie sagten, in zweieinhalb Stunden ist man in Amsterdam. Sind Sie oft da?

Feldberg Da ich eine Bahncard der Niederländischen Eisenbahn habe, werde ich wohl häufiger dort sein. Ich liebe diese Stadt, Amsterdam ist natürlich eine Weltstadt, aber auch eine ganz andere Welt als deutsche Städte. Ich fahre seit drei Jahrzehnten regelmäßig nach Amsterdam, und besuche dort gerne das Stedelijk Museum, meine Lieblingsbuchhandlung Athenaeum, mein Lieblingsantiquariat Brinkman, die Cafés.

Wie erleben Síe die Niederländer?

Feldberg Ich mag dieses Land, habe aber gleichzeitig einen kritischen Blick. Dass die Niederländer generell alles liberaler angehen, kann ich so nicht teilen. Die Weltoffenheit ist schon gegeben, das will ich aber nicht heroisieren. Wenn man sich als kleines Land behaupten will, muss man sich öffnen. Daraus ergibt sich ein gewisser Pragmatismus, ein Sinn für das Mögliche. Utopien und Revolutionäres waren den Niederländern selten sonderlich zu eigen. Allerdings bringt ein solcher Pragmatismus auch die Gefahr des Verdrängens mit sich. Als 1992 der israelische Frachtjumbo in ein Hochhaus abstürzte, erfuhr man plötzlich, dass es in den Niederlanden soziale Brennpunkte gab, dass die Einwanderer aus den ehemaligen Kolonien nicht immer in den Niederlanden angekommen waren.

Und wie sehen uns heute die Niederländer?

Feldberg Heute hat sich vieles beruhigt und normalisiert. Die starke Deutschenfeindlichkeit ist heute nicht mehr gegeben. Aber noch beim Brandanschlag in Solingen 1993 schickten die Niederländer säckeweise Ich-bin-wütend-Postkarten ins Bundeskanzleramt. Die deutsche Besatzung im Zweiten Weltkrieg war ein traumatisches Erlebnis, aber der Widerstand gegen die Nazis gehört zu den gern gepflegten Mythen. Die Kollaboration, auch im Zusammenhang mit der Judenverfolgung wurde eher wenig aufgearbeitet. Wie viele Länder Europas haben auch die Niederlande sich mit der Opferrolle identifiziert. Eine differenzierte Betrachtung hatte zunächst nicht stattgefunden. Auch nicht eine Beschäftigung mit der Nationaal-Socialistischen Beweging in Nederland. Glücklicherweise ist das historische Bewusstsein in diesen Dingen mittlerweile doch ein Stück selbstkritischer ausgeprägt. Selbstkritisch, differenziert - das gilt auch für meine Erfahrung im Umgang mit einem befreundeten Autor. Ich habe Ende der 1990er Jahre den Schriftsteller Theun de Vries kennengelernt. Er schrieb 1956 den Roman "Das Mädchen mit den roten Haaren" über die Widerstandskämpferin Hannie Schaft. Auch wenn mir seine kommunistische Haltung durchaus fremd war. Seine Intellektualität und einige Bücher habe ich sehr geschätzt. Aus heutiger Sicht betrachte ich aber manche seiner ideologischen Positionen äußerst kritisch, ohne dabei unsere Freundschaft gleich ganz in Frage stellen zu wollen. Immerhin hat De Vries mir einen Zugang zur friesischen Kultur eröffnet, eine ganz eigene Kultur mit eigener Literatur und Schriftsprache, dem Frysk, eine Mischung aus Niederländisch, Englisch und Mittelhochdeutschem.

Neben Amsterdam ist ja Wien Ihre andere große Liebe. Die Österreicher sind schon ein besonderes Volk. Kommen Sie damit gut klar?

Feldberg Für mich leidet dieses Land immer noch an Ausprägungen von Phantomschmerzen. Der gesamte Raum des KuK-Reiches ging 1918 verloren, übrig blieb das Rumpfding, dieses Kernland Österreich. Durch die Neutralität nach 1945 erhielt es unter Bruno Kreisky eine neue Bedeutung als Vermittler zwischen Ost und West, Wien wurde UNO-City. Österreich wurde zum Puffer zwischen den Blöcken. Auffallend ist, dass viele österreichische Autoren passionierte Österreich-Hasser sind. Sie haben ein sadomasochistisches Verhältnis zum eigenen Land. Denken Sie an Karl Kraus. Thomas Bernhard war der Ober-Grantler, auch Elfriede Jelinek hat ein böses Verhältnis zu ihrem Land. Das Granteln ist sowieso eine Wiener Eigenart. Im Café Breunerhof ist die höfliche Unhöflichkeit der Kellner legendär. Dennoch sitze ich auch hier gerne im Café, also im Kaffeehaus. Das Herumgranteln überlasse ich dann gerne den Einheimischen oder missmutigen Touristen.

Aber in der Kultur ist Wien nicht Österreich?

Feldberg Nein, es herrscht eine große Diskrepanz zwischen Wien und Österreich, zwischen Metropole und Provinz. Die Provinz verachtet Wien, das man für abgehoben hält. Und Wien wirft immer einen skeptischen Blick auf die Provinz, die vielen Städtern viel zu katholisch-hinterwäldlerisch erscheint. Diese Spannung war zuletzt noch einmal bei der letzten Bundespräsidentenwahl überdeutlich zu spüren. Wien war immer ein Motor verschiedener Entwicklungen, hier hat sich für die künstlerische Entwicklung vieles konzentriert. Durch Freud liegen die Anfänge der Psychoanalyse in Wien. Die Musik des 20. Jahrhunderts wäre ohne die Wiener Moderne rund um Schönberg, Berg und Webern nicht denkbar. Allein die Wiener Gruppe mit H.C. Artmann, Konrad Bayer, Friedrich Achleitner, aber auch Ernst Jandl und Friedrike Mayröcker ist hinsichtlich der neuen Literatur ein Kontinent für sich.

Ist Lyrik in Zeiten von Twitter überhaupt noch zeitgemäß?

FELDBERG Ich will jetzt nicht in das große Klagelied über die Verarmung der Sprache einstimmen. Natürlich stimmt, dass Twitter, Emails, Posts vielfach die Hemmschwellen herabgesetzt haben, und manches zum Sprachklo verkommt. Aber diese neue Formen von Kommunikation können auch kreativ sein. Mir machen die Worterfindungen und Zeichensprachen Spaß, wenn zum Beispiel auch "achtsam" ein "8sam" wird. Aber die Poesie ist doch vielschichtiger. Mit Poesie lässt sich in wenigen Worten Vieles ausdrücken, das sich in unterschiedliche Richtungen denken lässt. Die Welt ist nun mal nicht schwarz-weiß, nicht gut oder böse. Poesie ist ein Versuch, dem jenseits vermeintlicher Eindeutigkeit gerecht zu werden. Mit Collage- und Montage-Verfahren, mit Zitaten und Anspielungen, sichtbar und unsichtbar, entstehen Bilderwelten und Wortfolgen, die jeder anders versteht, die man selber jetzt, später und in drei Jahren unterschiedlich interpretiert. Poesie ist Staunen, Stutzen statt Informiertsein. Gedichte bieten mehr und etwas anderes, als eine Eins -zu-Eins Entschlüsselung unserer Welt. Ich empfinde aber genau das als Bereicherung. Und durch das Schreiben gehe ich auch selbst anders durch die Welt. Ich entdecke immer wieder neue Zusammenhänge oder gedankliche "Mosaiksteinchen", die meinen Blick verändern, Gewohntes in Frage stellen. Oft liegen solche Momente ganz unwillkürlich und sprichwörtlich "auf der Straße"- auch auf den Durchgangstraßen hier am Niederrhein. Man muss halt die Augen offen halten und sich dann auch mal bücken, um sie "aufzuheben".

DIE FRAGEN STELLTE RP-REDAKTEUR HERIBERT BRINKMANN.

Quelle: RP
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