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Stadt Kempen
Die Zukunft muss von uns erfunden werden

Stadt Kempen. Joseph Beuys starb am 23. Januar 1986 - morgen vor genau 30 Jahren. Wie präsent ist er heute noch in der Kunstszene vor Ort? Von Heribert Brinkmann und Birgitta Ronge

Nicht bei jedem ist die Nähe zu Beuys so offensichtlich wie beim Krefelder Künstler Caco und seiner Aktion 3333 Bäume, inspiriert von Beuys' "7000 Eichen" zur Documenta 7 (1982) in Kassel. Caco - mit bürgerlichem Namen Karl-Heinz Ramacher - startete seine Baumpflanzaktion 2007, nachdem der Orkan Kyrill in Krefeld rund 1200 Bäume entwurzelt hatte. Der Künstler sieht in "3333" einen aktiven, soziokulturellen Beitrag mit künstlerischer Intention und Bürgerbeteiligung und bezieht sich ausdrücklich auf den "angewandten Kunstbegriff" von Joseph Beuys.

Der Kempener Künstler Gisbert Scheuß, Vorsitzender des BBK Niederrhein, sieht die BBK-Aktion Caravan in der Tradition von Beuys, Kunst in den öffentlichen Raum zu bringen, raus aus den Museen und Galerien. Der in Tönisvorst lebende Künstler John Waszek hat sogar zwei Semester bei Beuys studiert - bis der Professor von Minister Johannes Rau rausgeschmissen wurde. Persönlich wirkte er damals ganz anders, als er in den Medien beschrieben wird. Waszek beschreibt ihn als lustig und humorvoll. "Das war kein verkniffener Messias". Als Lehrer bestand Beuys auf klassische Studien. Er schickte seine Studenten zum Aktzeichnen, was überhaupt nicht in Mode war. Beuys schimpfte dann: "Ihr wollte alle nur Kunst machen, aber nicht studieren."

Auch formal hat Beuys Waszek beeinflusst. Er hatte mitgenommen, dass nicht teure Ölfarben und Leinwand entscheidend seien, sondern alles, "was Haus und Hof hergeben, in den Kunst-Kontext eingebracht werden kann." Aber das Wichtigste für ihn war der Begriff der Freiheit, dass in der Kunst alles möglich sei.

Auch der Viersener Künstler Stefan Kaiser studierte ab 1971 an der Düsseldorfer Kunstakademie. "Geprägt durch mein Elternhaus hatte ich eine Vorstellung von abstrakter Kunst, und abstrakte Skulpturen hatte ich damals schon angefertigt. Meine Mappe bestand aus Fotos dieser Skulpturen und aus Zeichnungen, aber auch aus Naturstudien", erzählt Kaiser. "Ich vermute, dass diese Naturstudien der Grund waren, weshalb Beuys mich in seine Klasse aufnahm." Für sein eigenes Schaffen war die Herangehensweise, die der Lehrer den Schülern vermittelte, wegweisend, so Kaiser: "Beuys hat mich geerdet. Er hat mir die grundlegende künstlerische Arbeit vermittelt und mir beigebracht, Dinge aus sich selbst heraus zu entwickeln." Lebhaft erinnert sich der 1952 in Viersen geborene Künstler auch an die Mappenkorrekturen, bei denen Beuys die Arbeiten der Studenten auf zwei Stapel legte - einen Stapel gab es für die guten, einen für die weniger guten Arbeiten. Meist habe er das Glück gehabt, dass seine Mappe auf dem "guten" Stapel landete, erzählt Kaiser: "Durch das, was Beuys dazu sagte, habe ich eine Menge gelernt. Gelernt hat man auch durch die Hinweise, die er anderen gab." Von seiner Aktualität habe Beuys nichts verloren: "Gute Kunst ist immer aktuell", sagt Kaiser. "Und Beuys war in vielen Dingen seiner Zeit voraus. Was er etwa in Richtung Ökologie und Kunst gebracht hat, wird sicherlich die Zeit überdauern."

Jutta Pitzen von der Städtischen Galerie im Park Viersen kam Joseph Beuys und Originalwerken seiner Kunst in ihrer beruflichen Laufbahn zweimal besonders nahe. Zum ersten Mal bei der Erstellung des Katalogs zur Graphischen Sammlung der Stadt, da dort fünf Beuys-Arbeiten enthalten sind. 2012 fand in der Galerie die Ausstellung "Joseph Beuys - Werbung für die Kunst" statt, die eine Vielzahl von Werken umfasste, unter anderem zahlreiche Multiples. Jutta Pitzen hält seine Bedeutung auch heute für sehr groß: "Sein Einfluss auf die Kunstwelt ist unbestreitbar, Ideen wie die ,Soziale Plastik' und die Theorie des erweiterten Kunstbegriffs unsterblich. Er ist einer der Künstler, die als solcher und als Mensch und Persönlichkeit enorm wirkten. Faszinierend sind für mich viele Zitate von ihm, die immer aktuell bleiben." Sie meint dabei einen Satz wie diesen: "Die Zukunft, die wir wollen, muss erfunden werden, sonst bekommen wir eine, die wir nicht wollen."

Quelle: RP
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