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Sommerinterview Mit Jan Bodinus, Intendant Der Schlossfestspiele Neersen
"Durch die Lande ziehen wie einst Molière"

Sommerinterview Mit Jan Bodinus, Intendant Der Schlossfestspiele Neersen: "Durch die Lande ziehen wie einst Molière"
Jan Bodinus, 1963 in Zürich geboren, machte sein Abitur in Krefeld, studierte an der Schauspielschule Bochum und spielte an verschiedenen Theatern. Seit 1999 arbeitet er auch als Regisseur. Morgen hat seine Inszenierung von "Die Feuerzangenbowle" bei den Schlossfestspielen in Neersen Premiere. FOTO: ACHIM HÜSKES
Kempen. In einem sommerlich leichten Gespräch über Kultur erzählt der Intendant der Schlossfestspiele Neersen, warum er keinen "Tatort" schaut, ihm Armbanduhren wichtig sind und Kevin Spacey aus "House of Cards" eine moderne Shakespearefigur ist.

Was bedeutet Ihnen der Brexit?

JAN BODINUS Ich bin ein großer London-Fan und fahre einmal im Jahr dorthin, um mir in den Westend-Theatern Produktionen anzuschauen. Das wird auch so bleiben - ob in oder out. Aber ich finde es schon betrüblich, dass es ein paar Populisten heute so leicht haben, die Meinung vieler so stark zu beeinflussen, dass ein ganzes Land aus der EU austritt. Ich befürchte, die Engländer verstehen erst jetzt, was der Brexit für sie bedeutet.

Umgekehrt: Was bedeutet Ihnen Europa?

BODINUS In einem Radio-Interview hörte ich einen Politikwissenschaftler, der auf die Frage "Muss man Europa lieben?" antwortete, man müsse die EU schätzen lernen, nicht lieben. Das kann ich voll unterschreiben. Europa ist für mich schätzenswert. Ich finde es toll, ohne Grenzkontrollen reisen zu können.

Sie leben in Berlin, rund 100 Kilometer von der polnischen Grenze entfernt. Wie erleben Sie dort den wachsenden Nationalismus?

BODINUS Natürlich bereitet er mir Sorgen. Aber ich weiß zu wenig darüber und denke, auch der wachsende Nationalismus in unserem Land ist ein problematisches Thema. Um diesem Trend entgegenzuwirken, haben wir in diesem Jahr Flüchtlinge zu unseren Generalproben eingeladen und das war für uns extrem aufregend und aufschlussreich. Ich fand es toll, wie die Flüchtlinge bei der Aufführung voll dabei waren und auch an Stellen gelacht haben, wo andere Zuschauer vielleicht nicht lachen.

Apropos Lachen. Sie schauen sich in London, aber auch in Paris die neuesten Produktionen an. Wird überall anders gelacht?

BODINUS Für mich gibt es gute und schlechte Stücke, egal, aus welchem Land sie stammen. Gute Stücke funktionieren immer und überall. Natürlich gibt es landestypische Momente: Die Franzosen lieben auf der Bühne das schnelle Parlieren, das Publikum dort schätzt das Luftige und Leichte. Den Engländern sind skurrile Situationen extrem wichtig. In England funktionieren die Pointen auf der Bühne, eine Aufführung am Westend ist oft nah dran an der Perfektion.

Es scheint, Sie haben sich auf die leichte Muse festgelegt.

BODINUS Keineswegs. Ich habe mich auch schon durch meine Ausbildung an der Schauspielschule in Bochum und als Regisseur in der klassischen Literatur ausgetobt, Skakespeare und Brecht gespielt, Anouilh und Tolstoi inszeniert. Ich will Menschen bewegen, ob diese lachen oder weinen, traurig oder glücklich sind, ist nicht unbedingt ausschlaggebend. Aber Komödien - das kann ich, bestätigt man mir, also ist Humor durchaus mein Fach. Ich sehe mich vor allem als Kommunikator. Ich möchte bewegendes Theater machen. In London zum Beispiel gibt es keine Trennung zwischen ernst und leicht. Das Verrückte im Leben ist, dass sich Richtungen ergeben. Wenn man einmal eine Komödie gut inszeniert hat, kommen weitere Anfragen, und plötzlich ist man in der Schublade drin. Aber für eine Komödie wie "Ziemlich beste Freunde" braucht man auch Ernst und Tiefe. Und wer weiß, wenn man mich in Neersen länger will: Sicher wird es hier auch Klassiker geben!

Sie sind in Zürich geboren, machten in Krefeld Abitur, spielten Theater in Hannover und leben jetzt in Berlin. An welcher Stadt hängt Ihr Herz?

BODINUS Ich liebe es, zu Hause zu sein, aber auch unterwegs zu sein. Das steckt in Theatermenschen so drin: Mit einem Theaterkarren durch das Land zu ziehen wie Molière. In Berlin lebt meine tolle Familie, meine Frau und meine beiden Kinder, 12 und 17. In Schöneberg, wo ich wohne, fühle ich mich zu Hause. Ich liebe Berlin, man trifft dort aufregende Menschen und hat dennoch in seinem Kiez ein heimeliges Kleinstadtgefühl. Trotzdem ich bin auch ein Stück Schweizer, ebenso Niedersachse und Niederrheiner. Was das alles zusammenhält, ist das Theater, denn meine innere Heimat ist das Theater. Berlin ist die 13. Stadt, in der ich lebe. Da bin ich nicht nur Schwarzwälder Kirschtorte oder ein Stück Obstkuchen, sondern von jedem Stück Torte eines!

Gibt es außerhalb des Theaters noch etwas anderes, was Sie interessiert?

BODINUS Ich gehe eigentlich kaum ins Kino, aber ich bin ein Fan dieser neuen amerikanischen Serien wie "Homeland" und "House of Cards". Diese Serien sind mit einer unglaublich hohen Qualität gemacht, und entwickeln dramaturgisch gekonnt über eine längere Dauer eine innere und äußere Welt. Ich schaue mir die Serien sehr gerne im englischen Original an, was zum Beispiel Kevin Spacey, der Francis Underwood in House of Cards, dort spielt, ist für mich eine moderne Shakespeare-Figur. Von unseren normalen 90-Minuten-Filmen bin ich zunehmend enttäuscht, weil die über die Figuren nicht genug erzählen, alle werden nur angerissen.

Sie schauen also keinen "Tatort"?

BODINUS Richtig, gar nicht. Ich finde die Figuren oft überzeichnet und übertrieben. Ich kein großer Fan von diesem Format. Vielleicht auch, und das meine ich nur teilweise ironisch, weil ich nie dort mitspielen durfte. Vor 15 Jahren stand ich mal in der engeren Auswahl für einen tollen Part. Bekommen hat die Rolle im saarländischen Tatort "Du hast keine Chance" 2001 dann Oliver Hasenfratz, ein sehr toller Schauspieler, leider viel zu früh verstorben.

Die Serie "Homeland" wurde ja für eine Staffel in Berlin gedreht. Haben Sie etwas von den Dreharbeiten mitbekommen.

BODINUS Nein, zu der Zeit war ich gar nicht in Berlin, sondern hier in Neersen. Homeland wurde ganz in der Nähe meiner Wohnung in Schöneberg gedreht. Der Kindergarten, auf den früher meine Tochter ging, taucht in der Serie auf, und wenn Carrie durch Berlin radelt, erkenne ich vieles wieder, etwa den Club King George bei mir um die Ecke.

Wie verträgt sich der Berliner mit ihrer Schweizer Seite?

BODINUS Sehr gut, ich habe nämlich ein spezielles Hobby: Ich habe eine kleine, feine Sammlung mechanischer Uhren. Und wenn da Swiss Made draufsteht, bekomme ich glänzende Augen. Vielleicht ist das der eigentliche Grund für meine Leidenschaft. Aber im Ernst: Die Uhr ist doch für den Mann das einzige Schmuckstücke, durch das er sich ein wenig definieren kann, mit dem er neben der Kleidung ein wenig Geschmack beweisen kann. Ich habe auch hier in Neersen eine kleine Auswahl dabei. Jeden Morgen wähle ich eine Uhr aus, je nach Laune, Kleidung und Terminen. Außerdem hat eine mechanische Uhr auch etwas mit Theater zu tun: Die Präzision, mit der die kleinen Zahnräder ineinander greifen, hat etwas von einer gelungenen Theateraufführung.

Was haben Sie für heute ausgewählt?

BODINUS Eine Citizen aus den 80er Jahren mit Worldtimer. Diese Uhr für Piloten, die überhaupt nicht teuer war, zeigt verschiedene Zeitzonen an. Eine wunderbare Vintage Uhr. Meine älteste Uhr ist über 70 Jahre alt, ein herrliches Stück Kultur-Geschichte.

Harald Naegeli hat als Sprayer in Zürich angefangen. Zürich ist doch überhaupt keine unwirtliche Stadt, die einen solchen Protest rechtfertigt.

BODINUS Ich konnte den Naegeli schon verstehen, in den 70er und 80er Jahren wurden auch im malerischen Zürich brachiale Bauten mit rauhen Putzbetonwänden errichtet. Diese Graffiti passen natürlich so gar nicht in die ordentliche Welt der Schweizer. Ich habe oft mit meiner Oma aus Zürich darüber diskutiert.

Und welches Buch liegt auf Ihrem Nacht- oder Schreibtisch?

BODINUS Ich lese wenig Romane, eher Sachbücher. Für mich, der ich am Theater ständig in Fantasiewelten unterwegs ist, sind Romane einfach oft zu viel. Ich lese gern Biografien von Schauspielern oder großen Persönlichkeiten. Doch zurzeit lese ich das Buch eines Zen-Mönches: Zehn Minuten zur Entspannung vor dem Schlafengehen.

Hat Sie der Intendant verändert?

BODINUS Ich hoffe nicht. Meine Theater-Familie holt mich da oft wieder auf den Boden zurück. Ich habe Freunde und Mitarbeiter, die mich warnen, wenn ich mich negativ verändere, das ist mir sehr wichtig. Leider sind manchmal eben auch unpopuläre Entscheidungen zu treffen, die im zwischenmenschlichen Bereich nicht leicht fallen. Da muss man Stärke beweisen, ohne das Menschliche außer acht zu lassen.

DIE FRAGEN STELLTE RP-REDAKTEUR HERIBERT BRINKMANN.

Quelle: RP
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