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Stadt Kempen
Ein Barber spielt Bach auf der Propsteikirchenorgel

Stadt Kempen. Wohl kein renommierter Konzertorganist hat eine solche Vita aufzuweisen, wie sie auf Wolfgang Rübsams Homepage zu finden ist. Der 1946 in Gießen geborene Musiker war Professor für Orgel sowohl in Evanston (USA) als auch an der Hochschule für Musik in Saarbrücken. Über 130 Tonträger mit unterschiedlichsten Werken hat der auch als Tonmeister bei Naxos International Beschäftigte aufgenommen. Doch Rübsam, inzwischen amerikanischer Staatsbürger, frönt noch einer anderen Leidenschaft: Nach erfolgreich abgelegter deutscher Meisterprüfung im Friseurhandwerk wirkt er als US-lizenzierter Barber in seinem eigenen Barbershop in Valparaiso. Von Heide Oehmen

Dieser vielseitige Künstler durfte sich bei seinem ausschließlich Johann Sebastian Bach gewidmeten Konzert in der Kempener Propsteikirche über reichen Zuhörerzuspruch freuen. Er begrüßte sein Auditorium mit dem eingängigen Präludium Es-Dur BWV 552 - machtvoll und mit teils eigenwilliger Temponahme. Für die folgende Tripelfuge wählte der Gast eine recht starke Registrierung, dennoch war sie für den Hörer gut zu verfolgen. In drei Choralbearbeitungen aus dem dritten Teil der so genannten "Clavier-Übung" - "Kyrie, Gott Vater in Ewigkeit", BWV 669; "Christe, aller Welt Trost", BWV 670 und "Kyrie, Gott heiliger Geist", BWV 671 - wusste der Interpret den jeweiligen Cantus firmus (= die Melodie), der einmal im Sopran, einmal im Tenor und einmal im Bass auftritt, plastisch herauszuarbeiten. Von den sechs Orgelsonaten, die einen hohen spieltechnischen Anspruch haben und von deren "außerordentlicher Schönheit" schon Bachs Zeitgenossen schwärmten, hatte Rübsam die zweite in c-Moll BWV 526 gewählt. Seine durchsichtige Wiedergabe, nicht zuletzt dank einer farblich reich differenzierten Registrierung (abgesehen von einem unangenehm schrillen Register im abschließenden Allegro), machte den Vortrag zu einem besonderen Genuss. Den krönenden Abschluss des Orgelabends bildete die Passacaglia c-Moll BWV 582, die Johann Sebastian Bach bereits im Jahre 1714 schrieb. Anders als seine unüberhörbaren Vorbilder Buxtehude und Pachelbel weitete der Thomaskantor das Modell der Passacaglia (mit dem immer wiederkehrenden Thema im Bass) durch eine vollständig ausgearbeitete Fuge beinahe zu einem Satzpaar "Präludium und Fuge" aus. Rübsam wusste mit ausgefeilter Technik und einfallsreicher Registerwahl zu überzeugen und die Strahlkraft der Albiez-Orgel eindrucksvoll darzustellen.

Quelle: RP
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