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Serie Zu Gast . . . Im Bürgerbus
Ein Bus als eine permanente Nachrichtenzentrale

Kempen. Die Serie entführt an ungewöhnliche Orte und stellt Themen und Menschen in den Mittelpunkt, die sonst weniger Beachtung finden. Von Stephanie Wickerath

TÖNISVORST Wer wissen will, was es Neues im Dorf gibt, wer von wem geschieden ist, wer welche Krankheit hat, wessen Mann gestorben ist oder wer wo baut - der sollte mal eine Runde mit dem Bürgerbus fahren. Natürlich weiß ich nicht, ob das für alle Orte gilt, in denen Bürgerbusse fahren, in St. Tönis aber ist das so. "Ja, ich bin immer gut informiert", gibt Hans Georg Lünger zu, seit vier Jahren ehrenamtlicher Bürgerbusfahrer, fügt aber schnell hinzu, dass das natürlich auch an der täglichen Zeitungslektüre liege.

Lünger ist einer von 35 Fahrern und Fahrerinnen, die von montags bis samstags ihre Runden durch St. Tönis drehen. Etwa 40 Haltestellen gibt es im Stadtteil. "Das Ziel ist, dass niemand weiter als 200 Meter bis zu einer Haltestelle laufen muss", erklärt Horst Dicken, Vorsitzender des Vereins. Morgens um 6.40 Uhr startet die erste Fahrt. "Da fahren hauptsächlich Gäste mit, die zum Wilhelmplatz wollen, um von dort mit der Bahn nach Krefeld zu fahren", weiß Dicken, der selber auch als Bürgerbusfahrer aktiv ist. 1,30 Euro kostet die Fahrt für Erwachsene, 80 Cent für Kinder.

Emma Hüllemann ist eine der Mitfahrerinnen an diesem Vormittag. "Ich fahre gern mit dem Bürgerbus", sagt die 90-Jährige, "hier herrscht immer gute Stimmung." Heute allerdings ist die Stimmung etwas getrübt. Weil Hans Georg Lünger bereits mehreren Fahrgästen mit Rollator aus dem kleinen Bus hinein und hinaus helfen musste, hat er acht Minuten Verspätung. "Da kommst Du ja endlich", heißt es dann auch an der nächsten Haltestelle vorwurfsvoll. "Ich habe einen Arzttermin, ich muss doch pünktlich beim Doktor sein."

Auch Emma Hüllemann muss zu ihrem wöchentlichen Arztbesuch. "Ich lass mich immer vom Bürgerbus hinfahren und gehe zu Fuß zurück. So bleib ich fit", sagt die betagte Dame und lacht. Hans Georg Lünger gibt Gas, um die Verspätung wieder einzufahren. Ganz ohne Risiko ist das nicht. "Wenn ich ein Protokoll bekomme, muss ich das aus eigener Tasche zahlen", sagt der St. Töniser. Als er ein bisschen zu schnell über eine Straßendelle brettert, geht ein theatralisches Raunen durch den Bus. Mir wird schnell klar, dass der Bürgerbus mit seinen sieben Sitzen mehr ist, als ein Transportmittel. Hier kommt man sich näher, es wird gelacht und erzählt, jeder redet mit, auch wenn er - typisch Niederrhein - gar nicht weiß, worum es eigentlich geht. An der nächsten Haltstelle steigt Roswitha Cremer ein. "Ich denk schon: Wo bleibt er?", begrüßt sie den Fahrer. Die beiden kennen sich schon lang. Roswitha Cremer fährt oft montags mit dem Bürgerbus in die Innenstadt, wenn Hans Georg Lünger Dienst hat. Weil sonst niemand mehr im Bus ist - außer einer Journalistin, die alles mitschreibt - reden die beiden ganz ungezwungen über gemeinsame Bekannte.

Roswitha Cremer findet den Bürgerbus prima. "Ich fahre kein Auto mehr, und zu Fuß ist es zu weit ins Zentrum", sagt die 73-Jährige. Der Bürgerbus sei eine tolle Möglichkeit, mobil zu bleiben. "Außerdem lernt man hier viele Leute kennen", fügt die Seniorin hinzu. Meine Fahrt mit dem Bürgerbus ist zu Ende. Ich kann jetzt mitreden, wenn es um Klatsch und Tratsch im Ort geht, und ich weiß jetzt, wo ich recherchiere, wenn ich mal ein paar pikante Insider-Informationen zu Menschen oder Geschichten aus St. Tönis brauche.

Quelle: RP
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