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Kreis Viersen
Ein Kreis hat auch Ecken und Kanten

Kreis Viersen: Ein Kreis hat auch Ecken und Kanten
Das Kreishaus mit dem Sitzungstrakt (Forum, rechts) und dem Polizeigebäude links oben. Die Bürger konnten sich beim Tag der offenen Tür ein umfassendes Bild von seinen Aufgaben machen. FOTO: Kreis Viersen
Kreis Viersen. Zum 40-jährigen Bestehen des Kreises Viersen trafen sich geladene Gäste zu einem Festvortrag im Forum. Der Verfassungsrichter Prof. Peter Huber warb am Ende um Mut in der Politik, die Bürger mitentscheiden zu lassen. Von Ludger Peters

Ein Kreis muss nicht eine runde Sache sein. Dafür sorgen Elemente, die ein Kreis umschließt. Seit 40 Jahren füllen den "der Kreis Viersen" neun Städte und Gemeinden. Dass sie bis heute nicht immer diesem Kreis folgen möchten, hat ihm wenig geschadet. Im Gegenteil. Die Ecken und Kanten, die der Kreis Viersen sich seit 1975 bewahrt hat, sind sein unverwechselbares Charakteristikum. Das ist auch gut so.

Landrat Peter Ottmann hatte zur Geburtstagsfeier ins Forum eingeladen. Das Gebäude ist eine runde Sache und bestens geeignet für festlich-formale Veranstaltungen. Nach dem neuen achtminütigen Image-Video stellte der Landrat fest, der Kreis sei "in den besten Jahren". Gemessen an einem Menschenalter ist das so. Vollendet ist er nicht. Und so gab Ottmann diesem Satz am Ende seiner Rede eine andere Richtung. "Möglicherweise hat er die besten Jahre aber auch noch vor sich - wer weiß?"

Wie flüchtig ein solches kommunales Gebilde ist, zeigt ein Blick in die Geschichte. Die Preußen hatten nach Napoleons Niederlage das Rheinland neu geordnet und 1918, also vor 199 Jahren, den Grundstein für jene kommunalen Strukturen gelegt, die im Laufe der Zeit immer wieder einmal verändert, angepasst oder erneuert wurden. Die vielen Bürgern meist verborgen bleibende Funktionalität der Kreisverwaltung fächerte der Landrat in seinen Grußworten an die Gäste im Forum auf. Der Kreis sei "kein anonymes Gebilde", sondern erfülle viele ihm zugeordnete Aufgaben.

Dennoch. Der Kreis ist vielen Bürgern ein Buch mit sieben Siegeln, stellte nach ihm Dr. Martin Klein fest. Der Hauptgeschäftsführer des Landkreistages unterstrich die Aufgabe von Städten, Gemeinden und Kreis: "Sie sind der kommunale Bürgerservice, ohne Rücksicht auf Zuständigkeiten", sagte er. Im Vergleich zu Großstädten sei diese Gliederung deutlich bürgernäher. In Landkreisen gebe es sehr viel mehr ehrenamtliche engagierte Menschen als in Großstädten, weil sich darin "Nachbarn noch um Nachbarn kümmern". Längst habe das "platte Land" eine Entwicklung genommen, die es auf Augenhöhe zu Großstädten gebracht habe.

Klein warnte Verwaltung und Politik vor strukturellen Veränderungen, die immer wieder diskutiert werden. Das gelte für den Hang zur Privatisierung, für vermeintlich vorteilhafte steuerliche Konstruktionen und andere, oft risikoreiche Grundsatzentscheidungen.

Festredner Prof. Peter Huber beleuchtete in seinem Vortrag die Bedeutung der kommunalen Strukturen in Deutschland. Der Richter am Bundesverfassungsgericht, der Innenminister in Thüringen war, wies auf die Verankerung kommunaler Strukturen im deutschen Recht hin. Im Vergleich mit anderen europäischen Ländern seien sie in Deutschland viel gefestigter und gefeit gegen Versuche, sie von oben her aufzuweichen.

Am Ende rief er dazu auf, Mut für direkte Demokratie zu zeigen. In seiner bayerischen Heimat seien Bürgerentscheide vielleicht lästig, aber im Ergebnis oft positiv, befruchtend und von der anfangs widerstrebenden Politik anerkannt. Besonders großen Beifall erhielten zwei junge Musiker, die die Festveranstaltung mit ihren Beiträgen bereicherten. Philipp Weber spielte mit der Gitarre "Bouree" von Johann Sebastian Bach und "Danza Brasilera" von Jorg Morel. Der bei Wettbewerben erfolgreiche Elfjährige ist Schüler der Kreismusikschule Viersen. Das gilt auch für Sophie Stein. Die 14 Jahre alte Oboistin beeindruckte die Zuhörer im Forum mit zwei Sätzen aus den Metamorphosen von Benjamin Britten: "Pan" und "Niobe".

Quelle: RP
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