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Stadt Kempen
Ein melancholischer Abend voller Liebeslieder

Stadt Kempen. Die Kölner Jazzsängerin Ariane Jacobi trat mit ihrer Band in der Kempener "Haltestelle" vor einem vollen Haus auf. Von Heribert Brinkmann

Bei ihrer Vorliebe für Swing, für die großen Songs etwa von Frank Sinatra, hätte Ariane Jacobi eigentlich eine Bigband gebraucht. Doch die Kölner Jazzsängerin stand in der Kempener "Haltestelle" "nur" mit einem Trio - Klavier, Bass, Tenorsaxofon - auf der Bühne. Ariane Jacobi sucht auch nicht den großen Auftritt, die Glitzershow mit Treppchen und Saal-Feuerwerk. Sie gestaltete ihren Auftritt mehr kammermusikalisch, setzte voll auf ihre tolle tiefe Stimme - und auf drei hervorragende Musiker: den Kölner Martin Sasse am Flügel, den Dortmunder Ingo Senst am Bass und den Niederländer Peter Peuker am Tenorsaxofon.

Natürlich hat Jacobi viele Vorbilder und interpretiert große Hits großer Starts. Aber die Nummern werden keine Zeitreise in frühere Jahrzehnte. Ohne die vielfach gesungenen Lieder zu verbiegen, interpretiert sie die bekannten Standards als ihre Songs. Ariane Jacobi sang in Kempen von der großen Sehnsucht nach Liebe, nach Nähe und Erfüllung. Was zu der Entstehungszeit der Songs den Hörern oft für ein paar Minuten eine Flucht in eine bessere Welt bescherte, wirkt auch heute noch.

Als Kind habe sie unter ihrer tiefen Stimme gelitten, erzählt sie. Heute ist sie ihr Kapital. Sie ist Sängerin, Radiojournalistin und Stimmtrainerin. Über die afroamerikanische Musik ist sie zum Jazzgesang gekommen. Eigentlich wollte sie Stepptanz lernen, als sie in einem Kölner Tanzstudio über das Bild von Billie Holiday stolperte und sofort in deren Platten reinhörte, als sie erfuhr, um wen es sich handelte. Große Jazzsängerinnen wie Billie Holiday und Ella Fitzgerald wurden ihre Vorbilder, aber auch die Songs von Frank Sinatra gehören zu ihrem Repertoire. Großartige Lieder wie "Do Nothing till you hear from me" (Duke Ellington) hat Ella Fitzgerald vor fast 60 Jahren gesungen, bei Ariane Jacobi klingen es frisch und neu, keineswegs wie Ohrwürmer. Und auch "Sunday in New York" ist eine wundervolle Melodie, auch wenn das Theaterstück oder auch der Film (1963 mit Jane Fonda) heute so aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Man spürt, wie intensiv sie die Lieder zu ihren eigenen macht. Sie sitzt auf ihrem Barhocker, fast in sich gekehrt. Manchmal erscheint es, als ob sie für sich selbst sinnt, so wie die Melodien nachhört, weniger an ein direktes Gegenüber gewandt.

Getragen wird ihr Konzert von drei fantastischen Musikern - auch wenn in Kempen die Stimmung untereinander nicht ganz stimmte. Der Coolste im Männertrio ist Saxofonist Peter Peuker, als Mitglied des Glenn Miller Orchestras Europa hat er den Swing verinnerlicht. Pianist Martin Sasse und Bassist Ingo Senst sind da wesentlich mehr im Heute beheimatet. Ariane Jacobis Stimme hält diese Spannung aus, sie wirkt perfekt als eine Frau von heute, die in der Songwelt von gestern zu Hause ist und diese für uns heute neu übersetzt.

Quelle: RP
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