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Serie Kempen In Der Nachkriegszeit (11)
Ein Silberstreifen am Horizont

Serie Kempen In Der Nachkriegszeit (11): Ein Silberstreifen am Horizont
Die Wiederherstellung der durch Kriegsbomben schwer beschädigten Propsteikirche schreitet voran. Am 24. September 1948 setzen auf dem neu eingeschalten Turm der Zimmermeister Johann Derpkens und sein Geselle Peter Hinsen die Fahne für ein Kirchenfest. 1950 schließt ein Festzug den Wiederaufbau der Kirche ab. FOTO: Willy Derpkens
Kempen. Nachkriegszeit: Anstrengender Alltag, vom Zwang zum Überleben bestimmt. Aber hier und da zeigt sich ein Licht am Ende des Tunnels. Mit grotesken Episoden jener Zeit, mit Anzeichen für bessere Zeiten schließt unsere Serie. Von Hans Kaiser

kempen Der Weg in eine bessere Zukunft beginnt mit Bier. Am 1. Mai 1945 genehmigt die Militärregierung die Wiedereröffnung der Kempener Gaststätten. Zwar: Der Ausschank von Alkohol ist noch verboten, aber: "Dünnbier gilt nicht als alkoholisches Getränk." Mit Brauchtumspflege setzt sich der Fortschritt fort. Am 10. November 1945 zieht wieder ein Martinszug durch die halbzerstörte Stadt, doch sind ihm die vom militärischen Besatzungs-Verkehr frequentierten Hauptstraßen verwehrt, und den Musikkapellen hat der britische Kommandant "Militärmusik und nationalsozialistische Weisen" untersagt - ein Gebot, das sich von selbst versteht.

Es gibt wieder Zeitungen, aber jede ist das Sprachrohr einer politischen Partei: Ab dem 18. Juli 1945 erscheint die "Neue Rheinische Zeitung" (NRZ), zunächst noch "Rheinecho" genannt und der SPD nahe stehend. Anfang März 1946 kommen die "Rheinische Post" (CDU) und die "Freiheit" (KPD) heraus. Die "Westdeutsche Zeitung" hingegen, die ab dem 1. Juli 1948 zu haben ist, fühlt sich laut Unterzeile "dem Volke, keiner Partei verpflichtet".

Der Hunger auf Kultur ist groß. Im Dezember 1945 startet der Kolping-Präses, der katholische Kaplan Paul Siepen, im Kolpinghaus Vorträge zu kulturellen und religiösen Themen. Vor allem Flüchtlinge strömen herbei, um seelisch aufzutanken. Bei diesen Veranstaltungen des "Kempener Kulturrings" sind 5-600 Zuhörer keine Seltenheit. Aber erst am 20. Mai 1946 kann Kolping sein Haus offiziell wieder beziehen, nachdem seine Brüder es mit großem Aufwand instandgesetzt haben. Dort untergebrachte befreite russische und polnische Zwangsarbeiter hatten vieles weggeschleppt und demoliert. Am Heiligen Abend klettern sechs Kolpingbrüder in den Turm der zerstörten Propsteikirche und läuten die ganze Nacht hindurch das Weihnachtsfest ein - mit den beiden übrig gebliebenen Glocken, die man im Krieg nicht in die Schmelze transportiert hat.

Bis 1950 gilt die Lebensmittelkarte. Mit den hier abgebildeten Zuteilungen musste Heinrich Brünsing, später Inhaber der Kempener Löwen-Apotheke, einen Monat lang auskommen. FOTO: Familie Brünsing

Die Kolping-Familie! 1947 veranstaltet sie ihre erste Karnevalssitzung nach dem Krieg mit neu gewähltem Elferrat. "In jener schlimmen Zeit diente Karneval dem seelischen Wiederaufbau in ähnlicher Weise wie der Gottesdienst", hat der 2005 verstorbene Nachkriegsveteran Rudolf Körvers berichtet. Aber die äußeren Mittel waren dürftig: Krepprollen, bei Gebrüder Poethen (Mülhauser Straße) erstanden, wurden zu Girlanden zusammengedreht. Wilhelm und Ludwig Krabler - Vater und Sohn und beide gestandene Schlosser - machten die Sitzungen technisch durchführbar, indem sie Drähte spannten und Aufbauten fertigten. "Das", hat Körvers im Rückblick festgehalten, "war eine der schönsten Dekorationen, die uns je gelungen ist - vielleicht, weil die Begeisterung noch ganz ursprünglich war."

Unvergessen heute noch: die Aufführungen von Hugo von Hoffmannsthals "Jedermann" im Hof der Kempener Burg im Sommer 1948. "Vom Balkon des Baulenkungsamtes sprach der Tod in das Rauschen der alten Kastanienbäume", hat sich der Kempener Journalist und Übersetzer Walther Schwerdtfeger erinnert. "Auf den Stufen zum Hof saß die Buhlschaft und drehte sich aus dem Tabak von gesammelten Kippen Zigaretten. Die Souffleuse wurde in einem Gebüsch einquartiert. Tausend Menschen sollten täglich nach Kempen zu den Aufführungen gebracht werden. Sonderomnibusse waren gemietet worden, Bänke und Stühle aufgebaut. Der Verkehr wurde umgeleitet. Schüler des Thomaeums wurden als Statisterie angeheuert. Für die Hauptrolle holte man sich Gäste aus Düsseldorf, München und Berlin. Sie kamen, denn sie hofften in Kempen mehr zu essen zu haben als in den Großstädten. Die Generalprobe war eine Katastrophe. Doch der alte Bühnenaberglaube bewährte sich. Sechs Vorstellungen wurden nicht nur ausverkauft; an manchem Abend musste man noch bis zu zweihundert Stühle aus den Wohnungen in der Nachbarschaft für die Zuschauer entleihen."

Erfreulich: Am 29. Juni 1946 trifft die Genehmigung der Militärregierung zum Wiederaufbau der Propsteikirche ein. Kempens letzter Bombenangriff am 2. März 1945 hat sie schwer beschädigt. Es freut die Kempener, dass Glocken ihrer Kirche, die man im April 1942 zum Einschmelzen aus dem Turm geholt hat, unter eifrigem Mittun der Bevölkerung nun an ihren Platz zurückkehren. Vor allem dem unermüdlichen Einsatz von Bäckermeister May Verheyen ist es zu danken, dass drei der fünf beschlagnahmten Glocken sich in Hamburg-Wilhelmsburg wiederfinden und am 19. September 1947 in den Stuhl hinauf gewunden werden. Fritz Steinhauer, von 1906 bis zu seiner Absetzung durch die Nazis 1942 Beamter bei der Kempener Stadtverwaltung und nun Amtsbürgermeister im Eifelort Kempenich, besorgt auf Bitten von Propst Wilhelm Oehmen Eifel-Tuffstein zum Wiederaufbau.

Ein Freudentag auch, als am 20. Mai 1948 die evangelische Gemeinde in ihre am 10. Februar 1945 durch Bomben beschädigte Kirche zurückkehren kann; drei Jahre lang hat der Rokoko-Saal des Kramer-Museums als Ausweichstätte für den Gottesdienst gedient. Teilnehmer an der feierlichen Einweihung des Gotteshauses unter dem unverzagten Pfarrer Herman Hartke: Die CVJM-Gruppe, die 1947 unter Günter Reiher in einem Luftschutzkeller an der Tiefstraße entstanden ist. Einen Tag zuvor hat Heinrich Lübke, von 1959 bis 1969 Bundespräsident, Kempen besucht. Aber damals ist er noch nordrhein-westfälischer Ernährungsminister und veranlasst, dass ein Teil des Kreisernährungsamtes von Krefeld nach Kempen verlegt wird.

1945 ist die Stadt noch voller Schutt. Zum Jahresende kündigt Bürgermeister Peter Kother an, nun würden die wilden Müllabladeplätze im Stadtbild endlich verschwinden, denn die Verwaltung wolle jetzt für eine ordnungsgemäße Müllabfuhr sorgen. Erst nach Ostern 1947 kann man planmäßig mit der Enttrümmerung der Altstadt beginnen. Wichtigstes und sichtbarstes Zeichen des Neubeginns aber ist die in aller Heimlichkeit vorbereitete Währungsreform am Sonntag, 20. Juni 1948. Sie stellt die Wirtschaft auf gesunde Füße und macht ein Ende mit Bezugsscheinen und Schwarzhandel. Die Regale füllen sich wieder mit Waren. Jeder Einwohner erhält an diesem Sonntag von den 60 Mark Kopfquote, die ihm insgesamt zustehen, 40 in der neuen Deutschen Mark ausgezahlt. Es ist der Anfang vom Ende der Nachkriegszeit.

In Kempen fällt der "Tag X" mit der Sommerkirmes zusammen. Das führt zu grotesken Situationen. Auf der Kirmes treten die Schausteller in den Streik, weil sie ihre Platzmieten und Steuern an die Stadt in der neuen DM-Währung bezahlen sollen, die Einnahmen aber noch in Reichsmark kassieren. Buden und Fahrgeschäfte bleiben also dicht.

Einen Tag vor dem Geldumtausch, am Samstag, 19. Juni, hat die St. Michaelis-Männer-Schützenbruderschaft ihr erstes Fest nach dem Krieg begonnen. Nach den verheirateten Bruderschafts-Mitgliedern werden die Michaelis-Schützen kurz "Männ" genannt. Zu Pfingsten haben sie Bernhard Messing zum König ausgeschossen - mit der Armbrust, denn den Gebrauch von Gewehren hat die Militärregierung verboten. Angesichts der nicht eingeplanten Währungsreform unterbrechen die "Männ" am Sonntag ihr Fest. Aber beim großen Königsgalaball am Dienstag in der Königsburg/Donkring wird schon mit dem neuen Geld bezahlt. Und die Königsburg-Wirtin, Maria Peters, gilt als "reichste Frau in Kempen", hat sie doch 2800 DM eingenommen. Alles druckfrische Scheine.

(Ende der Serie)
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