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Kempen
Eine ganze Stadt vom Festival erfasst

Kempen: Eine ganze Stadt vom Festival erfasst
"Radio Kinshasa" war ein Projekt, das Musiker aus Kongos Hauptstadt Kinshaa mit europäischen Musikern zusammenbrachte und nach wenigen Proben auf die Bühne der Festivalhalle entließ. FOTO: MOERS FESTIVAL
Kempen. Das Moers Festival stand in diesem Jahr unter der neuen Leitung von Tim Isfort. Er brachte das Festival wieder ganz in die Stadt zurück. Auch der Grefrather Jazztrompeter stand auf der Bühne der Festivalhalle. Von Heribert Brinkmann

Auch mit einem Abstand von gut zwei Wochen ist die Erinnerung an das Moers Festival immer noch frisch. Die Neugier war groß, was der neue künstlerische Leiter Tim Isfort denn anders macht, was er nach relativ kurzer Zeit so alles aus dem Hut zaubert. Und es war grandios, zu beobachten, wie ganz Moers vom Festival erfasst wurde, wie es gelang, Besucher und Passanten zusammen zu bringen. Fast 60 Konzerte in der Innenstadt, im Schlosspark und im neu gestalteten Festivaldorf, zwölf an weiteren Spielorten wie die "Röhre" und "Bollwerk 107" und dazu 24 in der Festivalhalle am Solimare - das war eine gigantische Leistung. Für den Besucher der Festivalhalle bestand allerdings immer die Gefahr, etwas zu verpassen. Niemand konnte gleichzeitig hier und da sein. Man musste sich vorher entscheiden, wohin man ging, oder bequem an einem Ort bleiben und auf den Rest verzichten.

Mit viel anarchischem Charme war auch das Festivaldorf geöffnet worden, Sessel aus Palettenholz waren beim Dorfplatz um eine kleine Bühne gruppiert, die es auch Flaneuren ohne Festivalkarte ermöglichte, ein wenig Festivalluft zu schnuppern, vor allem kostenlos live gespielte Musik zu erleben. Die Mittel fürs Festival sind begrenzt, und werden es wohl auch bleiben. Da wird man die ganz großen Acts nicht einladen können, aber auch so blieb die Mischung im Programm spannend, überraschend, abwechslungsreich und auf hohem Niveau. Der Moerser Bassist Tim Isfort ist als Musiker gut vernetzt - und er ist mit dem Festival aufgewachsen, ja fast sozialisiert worden. So gibt es quasi auch einen Brückenschlag von früher, von den Anfängen, ins Heute. Von den Programmmachern war es immer ein Generationensprung. Gründer und langjähriger Leiter Burkhard Hennen ist Jahrgang 1944, sein Nachfolger Reiner Michalke 1956, Tim Isfort wurde 1967 geboren.

Tim Isfort zeichnet sich durch einen wunderbar trockenen Humor aus. So lud er zu Diskussionen auf die Bühne ein, die dadaistische Unsinnsperformance mit den heute so beliebten Talkshows im Fernsehen verband. Ein wahres Feuerwerk, das Jaap Blonk, Kim Bode, Catherine Jauniaux und David Boss entzündeten. Der New Yorker Boss war bereits in den 1980er nach Moers gekommen.

Der Grefrather Musiker Markus Türk, Trompeter und Leiter der Kempen Big Band, war auch 2017 wieder beim Moers Festival dabei. Zusammen mit "The Dorf" (dort spielte Tim Isfort den Bass) war er allein dreimal in Moers dabei, im Rahmenprogramm sowieso schon öfter. Diesmal machte er beim Projekt Radio Kinshasa mit Musikern aus dem Kongo mit. Mit den kongolesischen Musikern gibt es eine Partnerschaft mit jungen Musikern in Wuppertal, Bella Congo genannt. Türk war zwei Wochen in Wuppertal, um zusammen zu proben. Bei der Aufführung "Le Main" ("Die Hand") war er zweimal in Wuppertal dabei, außerdem eine Woche lang beim Kirchentag in Berlin.

Für das Moers Festival waren vier Musiker aus Kinshasa angekündigt, einer kam nicht mit, er besaß keinen Pass und erhielt somit kein Visum. Die Proben und der Auftritt waren für Türk eine tolle Sache, bei den kurzen Proben aber extrem schwierig. Markus Türk war der einzige, der leidlich Französisch sprach und so bei den Proben dolmetschen musste. Am Samstag stellte sich ein Riesenproblem ein, als sich herausstellte, dass der Schlagzeuger abgehauen war. Er verschwand einfach. Die letzten Proben für den Auftritt am Sonntag waren so ein ungemeiner Kraftakt, doch die Aufführung hat funktioniert. Mit Türk auf der Bühne war auch der weißrussische Saxofonist Pawel dabei, der nur mit einer kurzen Jogginghose auf die Bühne ging. Der Zwei-Meter-Mann will nur Jazz spielen, was er in seiner Heimat nicht kann. Und so arbeitet er eben als Bodybuilding-Trainer - was man ja mal vorzeigen kann.

Quelle: RP
 
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