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Stadt Kempen
Eine Geschichte, die jeden berührt

Stadt Kempen. Sally Perel war anlässlich des Holocaust-Gedenktags zu Gast in der Erich Kästner Realschule. Er erzählte den Schülern der 10. Klassen von seinem Schicksal als Jude in Deutschland während des Nationalsozialismus. Von Sonja Lamers

"Sally, mein Sohn, geh, du sollst Leben". Dies sind für Sally Perel (eigentlich Salomon Perel) magische Worte. Es sind die letzten, die seine Mutter zu ihm sagte, als sie ihn 1939 wegschickte, denn sie ahnte: Als Jude kommt man ins Lodzer Ghetto rein, aber nicht mehr raus. "Du sollst leben", dachte Sally Perel, als er 1941 in der Nähe von Minsk von einem Soldaten der Wehrmacht gefragt wird, ob er Jude sei. Er antwortete:"Nee, ich bin doch kein Jude, ich bin Volksdeutscher." Er verleugnete sein Judentum und gewann damit sein Leben, denn er hatte Glück, der Soldat glaubte ihm. Andere Männer mussten ihre Hose runterlassen, um zu zeigen, ob sie beschnitten sind. Die Juden wurden in einen Wald geführt und erschossen. Nicht aber Sally Perel.

Damals war er 16 Jahre alt. Heute ist er 90. Ein kleiner sympathischer Mann mit weißem, schütterem Haar. Er sitzt im schwarzen Anzug auf der Bühne in der Aula der Erich Kästner Realschule und berichtet den rund 150 Schülern der 10. Klassen von seinem unglaublichen Überlebensweg. Es ist der Zeitzeugenbericht eines Juden, der 1925 in Peine, nahe Braunschweig, geboren wurde. Er war noch ein Kind, als Adolf Hitler an die Macht kam. "Ich hatte zehn glückliche Kinderjahre in Peine, es ist wie ein schöner Traum, der jäh unterbrochen wurde", erinnert sich Sally Perel.

Seine Familie emigrierte 1935 nach Lodz in Polen, wo "1939 wieder das ganze Leben zusammenfällt". Die 300.000 Juden von Lodz kamen ins Ghetto. "Ich frage mich bis heute, woher meine Mutter die Kraft genommen hat, mich wegzuschicken, denn meinen Eltern muss klar gewesen sein, dass es ein Abschied für immer ist."

In der Aula ist es mucksmäuschenstill. Die Zuhörer sind gebannt von Sally Perels Lebensgeschichte. Seine Worte sind eindringlich und lassen niemanden unberührt. Sein Deutsch ist perfekt, auch wenn er seit 68 Jahren in Israel lebt. Sally Perel sagt, er habe seine deutsche Muttersprache im Exil gepflegt.

In Wehrmachtsuniform eingekleidet zog Sally Perel als volksdeutscher Joseph "Jupp" Perjel mit der 12. Panzerdivision nach Osten, wurde dann aber nach Braunschweig in eine Schule der Hitlerjugend abkommandiert. Vier Jahre blieb er dort. "Für mich waren es nicht vier Jahre, es waren vier Ewigkeiten. Ich überlebte unter den Nazis, ich versteckte mich unter dem Todfeind." Es klingt paradox, aber in dieser Zeit fängt Sally Perel an, sich mit der nationalsozialistischen Ideologie zu identifizieren und er schafft es, seinen Zuhörern eindringlich zu vermitteln, wie dies möglich war. "Den Nazis ist es gelungen, die Gehirne der deutschen Jugend zu vergiften und selbst mein Gehirn haben sie vergiftet." Selbst er habe nicht genügend Immunität besessen, sich dagegen zu wehren. Sally Perel zerriss es innerlich: "Zwei tödlich verfeindete Seelen lebten in mir: der Nazi und der Jude. Und bis heute ist meine Seele kein Ganzes geworden."

1948 emigrierte Sally Perel nach Israel, wo er 1990 seine Autobiografie unter dem Title "Ich war Hitlerjunge Salomon" herausbrachte. Das Buch wurde unter dem Titel "Hitlerjunge Salomon" verfilmt.

Quelle: RP
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