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Blickpunkt Alter
Endlich im Ruhestand angekommen

Kempen. Nach einem fünfmonatigem Rentnerdasein hat sich jetzt der Ruhezustand eingestellt. Es hat bei mir ein bisschen gedauert, und ich weiß auch nicht, wie lange der Zustand anhält, aber jetzt ist er da. Nach einer vierwöchigen Fahrradtour dachte ich am letzten Tag noch, dass dies mein letzter Urlaubstag sei und ich wieder ins Büro müsste. Es war die gleiche Anspannung, mit der ich mich Jahrzehnte lang nach dem Jahresurlaub auf das Ende der frei verfügbaren Zeit und auf den Beginn des Arbeitsalltages umgestellt habe. Aber jetzt nach einem weiteren zweiwöchigen Urlaub erlebe ich den wohligen, tiefenentspannten Ruhestand. Es gibt nichts, über das man sich wirklich Sorgen machen oder aufregen müsste. Die Zeit läuft nicht davon. Ich kann nichts wirklich Wichtiges verpassen oder versäumen. Ich muss mich noch nicht mal beeilen, um den Zug zu erreichen. Ich erlaube es ihm, mir vor der Nase wegzufahren. So hat der nächste Zug das Vergnügen, mich zu befördern. Es gibt keinen Termindruck, keine Verpflichtung. Ich bleibe stehen, wann es mir gefällt, betrachte einen Stein, eine Blume, einen Baum, lege mich an einen See und träume. Das reine Nichtstun, ganz ohne schlechtes Gewissen. Und das Tollste: ich werde auch noch für das Nichtstun bezahlt. Die Rente kommt verlässlich und pünktlich jeden Monat. Dieser Zustand ist tatsächlich die Erfüllung des Traumes vom wohlverdienten Ruhestand. "Das haben wir uns aber auch verdienst", stellt ein Freund zufrieden fest. Wirklich? Haben wir uns diese Annehmlichkeit verdient, ja erarbeitet? Eigentlich nicht, denn wir gehören der glücklichen Generation an, die sich wegen der Altersversorgung keine Gedanken machen musste. Man wurde und wird versorgt.

Vielen unserer Kindern und Enkelkindern wird ein auskömmliches Rentnerdasein nicht mehr vergönnt sein. Die Sozialsysteme, die noch den Ruhestand finanziell absichern, werden immer löcheriger. Deshalb freue ich mich über mein Wohlergehen und bin dankbar, aber nicht selbstzufrieden.

Erich Schützendorf war Fachbereichsleiter Fragen des Älterwerdens und Direktor der Kreis-Volkshochschule Viersen. Außerdem ist er Vorstandsmitglied im Förderverein des Oedter Altenzentrums.

Quelle: RP
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