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Serie Jubiläum Des Luise-Von-Duesberg-Gymnasiums (5)
Endlich wieder eine Oberstufe

Serie Jubiläum Des Luise-Von-Duesberg-Gymnasiums (5): Endlich wieder eine Oberstufe
Im Dezember 1946 führt die Schule im Kolpinghaus ihren ersten Elternabend nach dem Krieg durch - unter anderem mit der Aufführung der "Kempener Spinnstube", die von alten Traditionen und Gebräuchen handelte. FOTO: LvD-Archiv
Kempen. Seit 1947 führt die Kempener Mädchenoberschule wieder zum Abitur - ein wichtiger Schritt auf dem Weg zum heutigen Luise-von-Duesberg-Gymnasium. Dagegen scheitert der Versuch, die Anstalt in eine private Ordensschule zurückzuverwandeln. Von Hans Kaiser

1947, in diesem Jahr vor 70 Jahren: Der Fortbestand der Städtischen Mädchenoberschule scheint gesichert. Am 15. Oktober 1945 ist sie nach dem Krieg unter großen Schwierigkeiten wieder eröffnet worden - im alten Lyzeum-Gebäude, Vorster Straße 8, denn das eigentliche Schulgebäude am Moorenring 1 haben Bomben schwer beschädigt. Weil die Zahl der Schülerinnen steigt und das Gebäude des Lyzeums an der Vorster Straße zu klein wird, zieht die Schule Ende August 1946 in die für sie frei gemachte Mädchenvolksschule am Hessenring 17, auf dem Gelände des heutigen Lebenmittelmarktes. In dieser ersten Phase nach dem Krieg verfügt sie nur über die Klassen "Sexta" bis "Untersekunda", die man heute "Klassen fünf bis zehn" nennen würde. Seit April 1946 trägt die Mädchenoberschule wieder die Bezeichnung "Lyzeum", wie schon von 1909 bis 1938. Am Hessenring beginnt der Wiederaufbau zur vollgültigen Oberschule.

Denn seit Ostern 1947 wird schrittweise wieder eine Oberstufe eingeführt, wie sie die Schule bis zu ihrer durch den Krieg erzwungenen Stilllegung im Oktober 1944 schon besessen hat. Die neue Oberstufe umfasst zunächst nur die Obersekunda (heute: Klasse 11). Zwei Jahre später, zu Beginn des Schuljahres 1949/1950, ist ihr Aufbau mit der Einführung der Oberprima (heute: Klasse 13) abgeschlossen. Damit ist die Schule wieder eine vollwertige Mädchenoberschule. Folglich erhält sie am 5. Dezember 1947 einen neuen Namen. Aus dem "Städtischen Lyzeum" wird nun eine "Städtische Studienanstalt mit Lyzeum". Die komplizierte Bezeichnung bedarf einer Erklärung: Das "Lyzeum" umfasste die ersten sechs Klassen. Hier wurde Englisch und Französisch unterrichtet, und es schloss nach der Untersekunda (heute: Klasse 10) ab. Damit ähnelte es einer heutigen Realschule. Die "Studienanstalt" hingegen erhob Anspruch auf wissenschaftlich fundierten Unterricht und nahm als dritte Fremdsprache Latein hinzu. Sie bestand aus der neu geschaffenen Oberstufe und führte mit der Obersekunda, Unter- und Oberprima zum Abitur. Als Folge der Erweiterung um eine Oberstufe, die der Vorbereitung auf das Universitätsstudium diente, wurde die bisherige Schulleiterin, die Oberstudienrätin Dr. Katharina Sittartz, 1947 zur Studiendirektorin befördert. Als die Schule dann 1950 über eine Abitursklasse verfügte und damit ein voll ausgebautes Gymnasium war, wurde sie Oberstudiendirektorin. Fazit: 1947 ist die Städtische Oberschule für Mädchen wie der Phönix aus der Asche wiedererstanden und auf dem Weg zum Gymnasium. Aber nun wird ihr Bestand als öffentlich-rechtliche Anstalt in Frage gestellt. Bis Ostern 1938 hat die höhere Mädchenschule in Kempen unter der Leitung der Schwestern vom Orden Unserer Lieben Frau gestanden. Eine Ordensschule soll sie jetzt wieder werden, das verlangt jedenfalls der Kempener Propst Wilhelm Oehmen. 1947 weist er auf die unrechtmäßige Aufhebung der Ordensschule durch die Nationalsozialisten hin und fordert, die Mädchenschule in eine kirchliche Schule zurückzuverwandeln und den Schwestern des Ordens Unserer Lieben Frau in Mülhausen zu unterstellen. Damit hätte er fast Erfolg gehabt. Oehmen hatte die bischöfliche Zentrale für Ordensschulen in Köln eingeschaltet, und deren Drängen gab die Schulaufsichtsbehörde in Düsseldorf schließlich nach.

Züchtig im Stil der Fünfziger Jahre: Die Untersekunda (heute: Klasse 10) 1954 vor dem Schulgebäude am Moorenring. FOTO: Foto Kreisarchiv Viersen

Sie stellte nur noch die Bedingung, dass die Lehrkräfte der Kempener Mädchenoberschule bei ihrer Übernahme durch die katholische Kirche ihren Beamtenstatus beibehalten durften. Wäre das so gekommen, gäbe es heute neben der katholisch orientierten Privatschule in Mülhausen eine weitere in Kempen statt des städtischen Luise-von-Duesberg-Gymnasiums.

Aber Oehmens Wunsch der Rekatholisierung scheiterte. Die Bürgerschaft und das Schulkollegium leisteten Widerstand; wohin hätten die evangelischen Schülerinnen gehen sollen, die es mittlerweile in großer Zahl an der Mädchenoberschule gab? Der Widerstand erboste den temperamentvollen Geistlichen und veranlasste ihn zu einer Eigenmächtigkeit. Im Mai 1947 forderte er in der Propsteikirche von der Kanzel herab die Rückgabe "seiner Schule". Der öffentliche Protest, der sich daraufhin erhob, veranlasste den damaligen Aachener Bischof Johannes Joseph van der Velden, einen Bevollmächtigten nach Kempen zu schicken, der sich im Namen des Bischofs von Oehmens Äußerungen distanzierte. Van der Velden billigte Oehmens Vorstoß nicht. Bereits im Herbst 1945 hatte er in einem Gespräch mit der Schulleiterin Dr. Katharina Sittarz erklärt, dass er den öffentlich-rechtlichen Charakter ihrer Schule angesichts des christlichen Geistes, der in ihr herrschte, voll und ganz anerkenne. Am 22. September 1948 verzichtete die katholische Kirche endgültig auf ihre Ansprüche.

Elf Tage später, am 2. Oktober 1948, kehrten die ersten drei Klassen der Mädchenoberschule wieder in ihr altes, im Krieg durch Bomben verwüstetes Schulgebäude am Moorenring 1 zurück. Bis zur Währungsreform am 20. Juni 1948 war die Instandsetzung nur schleppend vorangekommen. Erst als die wertlose Reichsmark durch die DM ersetzt worden war, als Leistung sich wieder lohnte, fanden sich genügend Handwerker, und im September war der Rohbau fertig.

Am 29. und 30. Oktober folgten die restlichen sieben Klassen. Zu früh, wie sich bald herausstellte. Das Erdgeschoss stand noch nicht zur Verfügung. An manchen Stellen klafften noch Lücken im Baukörper. Er konnte nicht austrocknen, und die kostbare warme Luft der Schulheizung entwich teilweise nach draußen. Als wegen morscher Tragbalken über der Turnhalle im Erdgeschoss drei Decken einstürzten, mussten in sämtlichen Klassenräumen die Fußböden wieder aufgerissen werden. Resultat: Baulärm und Schmutz, und teilweise musste der Unterricht wieder in andere Kempener Schulen verlegt werden. Erst zu Ostern 1949 war die Wiederherstellung im Wesentlichen abgeschlossen. Aber erst 1952 waren die letzten drei Klassen und das zerstörte Haupttreppenhaus wieder hergerichtet. Indes: "Die Freude am Wachstum, am Wiederaufstieg erhielt uns alle bei gutem Mut, förderte das Verhältnis zwischen Lehrern, Schülerinnen und Eltern", schreibt eine Lehrerin über diese Zeit.

Im März 1950 legten die ersten 18 Mädchen ihre Reifeprüfung ab. Hinter ihnen lag ein immenses Arbeitspensum: Allein für den Deutschunterricht hatten sie als Hausaufgabe 21 umfangreiche Lektüren lesen müssen, meist aus der klassischen Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts. Auch ihre Aufsatzthemen schienen aus dem Biedermeier zu stammen und spiegelten das Frauenbild der konservativen 1950er-Jahre. Ein Beispiel: "Es gibt keine Lage, die man nicht veredeln kann durch Leisten oder Dulden." Das entsprach dem allgemeinen Unterrichtsstil, der Kritik und jede politische Diskussion ausschloss. Die Auseinandersetzung mit dem "Dritten Reich" wurde noch lange ausgespart. Wie autoritär die Schule damals noch war, zeigt 1950 die Anweisung an alle Schülerinnen, an keiner öffentlichen Fastnachtsveranstaltung teilzunehmen und an privaten nur in Begleitung der Eltern.

Im September 1950 bekam die "Städtische Studienanstalt mit Lyzeum" einen neuen Namen: "Städtisches neusprachliches Mädchengymnasium". Die Schule sollte ihn bis zum 4. Juni 1980 tragen - dem Tag, an dem sie ihren heutigen Namen "Luise-von-Duesberg-Gymnasium" erhielt.

Quelle: RP
 
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