| 00.00 Uhr

Serie Vor 116 Jahren
Er machte Kempen in der Welt bekannt

Serie Vor 116 Jahren: Er machte Kempen in der Welt bekannt
Das hier abgebildete Gemälde ist eines von drei Thomas-Bildern, die 1629 Franz Kesseler aus Köln fertigte. Es wird im Kramer-Museum aufbewahrt. Ein zweites hängt in der Propsteikirche, das dritte befand sich in der Burg, wo es im Dreißigjährigen Krieg zerstört wurde. FOTO: Wolfgang Kaiser
Kempen. Es war der "Herbst des Mittelalters", in dem Thomas von Kempen gewirkt hat. Die katholische Kirche war desolat, die Ausübung des Glaubens auf Äußerlichkeiten fixiert. Die alte Ordnung Europas, von Kaiser und Papst bestimmt, wurde durch Nationalstaaten ersetzt. An die Stelle des Adels trat allmählich das Handel treibende Bürgertum. Erfindungen wie das Schießpulver und der Buchdruck leiteten die Neuzeit ein. Die Menschen spürten, dass eine neue, ihnen unheimliche Zeit kam. Sie sehnten sich nach einem festen Halt, nach unumstößlichen Werten. Thomas hat sie ihnen gegeben und wirkt heute noch nach. Von Hans Kaiser

KEMPEN Kempen ist im späten Mittelalter das unbestrittene Zentrum in der Region. Seine Einwohner sind aktiv und aufgeschlossen. Hier ist das religiöse Leben intensiver und vielgestaltiger als in vergleichbaren Orten. Thomas hat die Gottesdienste, Prozessionen und Wallfahrten eindringlich mitbekommen, wurde er doch im Schatten der Pfarrkirche geboren, in der Nähe des heutigen Hauses An St. Marien 12; 1379 oder 1380, genau wissen wir das nicht. Sein Nachname war "Hemerken", gleich "Hämmerchen", was annehmen lässt, dass sein Vater ein Schmied war - oder ein Schuster.

Als Kind fromm und fleißig, besucht er die seit 1353 bezeugte Lateinschule am Kirchplatz. Die kann ihm bald keine angemessene Ausbildung mehr bieten; hier werden Knaben nur soweit unterrichtet, dass sie den lateinischen Gottesdienst im Chor begleiten können. So folgt er schon mit dreizehn oder vierzehn Jahren seinem älteren Bruder Johann in die heutigen Niederlande nach Deventer, wo er sieben Jahre lang an der renommierten Stadtschule lernt. Sprachliche Probleme gibt es nicht, in Deventer spricht man damals niederdeutsch wie in Kempen. Hier schließt er sich der "Gemeinschaft der Brüder vom gemeinsamen Leben" an, einer Art geistlicher Wohnkommune, die die Lehren des Evangeliums in das Leben der Menschen einbringen will. Für Thomas eine prägende Zeit.

Kempen ist stolz auf seinen größten Sohn. Zahlreiche Gebäude, Institutionen und Produkte tragen seinen Namen. FOTO: Nachlass Karl Wolters

Bald breiten sich Zellen dieser Gemeinschaft in weiten Teilen Deutschlands aus. "Devotio moderna", die "Neue Frömmigkeit", nennt man ihre Bewegung; sie ringt im Vorfeld der Reformation um eine Erneuerung des katholischen Glaubens. Ihre Lehre hängt keinen mystischen Träumereien nach, sie hat handfest das Alltagsleben im Blick. Zwar werden die Brüder auf dem Konzil, das von 1414 bis 1418 in Konstanz tagt, der Ketzerei beschuldigt, weil sie die Heilige Schrift für das einfache Volk verständlich machen wollen. Aber der bedeutende Gelehrte Johannes Gerson, Rektor der Universität Paris, legt dar, dass die vom Weg abgekommene katholische Kirche nur durch solche Männer von Tugend und Sitte reformiert werden könne.

Mitte 1399 tritt der Kempener in das wenige Monate zuvor eingeweihte Augustiner-Chorherrenstift auf dem Agnetenberg bei Zwolle ein. Kein Zufall, sein Bruder amtiert dort als Prior. Hier lebt Thomas 72 Jahre lang, bis zu seinem Tode; fromm und freundlich, ein kluger Mann von sanftem Gemüt. Am wohlsten fühlt er sich allein mit einem Buch in seiner Zelle.

1413 wird er zum Priester geweiht. Er arbeitet akkurat und emsig als Kopist erbaulicher Schriften. Allein die Bibel hat er viermal in kunstvollen Buchstaben abgeschrieben - noch hat der Buchdruck sich nicht durchgesetzt. 38 eigene Werke hat Thomas a Kempis hinterlassen, von Texten anderer Autoren durchsetzt, Quellenangaben schienen damals nicht nötig. Darunter Biografien wegweisender Männer der "Devotio moderna" und eine Chronik seines Klosters Agnetenberg. Längere Zeit widmet er sich der Ausbildung der Novizen. Aus dieser Tätigkeit geht sein vierteiliges Werk "Nachfolge Christi" ("De imitatione Christi") hervor; Lebensregeln für künftige Mönche, von gesundem Menschenverstand geprägt. Thomas von Kempen ist ein Autodidakt, kein studierter Gelehrter. Der Erfolg seiner "Nachfolge" liegt in der Tiefe und Ehrlichkeit ihrer Gedanken, aber auch in der klaren, gefälligen Sprache ihres mittelalterlichen Lateins. Gefördert wird die Verbreitung des Werkes dadurch, dass die Katholische Kirche den Text weltweit als Bildungs- und Missionsschrift vertreibt. Ob die "Imitatio" wirklich von dem in Kempen Geborenen stammt, war lange umstritten, scheint neuerdings aber gesichert.

Und der Inhalt? Thomas predigt den Rückzug aus der Welt ("Alles ist eitel!") und fordert von jedem Gläubigen die Überwindung seiner Eigensucht. Leiblichen Freuden steht der Asket ablehnend gegenüber: "Verschmähe, was äußerlich ist, gibt Dich dem Inneren hin, und Du wirst sehen, das Reich Gottes wächst in Dir." Kurz: Wenn sich der Mensch von allem Weltlichen völlig gelöst hat, wird er frei für seine spirituelle Vereinigung mit Gott. Aus der Imitatio spricht eine schlichte und praktische Theologie, die zum guten Tun anleitet: "Fürwahr, besser ein armer Bauer, der Gott dient, als ein stolzer Gelehrter, der die Sterne studiert und darüber seine Seele vergisst." Mit psychologischen Erkenntnissen fordert Thomas zu Selbstkritik und Lernfähigkeit auf: "Wir sähen es gern, dass andere in strenge Zucht genommen würden; aber für uns selbst lehnen wir strenge Zucht ab."

"Wenn wir, von der Verantwortung unseres Lebens ermüdet, eine Zuflucht suchen, gibt es keine bessere als bei Thomas von Kempen", hat der amerikanische Kulturhistoriker Will Durant hervorgehoben. Die Nachfolge Christi hat bedeutende Persönlichkeiten fasziniert, die Verantwortung trugen: Papst Johannes Paul I. las darin noch in der Nacht seines Todes; Papst Johannes XXIII. konnte ganze Passagen auswendig. Der Uno-Generalsekretär Dag Hammarskjöld führte das Buch bei seinem Flugzeugabsturz im Handgepäck. Zu den Verehrern des Werkes gehörten Ignatius von Loyola, Gottfried Wilhelm Leibniz und Dietrich Bonhoeffer. In Tolstois "Krieg und Frieden" und in anderen Romanen ist von der Imitatio die Rede.

Kempen hat den 450. Todestag seines großen Sohnes 1921 festlich begangen, den 500. 1971 und seinen 600. Geburtstag 1980. Bei einer eindrucksvollen Gedenkfeier zum 540. Todestag 2011 setzte der Vorsitzende des Thomas-Vereins und ehemalige Chef des Thomaeums, der 2013 verstorbene Georg Strasser, bemerkenswerte Akzente. Thomas? Andenken pflegen vor allem die 1979 gegründete Thomas-Stiftung-Kiefer und seit 1993 ein neuer Thomas-Verein. Die wissenschaftliche Forschung fördert das Thomas-Archiv, 1987 gegründet und 1989 aufwendig im Kempener Kulturforum eingerichtet.

Thomas' Name ist in der Stadt vielfach präsent: Vom Gymnasium Thomaeum, wo eine Bronzeplastik ("Thomasleuchter") des bedeutenden Künstlers Ewald Mataré an ihn erinnert, über die Thomas-Buchhandlung bis zum Kräuterlikör Thomas-Bitter. In Südindien gibt es das Familiendorf "Thomas-a-Kempis-Town" in der Patenschaft der Propsteigemeinde. Seit 1985 trägt Kempens Evangelische Kirche seinen Namen. Der Kempener Bridge-Club hat gerade zum siebten Mal sein alljährliches Thomas a Kempis-Turnier durchgeführt, vor allem um die zahlreichen Gäste zu ehren, die den Weg über die Grenze aus den Niederlanden nach Kempen fanden. Freilich: Selig- oder gar heilig gesprochen wurde der bescheidene Thomas von Kempen nicht. "Er war und bleibt aber pius, zu deutsch: fromm, wie es auf seinem Schrein in Zwolle steht", hat Alt-Propst Dr. Josef Reuter angemerkt. "Das sollte uns in Kempen genügen."

In der nächsten Folge: Kempen - Knotenpunkt der Eisenbahn

Quelle: RP
 
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Serie Vor 116 Jahren: Er machte Kempen in der Welt bekannt


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.