| 21.51 Uhr

Stadt Kempen
Die Frau, die Nepal nicht vergessen hat

Lehrerin und Helferin – Eva Daubenspeck in Nepal
Lehrerin und Helferin – Eva Daubenspeck in Nepal FOTO: Eva Daubenspeck / Support for Challing, Nepal
Stadt Kempen. Eva Daubenspeck (27) aus Kempen hat ein halbes Jahr in Nepal als Lehrerin gearbeitet. Nun sammelt sie mit einer eigenen Hilfsorganisation Spenden, um in "ihrem" Dorf Challing die Folgen der schweren Erdbeben vom 25. April zu lindern. Von Tobias Jochheim

Wer Eva Daubenspeck für naiv hält, für eine Schreibtischwohltäterin oder gar für mediengeil, der kennt die Geschichte vom Tiger nicht.

Das Raubtier kam gegen Mitternacht, vor rund drei Wochen, zur Halbzeit ihrer jüngsten Reise ins nepalesische Dörfchen Challing, um den Hund des Nachbarn zu holen, und als der sich in seine Hütte zurückzog, wo ihn die Wildkatze nicht erreichte, ließ die sich stattdessen vor der Hütte der zierlichen Grundschullehrerin nieder, atmete vernehmbar und fauchte in regelmäßigen Abständen dazu. Eine Stunde lang ging das so, schätzt Daubenspeck, vielleicht auch bloß eine halbe.

Aber was heißt bloß? Die Hütte, in der sie alleine schlief, besteht vor allem aus Wellblech und gutem Willen. Mit einer Tür war sie erst zwei Tage zuvor ausgestattet worden. Mit Fenstern überhaupt nicht. Durch die zwei quadratmetergroßen Maueröffnungen wehte eine nächtliche Brise, die ihr zuvor sehr willkommen gewesen war. Sie schlief nicht allzu gut in dieser Nacht und auch nicht in denen danach. Davon, dass sie sich den Besuch des Tigers nicht bloß eingebildet hatte, zeugten dessen Spuren im Schlamm am Morgen danach.

WhatsApp-Chat über einen Tiger vor der Hütte FOTO: privat

Rund 30 000 Euro hat die 27-Jährige in den vergangenen Monaten eingetrieben, bei Familie, Freunden und Wildfremden, um die Folgen einer ganzen Serie von Erdbeben in "ihrem" 8000-Einwohner-Dorf zu lindern. Mit diesen Spenden wurden Zelte, Seife, Waschmittel und Tonnen von Reis verteilt, die Schmerztherapie für einen Krebspatienten im Endstadium finanziert, drei Schwangeren eine Geburt in steriler Umgebung ermöglicht, Medikamente angeschafft und schließlich Hütten für 200 Familien repariert oder komplett neu gebaut.

In der ersten Jahreshälfte 2014 war die 27-Jährige erstmals nach Challing gekommen, für einen freiwilligen Einsatz als Englischlehrerin. Das Abenteuer wurde zur Romanze: "Teacher Eva" verliebte sich in das Land, das zu den ärmsten der Welt gehört. 28 Millionen Nepalis leben zwischen Indien und China, nahe Bhutan und Bangladesch, auf einer Fläche doppelt so groß wie Bayern. Acht der zehn höchsten Berge der Erde stehen in Nepal, was Touristen her- und einigen wenigen auch viel Geld einbringt.

Die meisten aber schlagen sich als Bauern durch. Politisch ist die Lage auch lange nach dem Ende des zehnjährigen Bürgerkriegs zwischen Maoisten und Monarchisten vor neun Jahren instabil. Fast alles stagniert in dem chaotischen Land. Das Einzige das wächst ist die Zahl der Tiger, was zumindest die Tierschützer im fernen Westen schwer begeistert. Dieses geplagte, raue, aber landschaftlich wunderschöne Fleckchen Erde wurde am 25. April von einem Erdbeben der Stärke 7,8 erschüttert.

Nach den Erdbeben: Menschen bauen in Nepal ihre Heimat wieder auf FOTO: Helmut Michelis

22.000 Menschen wurden teils schwer verletzt, beinahe 9000 verloren ihr Leben, Hunderttausende ihre Wohnungen. Schnell liefen internationale Hilfsaktionen an, doch bei der Verteilung der Güter stellten sich die von Vetternwirtschaft und Korruption durchzogenen Behörden quer. Auf dem Land kam jedenfalls wenig an, in Challing überhaupt nichts, obwohl es nur ein paar Kurven hinter der bei Touristen beliebten Königsstadt Bhaktapur liegt und auch nur 20 Kilometer von der Hauptstadt Kathmandu entfernt.

Eva Daubenspeck (Abitur in Mülhausen, Studium in Paderborn, Referendariat in Aachen) lebt längst wieder in einer anderen Welt - sie unterrichtet an einer Berliner Privatschule: Waldschule Gerdes, das heißt 18 Kinder pro Klasse, nicht mal 60 und mal auch nur zwei wie in an der Shree Krishna Higher Secondary School. Klavierübungen nach den Schulstunden statt Arbeit im Steinbruch währenddessen, um die Familie durchzubringen. Doch vergessen hat sie ihre zweite Heimat in 9015 Kilometer Entfernung nicht.

Verdrängt sind der ewige Reis zu jeder Tages- und Nachtzeit, die rustikalen Hygienestandards und die Pläne mit den Zeiten, zu denen es Strom gibt, die sich per SMS anfordern lassen, aber auch im besten Fall eher als grobe Leitlinie dienen. Was nicht verblasst: Die Sehnsucht nach dem goldenen Licht, dem Läuten der Gebetsglocken, dem gemeinsamen Teetrinken zu jeder Gelegenheit. Die Herzlichkeit und Wärme der Nepalis. Der fast auf null entschleunigte Alltag.

Fotos: So verlaufen die Bergungsarbeiten in Nepal FOTO: afp, RAB

Mehr als ein paar Brocken Nepalesisch kann sie nicht, aber mehr braucht auch nicht, wer über Mimik, Gestik und ein Herz verfügt. Als sie vom Erdbeben hörte, war Daubenspeck erst geschockt, dann verzweifelt und schließlich wütend. Ihre damalige Gastfamilie, Kollegen und Schulkinder waren wohlauf, das erfuhr sie schnell über Facebook. Zum Glück war die Katastrophe am Mittag über das idyllische Dorf hereingebrochen, als sich die meisten draußen aufhielten. Doch viele der mit mehr Gottvertrauen als Rücksicht auf Statik konstruierten Häuser waren zusammengestürzt, die wenigen wertvollen Tiere erschlagen, Reisfelder von Erdrutschen verschüttet. Und Hilfe kam und kam nicht.

Überlebt hatten fast alle in Challing, das Weiterleben aber war ein echtes Problem. Also ging Eva ans Werk, am anderen Ende der Welt, aber mit viel Unterstützung von ihrer Schwester Lisa (30) und in ständigem Austausch mit ihrem guten Freund Ashok Giri (24) vor Ort.

Badminton, Bücher und ihre Freunde mussten ab sofort ohne sie auskommen, jede freie Minute widmete sie in drei der vier Monate seit dem Beben ihrer Do-it-yourself-Hilfsorganisation "Support for Challing" - und im vierten flog sie wieder hin. "Das ist schon wie ein halber zusätzlicher Beruf" sagt Daubenspeck, die sich alles selbst beibrachte, heute, wenige Tage nach ihrer Rückkehr. Ganz zu Anfang hatte sie schon Respekt vor dem Anlegen einer Website für das Projekt. Dann stieß sie auf eine Art Baukasten-System. Mit als Erstes fügte sie das Leitmotiv ihres Projekts ein: "Viele kleine Leute an vielen kleinen Orten, die viele kleine Dinge tun, können das Gesicht dieser Welt verändern."

Längst haben sie nicht nur kleine, sondern mittelgroße Dinge getan, mindestens. Längst gibt es in Challing eine Non-Profit-Organisation namens "Kleine Pflanze Hoffnung", deren Vorstand gemeinsam entscheidet, wer was benötigt, um Ashok Giri zu entlasten. Die Originalrechnungen für alle Ausgaben senden die Helfer vor Ort an Evas Schwester Lisa (30), die als Wirtschafts-Fachfrau Kassenwartin ist. Die Eintragung als Verein steht bevor, die Papiere liegen seit sechs Wochen beim Amtsgericht. Das hätte vor allem den Vorteil, dass Spender in Zukunft auch Quittungen bekommen würden. Die bisherigen Geber hatten sich davon nicht abschrecken lassen, Daubenspeck selbst sowieso nicht. Papiertiger verlieren ihren Schrecken, nachdem man einem echten begegnet ist.

"Eva bahini", die "kleine Schwester Eva", wie sie in und um Challing längst bekannt ist, hat andere angesteckt mit ihrem Engagement, das ganz ohne missionarischen Eifer auskommt und mit angenehmer Medienscheu. Jede der Posen auf den Fotos wirkt angestrengt. Egal. Nachbarn in Kempen spendeten ebenso wie ein Geschäftsmann aus der Schweiz. Ihre Schüler in Berlin verkauften Kaffee, Kuchen und ihre eigenen liebgewonnenen Hörbücher für den guten Zweck. Claudia Eitel aus Neersen hat der erste RP-Artikel über das Projekt nicht losgelassen. Die zehn Ziegen, die mit ihrer Spende angeschafft werden, grasen bereits in Challing. Und in den Einladungen zum anstehenden 50. Geburtstag bittet Eitel ihre 120 Gäste anstelle von Geschenken für sie selbst dringend um Spenden für die Bürger von Challing. "Wir hier haben doch fast alles", sagt sie, "und dort kann man mit so wenig so viel bewegen."

Ein Dach über dem Kopf haben in Challing nun alle, doch die Hütten werden aller Voraussicht nach nicht allzu lange halten. Vier Betten auf 15 Quadratmetern sind keine Dauerlösung, nicht bei 45 Grad Hitze und schon gar nicht im Winter. Und ob Nutztiere oder Kleidung, Möbel oder Schulmaterialien - der Himmel über dem Himalaya ist nicht nur weit, dort ist auch sehr viel Luft nach oben.

Eva Daubenspeck wird es bald wieder hinziehen, vielleicht auch die neugierige, reiselustige Claudia Eitel mit ihrem Mann oder eines ihrer vier Kinder. Daubenspecks Hütte könnte dort als Hostel dienen. Eine Luxusausstattung hat sie bereits: Doppelbett, Tisch und Schrank, Solarzellen auf dem Dach, Fernseher und W-LAN, Teppich und Ventilator. In ihrer Dankbarkeit haben die Menschen von Challing sogar ein Aquarium eingebaut. Dass die meisten Fische schon wieder verendet sind, trägt Daubenspeck mit Fassung.

Hilfreicher gegen den Tiger ist ohnehin der eigens angeschaffte Schäferhund Tarzan (für den sie gerade eine Jane suchen, zwecks Zucht). Fensterscheiben hat die Hütte immer noch nicht. Aber was nicht ist, kann noch werden. Wird noch werden.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Eva Daubenspeck: Die Frau, die Nepal nicht vergessen hat


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.