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Stadt Kempen
Friedensvisionen aus Flandern

Stadt Kempen: Friedensvisionen aus Flandern
Paul und Ingrid Wolters haben die Erzählungen "Die Mutter" und "Die Wölf" des flämischen Autors Ernest Claes neu übersetzt. Jetzt ist es im Cordier-Verlag neu erschienen, rechts die belgische Originalausgabe. FOTO: WOLFGANG KAISER
Stadt Kempen. Die Kempener Ingrid und Paul Wolters übersetzten zwei Erzählungen des bekannten flämischen Dichters Ernest Claes. Jetzt liegt ihr Buch "Die Mutter - Die Zwölf" vor, erschienen im Cordier-Verlag in Heiligenstadt. Von Heribert Brinkmann

Eine passende Lektüre für die Weihnachtszeit ist jetzt ganz neu erschienen - auch wenn die Texte aus den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts stammen. Geschrieben hat sie der flämische Dichter Ernest Claes. Dass die Texte jetzt auf Deutsch vorliegen, dafür haben zwei Kempener gesorgt: Ingrid und Paul Wolters.

Ingrid Wolters hat sich in Kempen vielfältig ehrenamtlich engagiert. Sie war Stadtführerin, kümmerte sich um Legastheniker und erklärte die Kunstschätze der Kempener Kirche. Zuletzt hat sie über viele Jahre in Kempen die Felix-Timmermans-Gesellschaft geleitet. Dieser flämische Dichter war mit Ernest Claes befreundet. Beide hatten in Deutschland viele Leser gefunden. Felix Timmermanns ist gerade Ehrenbürger seiner Heimatstadt Liers bei Antwerpen geworden.

Paul Wolters, dessen Großmutter mütterlicherseits eine Niederländerin war, ist zweisprachig aufgewachsen: Deutsch und Niederländisch. Natürlich spricht er auch Kempener Platt und Limburger Dialekt. Der ehemalige Lehrer für Mathematik, Chemie und Physik übersetzt die Texte aus dem Niederländischen, seine Frau Ingrid, die Germanistik studierte, überarbeitet die Texte sprachlich. Besonders stolz sind sie auf Timmermans Gedichtband Adagio (bereits die dritte Auflage).

Über Timmermans sind die Wolters erneut auf Ernest Claes gestoßen. Denn Paul Wolters kennt den Dichter bereits aus seiner Kindheit. Ein Kaplan schenkte dem damaligen Messdiener die Claes-Bücher "Der Pfarrer aus dem Kemperland" (in Flandern) von 1940 und den dessen bekanntestes Buch "Flachskopf" von 1930. Der Insel-Verlag, damals in Leipzig ansässig, brachte in den 1930er-Jahren jedes Jahr ein Claes-Buch heraus. Seine Bücher erzielten hohe Auflagen. Zu den Lesungen in Deutschland kamen immer sehr viele Leser. Heute ist er wieder etwas in Vergessenheit geraten, zu Unrecht. Denn seine Geschichten, die von Pazifismus und einem starken Glauben getragen sind, erscheinen heute wieder sehr aktuell.

"Die Zwölf" ist eine fast unheimliche Weihnachtsgeschichte. Diese "Friedensvision" mit dem exakten Titel "Die Zwölf und die tausend Mütter" handelt von zwölf unbekannten Soldaten verschiedener Nationen, die in der Christnacht ihre Gräber verlassen und in aller Welt um Frieden bitten wollen. Sie begegnen der weihnachtlich gestimmten Familie, der Tochter, der Frau, der Mutter von Soldaten, sie klopfen an die Türen der Mächtigen, die über den Tod von Millionen Menschen entscheiden - und sie werden zuerst überall abgewiesen. Doch am Ende folgen die Mütter von allen Enden der Welt in endlosen Zügen zum Kreuz auf Golgatha. Als Claes sein Werk 1939 (!) Filmleuten vorlegte, wurde es als "zu pazifistisch und zu christlich" abgelehnt.

Die Erzählung "Die Mutter und die drei Soldaten" gilt vielen als ein schönes Plädoyer für Frieden, Menschlichkeit und Versöhnung. Im Mittelpunkt steht eine flämische Mutter, deren Söhne an der Front kämpfen - ein Kind hat sie bereits verloren. Da werden auf ihrem Hof drei deutsche Soldaten einquartiert. Die anfängliche Ablehnung der Feinde weicht allmählich einem pragmatischen Miteinander - man hilft sich gegenseitig, bis ihr die deutschen Soldaten wie eigene Kinder ans Herz gewachsen sind.

Diese Geschichte, 1953/54 erschienen, war 1957 bei Herder auf Deutsch herausgegeben worden. Ingrid und Paul Wolters haben sich jetzt zu einer Neuübersetzung entschieden. Zurzeit arbeiten die beiden bereits an einem neuen Buch. Paul Wolters übersetzt gerade Claes' Buch "Bei uns in Deutschland", die Schilderung seiner Kriegsgefangenenschaft in Thüringen.

2003 haben Ingrid und Paul Wolters bereits in der Heiliggeistkapelle in Kempen aus der früheren Ausgabe von "Die Zwölf" gelesen. Auch mit den Timmermans-Büchern haben sie viele Lesungen veranstaltet. Doch solche Reisen sind dem Ehepaar heute zu viel. Die 79- und der 82-Jährige konnten gerade ihre goldene Hochzeit feiern. Kennengelernt haben sie sich in der Tanzstunde. Das Paar, das vier Kinder und viele Enkel hat, will jetzt mehr die Familie genießen. Aber von der Leidenschaft für Literatur und Bücher können sie beide nicht lassen. Das neue Buch mit den Illustrationen von Leo Fabri ist sehr schön geworden. Statt eines Nachwortes durften sie einen Text von Erich Kästner abdrucken, den er 1948 nach dem Zweiten Weltkrieg geschrieben hat - und der wunderbar zu Claes passt: "Das Märchen von der Vernunft."

Quelle: RP
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