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Serie Kempen In Der Nachkriegszeit (2)
Gefährliche Zeiten

Kempen. Am 3. März 1945, 67 Tage vor dem offiziellen Ende des Krieges am 8. Mai, haben amerikanische Truppen die Kreisstadt Kempen besetzt. Aber Frieden und Sicherheit sind noch in weiter Ferne. Von Hans Kaiser

KEMPEN In der Stadt Kempen sind bei Kriegsende 65 Gebäude durch Bomben und Artilleriebeschuss völlig zerstört. Eines ist das 1749 errichtete alte Rathaus, die Alte Waage am Marktplatz. 1967 erst tritt der heutige Neubau an seine Stelle. 93 Häuser sind schwer beschädigt worden, 600 leicht. Insgesamt sind 320 Wohnungen weggefallen. Die schwersten Beschädigungen sind an der Straßenkreuzung Mülhauser Straße, an der Wiesenstraße und am Möhlenring zu verzeichnen, außerdem an der St. Huberter Straße. Auch die Propsteikirche hat einen Bombentreffer abbekommen, im Innenraum häuft sich der Schutt. Beim Aufräumen helfen Freiwillige. Bauern fahren die Trümmer mit ihren zweirädrigen Karren ab. Fünf Jahre wird der Wiederaufbau dauern, von Propst Wilhelm Oehmen mit eisernem Willen vorangetrieben, fachlich geleitet vom Kempener Architekten Eugen Schumacher und oft ohne Entgelt unterstützt von opferbereiten Kempener Bürgern.

Die befreiten Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter aus dem Osten werden in Kempen auf der Burg, in der Mädchenvolksschule am Hessenring und dem daneben liegenden Gebäude des Tennisvereins Casino zusammengezogen. Fern der Heimat, haben die Deportierten Entbehrungen und oft auch Erniedrigungen erleiden müssen. 1941 sind drei polnische Gefangene, die in Kempen Zwangsarbeit verrichten mussten, wegen so genannter Rassenschande hingerichtet worden.

Die Wut der Osteuropäer entlädt sich vielfach auf gewalttätige Weise. Viele von ihnen dringen plündernd in die Häuser ein, auf der Straße nehmen sie den Passanten Uhr, Geldbörse und Ringe ab. In kleinen und großen Gruppen ziehen sie über das flache Land, suchen Bauernhöfe heim, erzwingen mit vorgehaltenem Revolver die Herausgabe von Lebensmitteln, Kleidern und Wertgegenständen. Sie schlachten das Vieh, misshandeln oft ehemalige Dienstherren. Und es kommt zu Morden.

In der Nacht vom 12. zum 13. April 1945 überfallen Polen und Russen den Vinnhof in Schmalbroich. Dabei wird der Bauer Karl Riekelen durch einen Messerstich in der Herzgegend schwer verletzt und stirbt morgens um 4.30 Uhr. Am 19. April 1945 stirbt der Landwirt Heinrich Hubert Steves, Steveshof, im Krankenhaus an einer Rückenmarksverletzung, die ihm bei der Verteidigung seiner Familie befreite "Ostarbeiter" zufügten. Johannes Borgs vom Spooshof wird mit einer Axt niedergeschlagen. Er hat wohl dadurch überlebt, dass er sich tot stellte, als die Polen ihn niedergeschlagen hatten, und sie ihn für tot liegen ließen. Am 11. Mai verstirbt im St. Huberter Antonius-Hospital die Bäuerin Josefa Christina Achten, Unterweiden 85, an einer Gehirnverletzung, beigebracht durch einen Kopfschuss. Am 10. Juni 1945, morgens um 3 Uhr, wird in Tönisberg der Bauer Peter Boyen, wohnhaft Siebenhäuser Straße 3, durch einen Genickschuss getötet. "Es ist bekannt, dass Boyen vor Kriegsende die Aufsicht über die ,Fremdarbeiter' beim Ausheben des Tönisberger Panzergrabens quer über den Berg mit strenger Hand führte", hat Jahrzehnte später Hans Krudewig berichtet. Einige dieser Anschläge sollen auch unter der Anführung deutscher Krimineller abgelaufen sein. Um ein wenig Sicherheit zu schaffen, bilden die Einwohner der ländlichen Bezirke Bürgerwehren: eine so genannte Landwacht. Am 30. Juni 1945 ordnet der Kempener Landrat an, dass an ihre Stelle Hilfspolizisten treten, die auch in der Nacht Streife zu gehen haben. Ihre Ausrüstung besteht aus Gummiknüppeln und Stöcken. Aber noch am 24. August 1945 verstirbt im Kempener Krankenhaus die Verkäuferin Margarete Klask (21) an einer Schussverletzung des linken Oberarms und des Unterleibs. In keinem der hier genannten Fälle können die Täter ermittelt werden.

Der Krieg ist zu Ende, aber Opfer fordert er immer noch. Wie den achtjährigen Max Ferdinand Brinkhoff aus St. Hubert, Tönisberger Straße 26, am 17. Mai 1945. Beim Spielen mit einer Artilleriegranate ist diese explodiert; Splitter haben das Kind schwer verletzt. Wie den Bauern Johannes Genneper vom Kemmerhof in St. Peter am 13. Juni 1945. Bei der Feldarbeit stößt er auf einen Blindgänger, eine nicht detonierte Granate. Sie geht hoch und verwundet ihn. Kurz darauf stirbt er.

Der Krieg ist zu Ende, aber er hat Strandgut hinterlassen - Ausrüstung, Munition und Waffen, die meisten kurz vor Toresschluss von flüchtenden Soldaten und Volkssturmmännern weggeworfen. Anderthalb Jahre lang steht ein abgeschossenes deutsches Sturmgeschütz auf einem Kempener Wirtschaftsweg, etwa 100 Meter hinter der Kapelle St. Peter und dem Bauernhof Zens. Daneben eine Zugmaschine, die es in einer Gefechtspause abschleppen sollte. Zeugnis der Rückzugskämpfe, die sich am 2. März 1945 die deutsche Panzerlehrdivision mit nachstoßenden US-Tanks lieferte. Im November 1946 werden die Wehrmachtsfahrzeuge von der Schrott-Firma Johannes Dondit aus Schaag entsorgt.

An der Vorster Straße, am Bahnübergang des Schluff, der Industriebahn nach Mülhausen-Süchteln, sind Ende Februar 1945 zwei 21-Zentimeter-Artilleriegranaten in den Boden versenkt worden, jeweils 250 Pfund schwer. Von außen nicht sichtbar, sollten sie den Übergang sprengen, sobald die Amerikaner sich näherten. Aber dann versagte die Fernzündung. Eine der Granaten verpuffte nur. Im April 1983 legte ein Baggerführer die Sprengkörper frei. Der Düsseldorfer Kampfmittelräumdienst entschärfte sie, zu Schaden kam niemand mehr.

(Fortsetzung folgt)
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