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Stadt Kempen
Glücksspiel boomt - Gemeinden profitieren

Stadt Kempen. Immer mehr Geld wird an Automaten verzockt. Dabei sind viele der Spieler süchtig und gefährden ihre Existenz. Die Kommunen profitieren von der Spielsucht — durch die Vergnügungssteuer nehmen sie viel Geld ein. Von Joris Hielscher und Marc Schütz

Wer mit Spielsüchtigen spricht, hört oft dramatische Geschichten voller Scham, Verzweiflung, Lug und Betrug. An den blinkenden Automaten in dunklen Spielhöllen verspielen Menschen ihr ganzes Hab und Gut. Und mehr noch: Oft machen sie Schulden, gefährden ihre berufliche Existenz und belügen Familie und Freunde.

Solche Dramen sind im Kreis Viersen sehr viel wahrscheinlicher geworden. Nach den aktuellen Zahlen der Landeskoordinierungsstelle Glücksspielsucht NRW, die seit 1998 Daten zum Glücksspielmarkt sammelt, wird auch hier vor Ort immer mehr Geld verzockt. Der Arbeitskreis gegen Spielsucht in Unna hat im Auftrag die Zahl der Geldspielgeräte in den Kommunen ermittelt und den Kasseninhalt - das Geld, das am Ende des Tages im Automaten bleibt - mithilfe von Studien geschätzt.

Demnach sind 2015 in der Stadt Kempen an 58 Automaten in Gaststätten und Spielhallen gut 960.000 Euro verzockt worden. In der Gemeinde Grefrath, die nicht mal halb so viele Einwohner hat, waren es an 47 Geräten immerhin etwa 984.000 Euro. Noch mehr Geld wird mit dem Glücksspiel in den Machbarstädten gemacht: in Willich an 145 Automaten wurden rund 3,4 Millionen Euro verspielt, in Tönisvorst an 124 Geräten etwa 3,3 Millionen Euro. In der Kreisstadt Viersen waren es an 394 Automaten sogar mehr als zehn Millionen Euro.

Allerdings sind diese Zahlen grobe Schätzungen, zumal die Anzahl der Geräte stetigen Schwankungen unterliegt. Recherchen zeigen, dass die Größenordnung aber grundsätzlich stimmt. 145 Geräte bestätigt die Stadt Willich auf Nachfrage, 147 Glücksspielautomaten meldet die Stadt Tönisvorst, 47 die Stadt Kempen.

Die Städte und Gemeinde erheben Vergnügungssteuer und erhalten so einen gewissen Prozentsatz des Einspielergebnisses je Gerät oder des Spieleinsatzes. Die Kommunen nehmen so immer mehr Geld ein. Kempen kassierte 2011 rund 37.000 Euro Vergnügungssteuer aus Glücksspiel, 2013 waren es etwa 51.000 Euro und 2015 bereits fast 72.000 Euro. "Obwohl die Anzahl der aufgestellten Geräte sich in den letzten Jahren nicht signifikant verändert hat, ist das Einspielergebnis deutlich gestiegen. Die Gründe hierfür liegen wohl an dem scheinbar ungebrochenen Interesse der Spieler", heißt es aus der Kempener Verwaltung.

Dabei lag der Steuersatz in der Thomasstadt mit 10 Prozent auf das Einspielergebnis im Vergleich zu den Nachbarkommunen recht niedrig, er wurde zu diesem Jahr auf 20 Prozent angehoben - weshalb die Stadt mit Mehreinnahmen von 50.000 bis 60.000 Euro jährlich rechnet. In Grefrath liegt der Satz seit 2016 bei 15 Prozent für Gaststätten und 20 Prozent für Spielhallen, vorher waren es für beide 10 Prozent, sagt Kämmerer Wolfgang Rive. Zu den Einnahmen der Gemeinde aus dem Glücksspiel will er mit Verweis auf das Steuergeheimnis nichts sagen.

Wolfgang Rive wie die Kempener Stadtverwaltung sehen in der Erhöhung des Steuersatzes auch ein ordnungspolitisches Instrument: "Dabei soll die Aufstellung von Spielgeräten eingeschränkt werden, mit dem Ziel, die Spielsucht dadurch einzudämmen", heißt es in einer Verwaltungsvorlage der Stadt Kempen.

Ob dieses Mittel Erfolg hat, wird sich zeigen. Sicher ist, dass die Kommunen erheblich von dem Glücksspiel profitieren. Dabei stamme das Geld, das in den Automaten landet, häufig von Menschen, die spielsüchtig sind, erklärt Ilona Füchtenschnieder, Leiterin der der Landeskoordinierungsstelle. "Glücksspielsucht ist eine anerkannte Krankheit, bei der das Verlangen zu spielen nicht kontrolliert werden kann. Dabei bestimmt sie den Alltag der Süchtigen, die Familie, Berufsleben und soziale Kontakt vernachlässigen", sagt Füchtenschnieder.

Jeder Zehnte im Kreis Viersen spielt regelmäßig um Geld - die Tendenz steigt, weiß Dietmar Lufen vom Fachbereich Prävention bei der Suchtberatung Kontakt-Rat-Hilfe. "Ich kenne Klienten, die wenig verdienen oder Hartz IV bekommen. Sobald das Geld da ist, gehen sie in die Spielhalle und bleiben dort, bis sie alles verloren haben."

Quelle: RP
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