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Stadt Kempen
"Gott muss in den Herzen sein!"

Stadt Kempen: "Gott muss in den Herzen sein!"
Eine Familie aus dem Iran erzählt unserem Autor Hans Kaiser die Geschichteihrer Flucht. foto: franz-Heinrich Busch FOTO: Franz Heinrich Busch (bsen)
Stadt Kempen. Warum fliehen Menschen nach Deutschland? Die Gründe sind vielfältig und komplex. Hier die Geschichte einer Familie, die bei uns Freiheit für ihren Glauben sucht. Ihre Erstaufnahme fand sie in Kempen, ihr vorläufiges Zuhause jetzt in Viersen. Von Hans Kaiser

Wenn Saghar (39) aus dem Fenster ihrer Viersener Unterkunft guckt, sieht sie den Niederrhein: ziegelrote Backsteinhäuser und Wiesen, die in der Wintermilde grün geblieben sind. Vor einem Jahr war das noch anders. Da blickte sie auf die Zitronenbäume in ihrem Hof und auf die Mauer, 400 Meter lang, die ihr Grundstück begrenzte.

Viele Mauern waren im Iran gebaut worden, seit 1979 der Ajatollah Ruholla Chomeini Oberhaupt der neuen islamischen Republik geworden war. Das Regime der Mullahs wollte die Menschen isolieren. Sie sollten daran gehindert werden, Informationen und Meinungen auszutauschen. "Nicht in der Öffentlichkeit sollten sie ihr Glück suchen, sondern zu Hause", sagt Saghar in flüssigem Englisch. Sie ist Lehrerin; auch nach deutschen Begriffen eine kultivierte, gebildete Frau. Sachlich berichtet sie, wann zu Hause ein Lachen gefährlich sein konnte: Wenn es im falschen Moment geschah und außerhalb der Mauern.

Saghar kommt aus Busher im Südwesten des Iran, einer Stadt, die durch das nahe gelegene Kernkraftwerk bekannt geworden ist. Dort lebte sie mit ihrem Mann Sharam (47). Der betrieb einen Großhandel für Baustoffe, lieferte Zement, Stahlträger, Steine und Holzfenster; was man beim Hausbau so braucht. Das Geschäft lief gut, Sharam war in der Branche ein Experte. Nachwuchs machte das Glück komplett: 1996 kam Sara zur Welt, drei Jahre später Kourosh, 2009 der Nachzügler Kiean. Die Kinder gediehen prächtig, die Welt schien in Ordnung. Dann hatte die Familie ein Schlüsselerlebnis.

Einer ihrer Freunde hatte sie zu seiner Hochzeit eingeladen. Nach der Trauung in seinem Haus wollten die Gäste dort tanzen. Eine Musikgruppe aus dem Ort sollte aufspielen mit Kesseltrommeln und Keyboards. Das Tanzen an sich ist im Iran nicht verboten, wohl aber das gemeinsame Tanzen unverheirateter Frauen und Männer. Große Teile der iranischen Bevölkerung und vor allem die Basijs, die Moralwächter, verbinden Tanzen mit Prostitution, Nacktheit und Vulgarität, sehen darin einen Verstoß gegen die öffentliche Sittsamkeit. Der Lärm der Musiker drang nach draußen - bis die allzeit präsente Polizei vor der Tür stand. Wer sie damals alarmiert hat, ist bis heute nicht klar. Vielleicht ein Nachbar, vielleicht sogar ein Hochzeitsgast.

Die Folgen waren gravierend. Einige der Festteilnehmer wurden ins örtliche Gefängnis gebracht, darunter der Baustoffhändler Sharam. Fünf Tage verbrachte er in einer schmutzigen Zelle mit vier anderen Männern, bis das Gericht ihn zu 80 Schlägen verurteilte. Die Strafe wurde mit einem dicken Stromkabel vollzogen. Dann musste er unterschreiben, nie wieder auf einer Hochzeit zu tanzen. Ausgepeitscht wurden auch Frauen, die an der Feier teilgenommen hatten. "Es kommt vor", erklärt Saghar, "dass Frauen von der Polizei vergewaltigt werden, aber sie schweigen darüber. Sie schämen sich, nun entehrt zu sein, und müssen mit einer erneuten Verhaftung rechnen. Und damit, gefoltert zu werden."

Der iranische Baustoffhändler Sharam ist ein tief religiöser Mensch. Aber nach diesem Erlebnis beginnt er an seinem Staat, an seiner Gesellschaftsordnung zu zweifeln. Widersprüche tun sich auf. Die Basijs, die Moralwächter im Iran, behaupten, im Namen Gottes zu handeln. "Aber", fragt er sich, "wie kann Gott es zulassen, dass gute Bürger für ein so harmloses Vergehen so hart bestraft werden?" Mit seiner Frau kommt er zu dem Schluss: "In den Herzen muss Gott wohnen. Durch grausame Strafen kann die Liebe zu ihm nicht erzwungen werden." Das war der Ausgangspunkt zu grundlegenden Gesprächen: "Kann man weiter leben in einem solchen Glauben, in einem solchen Land?"

Sharam beginnt, an Gott zu zweifeln, ein Lebensinhalt ist ihm zerbrochen. Er betäubt seinen Kummer mit Alkohol. In seiner Verzweiflung knüpft er Kontakte zu Menschen mit ähnlichen Problemen, darunter iranischen Protestanten. Aber sie sind schon als Christen im Iran geboren und erleiden "nur" tägliche Diskriminierungen. Wer hingegen vom muslimischen Glauben zu einer anderen Konfession übertritt, dem droht im Iran lebenslange Haft, in einzelnen Fällen auch die Todesstrafe. Denn die Konversion gilt dort als eine Art Hochverrat an der gottgewollten Gemeinschaft. Sharams Sinneswandel bleibt den Behörden nicht verborgen. Über alle, die im Iran den Islam nicht praktizieren, werden dort Listen geführt, ebenso über die Orte, wo Christen sich treffen.

An einem Wochenende dringt die Polizei in Sharams Haus ein, nimmt seinen Computer mit und einige Bücher. Aus dem beschlagnahmten Material geht seine Beschäftigung mit dem christlichen Glauben hervor. Zum Glück ist der Baustoffhändler gerade mit einem Freund beim Angeln. Bekannte informieren ihn per Handy, und er weiß: "Mein Leben ist in Gefahr, ich muss mein Land verlassen." Telefonisch alarmiert er seine Frau. Eine Woche lang taucht die Familie im leer stehenden Haus eines Freundes unter, organisiert ihre Flucht - wohin? Das wissen sie noch nicht. England vielleicht, weil fast alle in der Familie Englisch können... Aber das wird sich später als unmöglich erweisen. Nur raus aus dem Iran und in den Westen, wo sie hoffen, frei leben zu können. Anfang August letzten Jahres holt ein Freund sie mit dem Auto ab, bringt sie auf Schleichwegen in ein Versteck an der türkischen Grenze. Auf der Ladefläche eines Lkw fahren sie mit anderen zum Fuß eines Berges, den sie eine stockdunkle Nacht lang in mühsamer Wanderung überqueren. In ihrer dünnen Sommerkleidung frierend, müssen sie darauf vertrauen, dass ihr Schlepper sie richtig führt. Dann sind sie in der Türkei.

Die Familie fährt zum nächsten Hafen, schifft sich ein in einem Schlauchboot, sieben Meter lang, zwei Meter breit. Zwei Stunden brauchen sie für die Überfahrt zur griechischen Insel Lesbos. Das Mittelmeer ist stürmisch, die Nacht ist kalt; jeden Moment droht ihre Gummiwanne zu kentern. So viele sind schon jämmerlich ertrunken auf dieser Strecke! Die Kinder weinen vor Angst. Zwei Stunden werden sie von der See hin- und hergeworfen, aber ihnen kommen sie vor wie zwei Tage.

Als dann der Strand auftaucht, drängen die 60 Menschen auf die Landseite des Schlauchboots. Das gebrechliche Fahrzeug bekommt Schlagseite, kippt in der Brandung um. Aber da stehen schon Helfer bereit, Freiwillige aus Norwegen, England und Dänemark. Die ziehen sie aus dem Wasser, bringen sie an Land. Drei Nächte und vier Tage verbringen sie auf Lesbos, schlafen zuerst im Freien, dann in einem Zelt. Isoliermatten schützen gegen die Kälte der Nacht. Es gibt keine Waschgelegenheit und keine Aborte. Die griechische Polizei fertigt die Migranten in Windeseile ab, fragt nicht, wohin sie wollen. Sie steckt die Familie in eine Gruppe, der sie als Ziel Deutschland zuweist. "Bleibt ja zusammen!", weisen die Beamten die Flüchtlinge an, und so ist für alle derselbe Weg vorgezeichnet. Teils zu Fuß, teils mit verschiedenen Verkehrsmitteln gelangt die kleine Schar über Mazedonien, Serbien, Kroatien, Ungarn nach Österreich.

Hier verschnaufen sie kurz im Flüchtlingslager Julbach. Bis Bayern sind`s nur noch sechs Kilometer. Ein Helfer bringt sie im Kleinbus zur grünen Grenze, die überqueren sie zu Fuß. Endlich in Deutschland, lotst die Polizei sie weiter in die provisorische Aufnahmestelle Breitenberg im Landkreis Passau. Dort werden sie notdürftig registriert. Bis zu 1000 Flüchtlinge kommen täglich in der 2000-Seelen-Gemeinde an, werden von freiwilligen Helfern betreut und per Bus auf die Bundesländer verteilt. Erst am Flughafen in Münster kann die überlastete Bundespolizei ihre Personalien überprüfen, nimmt Fotos und Fingerabdrücke.

Am 13. September 2015 trifft unsere iranische Familie mit 300 anderen, darunter 64 Kinder, in Kempen ein. Dort haben die Helfer vom Roten Kreuz, vom Technischen Hilfswerk und von der Feuerwehr, haben die Mitarbeiter von Stadt- und Kreisverwaltung fast bis zum Umfallen gearbeitet, um die 1244 Quadratmeter große Turnhalle des Berufskollegs, Kleinbahnstraße 61, als Notunterkunft herzurichten. Vier Quadratmeter stehen jedem Flüchtling zu, eine Privatsphäre gibt es nicht. Am 18. Dezember werden Sharam und seine Familie nach Boisheim gebracht, dann nach Lobberich, schließlich nach Viersen. Hier hat die fünfköpfige Familie endlich zwei Zimmer für sich. Und da leben sie nun, hoffen und warten, nutzen Deutschkurse. Die beiden älteren Kinder besuchen schon eine Förderklasse im Berufskolleg. Sara (19) hat im Iran die Hochschulreife erworben, will in Deutschland als Krankenschwester arbeiten und hofft zunächst auf ein Praktikum im St. Irmgardisstift Süchteln. Kourosh (17) ist mit dem Deutschen gewaltig vorangekommen. Er will Abitur machen und Medizin studieren. Sein Vater Sharam ist in Kempen von Pfarrer Michael Gallach nach gründlicher Befragung getauft worden. Gott wird ihnen weiter helfen, da ist er sicher.

Quelle: RP
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